Brötchen | Bildquelle: picture alliance / ZB

Umweltstiftung WWF Brot und Brötchen im Überfluss

Stand: 04.10.2018 16:01 Uhr

Es ist die pure Verschwendung: Nach WWF-Schätzungen werden jährlich etwa 1,7 Mio Tonnen Backwaren Überschuss produziert, enden als Tierfutter oder im Müll. Verantwortlich seien Verbraucher, Hersteller und auch die Politik.

Die Umweltorganisation WWF wirft Backwarenfirmen eine teils massive Überproduktion vor. In manchen Geschäften bleibe jede fünfte Backware liegen, heißt es in einer Studie zur Lebensmittelverschwendung bei Bäckereien und Backshops. WWF schätzt, dass die Verluste bei Backwaren insgesamt etwa 1,7 Millionen Tonnen pro Jahr betragen. Nicht verkaufte Ware werde entweder gespendet oder weiterverarbeitet - zu Tierfutter, Biogas oder Semmelmehl. Manche Bäckereien verkaufen das Altbrot auch verbilligt, ein anderer Teil landet im Abfall.

Mehr Überschuss in großen Unternehmen

Dafür seien nicht nur die Verbraucher verantwortlich - mittlere bis große Backwarenunternehmen hätten Verluste von bis zu 19 Prozent der produzierten Menge. Der Studie zufolge gibt es in kleinen Handwerksbetrieben weitaus weniger Retouren als in größeren Unternehmen. Positive Spitzenreiter liegen demnach bei gerade einmal einem Prozent. Dagegen retournieren mittlere bis große Backunternehmen durchschnittlich zwischen zwölf und 15 Prozent ihrer Ware.

Das bedeute, dass die Ernte von knapp 400.000 Hektar Ackerland verschwendet werde, einer Fläche, die größer als Mallorca ist. Zudem würden unnötige 2,46 Millionen Tonnen Treibhausgase ausgestoßen, heißt es weiter.

"Schizophrene Situation"

Jörg-Andreas Krüger, Abteilungsleiter "Ökologischer Fußabdruck" beim WWF Deutschland, sprach von einer "schizophrenen" Situation: "Um Ernteerträge zu maximieren, wird der Anbau intensiviert." Pestizide und die im Getreideanbau übliche Stickstoffdüngung belasteten zum Schluss der Wachstumsperiode die Umwelt.

Gerade auch angesichts der Ernteverluste nach langer Trockenheit in diesem Jahr warnte Krüger vor der massiven Verschwendung. "Zukünftig sollten und können wir es uns schlichtweg nicht mehr leisten, Ackerland in diesem Ausmaße zu beanspruchen, um das darauf angebaute Getreide als Brot, Croissants oder Törtchen in den Müll zu werfen".

Belastbare Daten fehlen

Die Umweltorganisation hob hervor, dass es wie in anderen Bereichen der Lebensmittelverschwendung auch bei Brot- und Backwaren an belastbaren Daten fehle. "Pikanterweise sind es wohl die Finanzämter, die als einzige Behörde dank der Gewinn- und Verlustangaben exakt sagen könnten, wieviel Backwaren produziert und weggeschmissen werden", erklärte Krüger. Er forderte eine transparentere und bessere Datengrundlage sowie verbindliche Reduktionsziele. 

Lebensmittelüberschüsse wie Backwaren-Retouren können als Verluste steuerlich geltend gemacht werden. Politik und Fiskus müssten auch ein finanzielles Interesse daran haben, diese bis 2030 zu halbieren, erklärte der WWF. Der Verband forderte hierzu eine nationale Strategie mit klar definierten, verbindlichen Zielvorgaben. Aber auch Verbraucher und Wirtschaft müssten umdenken.

Mikroplastik landet in Nahrungskette

Problematisch ist der Studie zufolge zudem die Verarbeitung von mindestens 400.000 Tonnen überschüssigen Backwaren pro Jahr zu Tierfutter. Laut WWF wird das Brot mitsamt den Verpackungen maschinell zerkleinert, um es danach von diesen Rückständen zu befreien. Es sei davon auszugehen, dass Plastikteilchen - insbesondere Mikroplastik - dabei nicht zuverlässig entfernt werden. Diese Praxis sei "äußerst fragwürdig", da Plastik so in die menschliche Nahrungskette gelangen könne.

Verbraucher und Bäckereien sind gefragt

Der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks erklärte, sowohl Verbraucher als auch Bäckereien seien gefragt: "Auf der einen Seite müssen die Verbraucher verstehen, dass ein volles Sortiment zum Ladenschluss zur Überproduktion führt", sagt Vizepräsident Heribert Kamm. Andererseits müssten Verkäufer das vermitteln und Alternativen anbieten, wie etwa telefonische Reservierungen auf Brote, die erst abends abgeholt werden.

Als weiteren Faktor nannte Kamm den Preisverfall von Backwaren: Wenn Brötchen etwa an der Tankstelle für wenige Cent zu haben seien, erschwere dies das Werben für die Wertschätzung von Backwaren und deren richtige Lagerung. In Deutschland gibt es mehr als 11.000 handwerkliche Bäckerei-Betriebe mit rund 35.000 Filialen. Konkurrenz kam in den vergangenen Jahren durch Supermärkte und Discount-Bäckereien auf, in denen vorgefertigte Ware vor Ort fertig gebacken wird.

Renate Künast | Bildquelle: dpa
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Grünen-Politikerin Renate Künast fordert klare Regeln gegen die Überproduktion

Künast: Klare Regeln müssen her

Grünen-Politikerin Renate Künast fordert einen Runden Tisch zum Thema. Dort müssten alle Beteiligten ihre Zahlen und Fakten auf den Tisch legen, "auch der Handel, auch die Industrie - damit wir wissen, wo wird eigentlich am meisten weggeworfen", sagte sie im SWR.

Änderungen der Regeln beim Mindesthaltbarkeitsdatum würden nur eine geringe Verbesserung bringen, so Künast, denn nicht mehr als zehn Prozent aller Lebensmittel, die weggeworfen würden, hätten ein Mindesthaltbarkeitsdatum. Dies sei nicht die zentrale Frage, trotzdem sei es geboten, die Regeln zu ändern: "Im Moment erfindet jeder die Kriterien selbst. Und die Industrie erfindet sie so, dass sie keine Probleme bekommt. Also lieber das Mindesthaltbarkeitsdatum sehr früh gesetzt als zu spät, und nachher gibt’s Kundenbeschwerden." Künast forderte, dass klare Regeln erarbeitet werden müssten.

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