Die Beine von drei Männern und einer Frau, aufgenommen bei der Jahrespressekonferenz von VW im März 2019. | Bildquelle: dpa

Frauen in Vorständen Deutschland tut sich schwer mit der Quote

Stand: 01.11.2020 04:35 Uhr

Ein Gesetzentwurf aus dem Familienministerium sieht eine Quote für Dax-Vorstände vor. Führungspositionen beim Bund und im öffentlichen Dienst sollen zur Hälfte mit Frauen besetzt werden. Dagegen regt sich Widerstand.

Von Ariane Reimers, ARD-Hauptstadtstudio

Freiwillig geht es offensichtlich nicht. In den Vorstandsetagen deutscher Top-Unternehmen sind nicht einmal 13 Prozent der Posten mit Frauen besetzt. Elf Dax-Unternehmen kommen ganz ohne aus, kein Dax 30-Unternehmen wird von einer Frau geführt. Andere westliche Demokratien sind Deutschland weit voraus, das Top-Management in den USA, Schweden oder Großbritannien zumindest zu einem knappen Drittel weiblich.

Dabei hatten sich deutsche Unternehmen schon 2001 selbst verpflichtet, einen höheren Frauenanteil anzustreben – und damit das schon damals geplante Gleichstellungsgesetz für die private Wirtschaft verhindert. Die Selbstverpflichtung habe wenig gebracht, so die Ex-Siemens-Vorständin Janina Kugel: "Knapp 20 Jahre hat sich wenig bewegt. Wenn es um irgendein anderes strategisches Unternehmensziel gegangen wäre, hätte es definitiv klare Konsequenzen gegeben."

Eine Quote sei jetzt ein überfälliges Signal, sagt auch Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin. Sie betont, Frauen bräuchten Vorbilder, außerdem ginge es generell um gerechte Bezahlung und den Abbau der Geschlechterungerechtigkeiten. Eine Quotierung werde eine große Breitenwirkung erzielen.

Mehr Frauen in Führungspositionen
Bericht aus Berlin, 18:05 Uhr, 01.11.2020, Ariane Reimers, ARD Berlin

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Wirft Corona die Entwicklung zurück?

Ein entsprechender Gesetzentwurf ist schon seit Monaten in der Ressortabstimmung, aber er stößt nicht überall auf Begeisterung. So schrieb das Wirtschaftsministerium im Frühjahr in einer regierungsinternen Mail:

"Der Gesetzesentwurf geht (...) insbesondere mit der vorgesehenen Vorstandsquote, der ausgeweiteten Aufsichtsratsquote (...) deutlich über den Koalitionsvertrag hinaus. Diese Punkte sind nicht umzusetzen. Gerade mit Blick auf die neue Lage durch die Corona-Pandemie sollte die Bundesregierung nur im Koalitionsvertrag festgelegte gesetzliche Änderungen vornehmen und auf andere verzichten."

Mehr Frauen in Vorständen seien also mit Blick auf die Corona-Pandemie eine zu große Belastung für die Unternehmen? Wirtschaftsminister Peter Altmaier will es so nicht verstanden wissen: Nicht Gleichberechtigung sei eine Belastung, aber jede Gesetzesänderung, argumentiert er, nämlich dann, wenn sich Unternehmen darauf einstellen müssten. Das führe zu verwaltungsmäßigen Aufwendungen, fügt Altmaier hinzu. Eine etwas verklausuliert vorgetragene Position, die aber am Ende auch heißt – lieber keine Frauenquote.

Unternehmen sträuben sich

Überhaupt fällt auf, dass betroffene Unternehmen gerne Zuflucht in Verwaltungsvorschriften suchen, etwa die Deutsche Bahn. Der Gesetzentwurf sieht nämlich nicht nur Änderungen für die Privatwirtschaft vor, sondern auch eine Quotierung für den Öffentlichen Dienst und die Unternehmen im Eigentum des Bundes. Dort sind die Vorgaben ehrgeiziger, bis 2025 sollen die Führungspositionen zur Hälfte mit Frauen besetzt werden.

Der Bahnvorstand schreibt daraufhin einen Brief an die zuständigen Minister, um die Regelung zu verhindern. Die Deutsche Bahn argumentiert, sie habe weitreichende Wettbewerbsnachteile und Risiken für das Unternehmen zu befürchten, etwa durch die Bestellung von Gleichstellungsbeauftragten für jede Bahntochter. Außerdem würde die Mitarbeitergewinnung in Mangelberufen dadurch weiter erschwert.

Die Deutsche Bahn verweist darauf, dass sie sich selbst schon eine 30-Prozent-Frauenquote in Führungspositionen verordnet hat und damit ein wichtiges gesellschaftliches Zeichen setzt. Bei den rechtlichen Regelungen wolle man sich aber lieber am Gleichstellungsgesetz der Privatwirtschaft orientieren. Für die sollen auch in Zukunft weniger strenge Vorgaben gelten.  

Bund und Öffentlicher Dienst sollen voran gehen

Und da beißt sich die Katze in den Schwanz. Carsten Linnemann, Vorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU, ist zwar auch der Ansicht, dass die Unternehmen des Bundes und des Öffentlichen Dienstes mit einer 50-Prozent-Vorstandsquote vorangehen müssten, aber erst dann auch schärfere Gesetze für private Unternehmen gelten dürften. Sonst habe die Politik in der Wirtschaft keine Glaubwürdigkeit. Das heißt im Umkehrschluss: Lassen sich 50-Prozent-Quoten in den Führungsgremien der Deutschen Bahn nicht durchsetzen, dann muss sich auch die Wirtschaft nicht bewegen.

Eine Frauenquote hat auch im 21. Jahrhundert einen schweren Stand, zumindest in Deutschland. Und das, obwohl jede Selbstverpflichtung bisher nicht zum erwünschten Erfolg geführt hat. Besonders erstaunlich ist allerdings, dass ein höherer Frauenteil von Unternehmen wie Politik nach wie vor als Belastung, als Nachteil gesehen wird. Dabei haben doch Untersuchungen längst gezeigt, dass gemischte Führungsteams im Schnitt erfolgreicher sind.

Mehr zu diesem Thema sehen sie im Bericht aus Berlin um 18.05 Uhr.

Über dieses Thema berichtete das Erste im Berichte aus Berlin am 01. November 2020 um 18:05 Uhr.

Korrespondentin

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Ariane Reimers, NDR

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