Taliban-Kämpfer in Kabul | AP

Afghanistan Reden mit den Taliban - aber wie?

Stand: 09.09.2021 17:17 Uhr

Nach dem Abzugs-Desaster in Afghanistan wird in Berlin diskutiert, wie man mit den Taliban umgehen soll. Gerade jetzt, wo die Extremisten einen härteren Kurs gegen Frauen und Journalisten einschlagen.

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Nun häufen sie sich also: die Anzeichen dafür, dass die Taliban zunehmend ihr wahres, ihr hässliches Gesicht zeigen. Unangemeldete Demonstrationen verbieten die Extremisten vorerst. Journalisten ist es untersagt, über Proteste zu berichten.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Der Westen solle sich von den Taliban nicht täuschen lassen, warnt eine Aktivistin aus dem nordafghanischen Masar-i-Sharif: "Der Unterschied zwischen den Taliban heute und denen von vor 20 Jahren: Sie wissen, wie man lügt", berichtet die Frau, deren Name aus Sicherheitsgründen ungenannt bleiben soll. "Es sind dieselben Extremisten wie damals, die Frauen im öffentlichen Raum nicht akzeptieren können."

Einschüchterung, Bedrohung, körperliche Gewalt

Die Berliner Organisation Yaar hatte verschiedene Aktivistinnen aus Afghanistan per Video zugeschaltet, damit sie deutschen Journalisten von ihren Erfahrungen berichten konnten. Die Erzählungen aus Nordafghanistan decken sich weitgehend mit denen aus der Hauptstadt: Schienen die Taliban anfangs noch zu rätseln, wie sie mit den Protesten umgehen sollen, berichten Frauen und Journalisten nun zunehmend über Einschüchterung, Bedrohung, körperliche Gewalt.

Die für den Westen, für die Bundesregierung so heikle Frage lautet: Wie soll man mit den Extremisten umgehen? Wie mit ihnen reden? Denn dass man mit ihnen redet, ist klar: "Ich glaube, dass diese Sprache zu weich ist", beklagt der grüne Außenpolitik-Experte Omid Nouripour.

Den Taliban Entwicklungshilfe-Gelder in Aussicht zu stellen, wie die Bundesregierung das tue, sei der falsche Weg, meint Nouripour im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF. Richtig sei direkt an die Vereinten Nationen gezahlte humanitäre Hilfe: "Das ist etwas anderes als Entwicklungszusammenarbeit. Die Taliban haben keinerlei Interesse an der Entwicklung Afghanistans, sie wollen das Land in die Steinzeit zurückschleudern."

Locken mit Entwicklungshilfe-Geldern

Nun sind die Werkzeuge der Bundesregierung, auf die Taliban Einfluss zu nehmen, seit dem Abzug der Bundeswehr äußerst stumpf. Als eines der wirksamsten Mittel sieht man auch im Auswärtigen Amt das Locken mit Entwicklungsgeldern, die die Taliban dringend zur Verwaltung des Landes benötigten. Man habe das ja, wenn solche Gelder künftig fließen sollen, mit klaren Bedingungen versehen, betonte Außenminister Heiko Maas in den tagesthemen:

Die Einhaltung grundlegender Menschenrechte, insbesondere von Frauenrechten; der ungehinderte Zugang für die humanitäre Hilfe; die legale Ausreise auch von afghanischen Staatsbürgern und vor allen Dingen, dass Afghanistan kein neuer Hort für terroristische Organisationen wird.

Erst in den kommenden Wochen werde man sehen, so Maas, in welche Richtung sich die Dinge entwickeln, und ob man überhaupt wieder in Entwicklungszusammenarbeit einsteigen könne.

Wie im Gespräch bleiben - ohne das Regime anzuerkennen?

Dass man mit den Taliban derzeit schon deshalb redet, weil man ja rund 40.000 Ortskräfte und ihre Familien im Land zurückgelassen hat und auch noch bis zu 10.000 weitere Schutzbedürftige ausfliegen will, steht fest. Die knifflige, langfristige Frage lautet, wie man mit den Extremisten im Gespräch bleiben will, ohne gleichzeitig deren Regime anzuerkennen. AfD-Chef Tino Chrupalla hat auf diese Frage eine einfache Antwort: Man solle die deutsche Botschaft in Kabul öffnen und die Taliban-Regierung anerkennen, findet der Spitzenkandidat, um ausreisepflichtige Zuwanderer nach Afghanistan abschieben zu können.

Eine offizielle Anerkennung der Taliban, deren Kabinett ja auch der religiöse Hardliner und vom FBI mit einem Kopfgeld gesuchte Siradschuddin Haqqani angehört - das dürften die Frauenrechtlerinnen in Afghanistan als Verrat empfinden. 

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. September 2021 um 17:00 Uhr.