Ein Mann steht vor einem Tor mit der Aufschrift "Arbeit macht frei". | Bildquelle: dpa

Befreiung der Konzentrationslager "Die Ideologie der Nazis ist wieder da"

Stand: 27.04.2019 08:07 Uhr

Heute vor 74 Jahren befreite die US-Armee das KZ-Außenlager Kaufering in Bayern. Die Nazis hatten dort mehr als 6000 Menschen ermordet. tagesschau.de sprach mit dem Überlebenden Ernst Grube.

tagesschau.de: Wenn alljährlich Ende April, Anfang Mai der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus und auch der Befreiung der Konzentrationslager gedacht wird, ist das für Sie eine besondere Zeit im Jahr? Sie selbst sind ja am 8. Mai 1945 aus dem KZ Theresienstadt befreit worden.

Ernst Grube: Für meine Tätigkeit war das immer ein sehr wichtiger Moment: Die Begegnung mit Freunden und Mitstreitern, Gewerkschaftlern, Friedensfreunden, ehemaligen Häftlingen, Überlebenden. Zu erleben, dass ich nicht allein bin, das war für mich sehr wichtig.

Der KZ-Überlebende Ernst Grube
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"Diese Aufgabe habe ich mir gestellt: Mit der Erinnerung gegen das Vergessen zu kämpfen", sagt der KZ-Überlebende Ernst Grube.

tagesschau.de: Wie ist es jetzt, da die Überlebenden immer weniger geworden sind?

Grube: Na ja, ich bin praktisch der einzige Überlebende, der noch so aktiv an diesem Ort wirkt. Der letzte Aktive außer mir war Max Mannheimer, der vor zwei Jahren gestorben ist. In der Lagergemeinschaft Dachau sind heute vor allen Dingen Kinder und Enkel der ehemaligen Häftlinge aktiv.

Ernst Grube

Der Zeitzeuge Ernst Grube wurde im Dezember 1932 in München geboren. Während der NS-Zeit galt er als Halbjude. Seine Mutter war Jüdin, sein Vater nicht.
Da sich der Vater von der Mutter nicht scheiden lassen wollte, wurde Grube zunächst nicht aus München deportiert. Anfang 1945 wurde er mit seinem Geschwistern und seiner Mutter doch noch ins KZ Theresienstadt gebracht. Die Befreiung des KZ durch die Rote Armee rettete sie.

tagesschau.de: Seit Jahren gehören Sie bei den Gedenkfeierlichkeiten im ehemaligen KZ Dachau zu den Rednern. Wie schwer fällt Ihnen das?

Grube: Diese Aufgabe habe ich mir gestellt: Mit der Erinnerung gegen das Vergessen zu kämpfen, das berühmte: "Nie wieder!" Nun bin ich ja kein Redner in dem Sinne, dass ich mir das einfach aus dem Ärmel schütteln kann. Das ist für mich nicht einfach. Hinzu kommt: Meine Onkel und Tanten wurden von den Nazis ermordet, und wenn ich auf dieses Thema zu sprechen komme, dann ist das schon etwas schwierig für mich.

"Halts Maul, sonst kommst nach Dachau!"

tagesschau.de: Sie sind selbst kein Dachauer Häftling gewesen. In Dachau waren ja vor allem Menschen inhaftiert, die politisch verfolgt worden sind - also Kommunisten, Sozialisten, bürgerliche Politiker und auch Priester. Sie wurden "rassisch" verfolgt. Weil ihre Mutter Jüdin war, wurden Sie erst jahrelang ausgegrenzt und schließlich von München aus ins KZ Theresienstadt deportiert. Wie viel haben Sie als Kind von dem Lager im nahen Dachau mitbekommen?

Grube: "Halts Maul, sonst kommst nach Dachau!" Das war ein Schlagwort auch bei uns in der Familie, ohne dass ich das mit zehn oder elf Jahren schon wirklich in seiner ganzen Brutalität verstanden habe. Dann hat man ja auch öfter in München Menschen in Kolonnen gesehen mit den blauweiß gestreiften Sträflingsanzügen. Wir sind ja 1938 aus unserer Wohnung in der Innenstadt Münchens vertrieben worden, da war ich noch nicht ganz sechs Jahre alt. Wir haben neben der großen Synagoge gewohnt. Die Synagoge wurde von den Nazis abgerissen, und aus den jüdischen Gemeindehäuser daneben mussten alle Mieter raus.

In den Häusern haben wir gewohnt. Aber wir sind nicht gegangen. Der Vater war ja nichtjüdisch, und er hat gesagt: "Ich gehe nicht raus." Fast vier Monate haben wir dann allein in diesen drei Häusern gelebt. Die Einsamkeit und die Ratlosigkeit habe ich noch in Erinnerung und dass die Eltern nicht mehr wussten, was sie machen sollten. Wir kamen dann in die Antonienstraße in ein jüdisches Kinderheim. Wir Kinder dort haben uns toll verstanden. Und dass uns Nachbarskinder als Judensäue beschimpft und angespuckt haben, das haben wir irgendwie weggesteckt - bis zum 20. November 1941, als der erste Transport von München wegging und die Hälfte der Kinder aus unserem Heim weg musste.

Lagerleben in München

tagesschau.de: Heute wissen wir, dass die Kinder nach Kaunas in Litauen gebracht worden sind und dort erschossen wurden.

Grube: Und dann kam der nächste Transport. Und dann wurde das Heim aufgelöst. Wir Kinder kamen dann in ein Judenghetto im Stadtteil Milbertshofen und später noch in eines im Stadtteil Berg am Laim. Also mein Lagerleben hat in München stattgefunden.

Die Gedenkstätte im ehemaligen KZ Theresienstadt | Bildquelle: AP
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Die Gedenkstätte im ehemaligen KZ Theresienstadt. Am 8. Mai 1945 befreite die Rote Armee das Lager.

tagesschau.de: Ihr Vater war Kommunist. Er war auch renitent in der Nazizeit. Er hat sich nicht nur geweigert, aus den Wohnungen der jüdischen Gemeinde auszuziehen, sondern er hat sich vor allem auch geweigert, sich von seiner jüdischen Frau scheiden zu lassen.

Grube: Und das war das Wichtigste für uns. Wir sind als sogenannte Geltungsjuden behandelt worden und waren damit für die Nazis Juden wie andere auch. Nur dass wir nicht nach Osten gekommen sind, weil sich der Vater nicht scheiden hat lassen. Im Februar 1945 sind wir dann aber doch noch nach Theresienstadt deportiert worden - drei Monate vor Kriegsende.

"Ein Riesenhallo" zur Befreiung

tagesschau.de: Wie haben Sie den Tag der Befreiung des KZ Theresienstadt durch die Rote Armee erlebt?

Grube: Das ist eine meiner stärksten Erinnerungen. Es hieß, die Russen kommen, dann sind wir zum Tor, das geöffnet war. Und da kamen die Lastwagen mit den Rotarmisten drauf. Dann bin ich auf einen der Lastwagen hochgesprungen, das war ein Riesenhallo. Das hat mich auch geprägt.

tagesschau.de: Sie waren in Nazi-Deutschland "rassisch" verfolgt, in der Bundesrepublik Deutschland waren Sie politisch verfolgt. Sie waren wegen ihres Engagements für die Gewerkschaft und für die 1956 verbotene Kommunistische Partei mehrfach im Gefängnis. Sie wurden noch vor wenigen Jahren namentlich genannt als angeblicher Linksextremist im Bericht des bayerischen Verfassungsschutzes. Ihre Organisation, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), wird da immer noch aufgeführt. Auf der anderen Seite sind sie mittlerweile hoch geehrt, haben im Jahr 2017 den Georg-Elser-Preis der Stadt München bekommen, sind im Kuratorium der Stiftung Bayerische Gedenkstätten. Wie ist Ihr Verhältnis heute zu diesem Land?

Grube: Das ist nicht ganz einfach. Ich lebe hier, habe Familie. Ich habe auch Freunde, mit denen ich Erinnerungen aufarbeite und gegen Rassismus streite und ich fühle mich hier als einen notwendigen Streiter für Frieden - gegen Rassismus und vor allen Dingen auch gegen den Antisemitismus. Und ich hoffe, dass ich da auch Erfolge habe. Und dann haben wir aber auch die Situation, dass heute wieder Organisationen in Parlamenten und anderswo gegen Ausländer hetzen, dass das alles wieder möglich ist. Die Ideologie der Nazis ist wieder da.

Das Interview führte Thies Marsen, BR

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 27. April 2019 um 07:20 Uhr.

Korrespondent

Thies Marsen, BR | Bildquelle: Theresa Högner Logo BR

Thies Marsen, BR

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