Bayerns Ministerpräsident Markus Söder zieht sich eine Schutzmaske mit bayerischem Rautenmotiv an. | dpa

Corona-Testpanne Etwas ist faul im Staate Bayern

Stand: 14.08.2020 21:05 Uhr

Zwei Tage nach Bekanntwerden der Behörden-Panne in Bayern ist noch immer unklar, ob mehr als 1000 Infizierte über ihr positives Testergebnis informiert worden sind. Das Chaos im Freistaat scheint immens zu sein.

Von Vera Cornette, BR

Bis gestern Mittag hätten 900 positiv auf Covid-19 getestete Menschen über ihre Infektion benachrichtig werden sollen. So hatte es Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml am Mittwochabend in den tagesthemen angekündigt. Ob das inzwischen passiert ist, ist unklar - das bayerische Landesamt für Gesundheit verwies zunächst auf eine Stellungnahme, die im Laufe des Tages abgegeben werden sollte. Am Abend kündigte ein Ministeriumssprecher dann eine Stellungnahme für Samstag an. Weiter ungewiss bleibt auch, wie es um die mehr als 100 positiven Tests steht, die bisher niemandem zugeordnet werden konnten.

Vera Cornette

Testen, testen, testen - und überforderte Behörden

Wie viele Menschen die mehr als 1000 Infizierten angesteckt haben, ist völlig unklar. Es ist davon abhängig, wie viele der Infizierten Corona-Symptome bemerkt und wie viele sich nach der Rückkehr aus einem Risikogebiet in Quarantäne begeben haben.

Im Kampf gegen das Coronavirus wollte Bayern eigentlich einmal mehr Vorreiter sein: Am 28. Juli, einem Dienstag, kündigte Ministerpräsident Markus Söder freiwillige Corona-Tests für Reiserückkehrer an. Schon am folgenden Donnerstag sollten die acht Teststationen an Autobahnen und Bahnhöfen und Flughäfen einsatzbereit sein. "Am Mittwoch bekamen wir die Anforderung, einen Tag später um sieben Uhr standen unsere Leute bereit, um die Abstriche zu machen", sagt Sohrab Taheri-Sohi, Sprecher des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK).

Zettelwirtschaft statt Software

Innerhalb eines Tages wurde die bayerische Hilfsorganisation vom Freistaat beauftragt, fünf der acht Teststationen - drei an Rastanlagen, zwei an Hauptbahnhöfen - in Betrieb zu nehmen. Nach Angaben des BRK war das für die Organisation kein Problem, man könne Einsatz, heißt es. Aber die behördlichen Strukturen gaben das hohe Tempo offenbar nicht her: Obwohl das BRK vom für die Tests zuständigen Landesamt für Gesundheit schon früh technische Infrastruktur gefordert hatte, wurden die zu testenden Personen letztlich händisch mit Formularen erfasst. "Mit einem Endgerät, einem Barcode-Scanner hätten wir die Datensätze problemlos den Proben zuordnen können - mit einer ganz geringen Fehlerquote", meint BRK-Sprecher Taheri-Sohi.

Nach einem regelrechten Ansturm auf die zu dem Zeitpunkt noch freiwilligen Tests für Urlaubsrückkehrer offenbarten sich schon Ende vergangener Woche die Probleme: Mehr als 40.000 Tests wurden in einer Woche durchgeführt, doch viele Menschen warteten mehr als sieben Tage auf ihre Ergebnisse. Bereits vergangenen Freitag versprach die bayerische Gesundheitsministerin bis zum vergangenen Wochenende eine Aufarbeitung.

Söder: Das Tempo macht die Pandemie

Als dann ab Samstag die Tests für Rückkehrer aus Risikogebieten verpflichtend wurden, kam das System der Zettelwirtschaft offenbar vollends an seine Grenzen. Andreas Zapf, bis gestern amtierender und inzwischen von Ministerpräsident Söder abgesetzter Präsident des bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, sieht die Gründe für die Panne genau darin: unvollständig ausgefüllte, schwer leserlich ausgefüllte Formulare.

100 Mitarbeiter mehr und digitale Erfassung - das solle jetzt und in der Zukunft helfen, kündigte Bayerns Ministerpräsident gestern an. Er hat weder die Rücktrittsangebote seiner Gesundheitsministerin angenommen, noch eigene Fehler eingeräumt: Nicht er gebe das Tempo vor, sondern Corona.

Söder muss sich an eigenen Aussagen messen lassen

Über die Autobahn-Teststationen sagte Söder, dass er sie so schnell möglich an den Start bringen wolle. Es habe schwere Fehler gegeben, aber "in der Umsetzung, nicht der Strategie."

Ob Söders Vorpreschen und die jetzige Panne dauerhafte Kratzer an seinem Image als Corona-Krisenmanager hinterlassen, das ist noch nicht abzusehen. Und wohl auch davon abhängig, wie gut die Tests in Zukunft laufen. An seiner Aussage "Nur wer Krisen meistert, kann Kanzlerkandidat" wird er sich messen lassen müssen. Denn anders als die Corona-Ausbrüche im niederbayerischen Mamming oder beim Schlachtkonzern Tönnies in Nordrhein-Westfalen ist die jetzige Corona-Testpanne kein lokales Problem, sondern hat Auswirkungen auf das ganze Bundesgebiet.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. August 2020 um 16:00 Uhr.