Luca, seine Hündin Tilda und seine Mutter Jennifer Brinkmann

Weltautismustag 2019 "Die Potenziale von Autisten erkennen"

Stand: 02.04.2019 04:14 Uhr

Sieben Millionen Menschen in Europa sind Autisten. Ihre Fähigkeiten sind unterschiedlich - die Symptome, die sie zeigen, auch. Selbsthilfeverbände fordern, das Potenzial dieser Menschen stärker zu fördern.

Von Stephan Lenhardt, SWR

Von hinten schmust sich der kleine Luca innig an Tilda. Er legt seine Wange auf ihren Rücken. Sie liegt ganz seelenruhig auf dem Bett und scheint die Kuscheleinheit sichtlich zu genießen. Die Szene ist keine Selbstverständlichkeit. Denn der zehnjährige Luca aus Trier ist Autist. Und mit Körperkontakt ist es da nicht immer einfach. Tilda ist seine Labrador-Hündin - ein Autismus-Begleithund. Er ist speziell ausgebildet und trainiert.

"Dann beruhige ich mich immer, wenn ich mal ein bisschen aufgeregt bin", sagt Luca. "Man muss sie nur berühren, dann gehe ich automatisch ein bisschen runter."

Erleichterung für Luca bedeutet auch Entlastung für seine Mutter Jennifer Brinkmann: "Er ist so viel glücklicher mit Tilda, weil er merkt, dass er so angenommen wird, wie er ist."

Luca und seine Begleithündin Tilda
tageschau 12:00 Uhr , 02.04.2019, Markus Grewe, Stephan Lenhardt, SWR

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Komplexe Entwicklungsstörung

Autismus ist eine komplexe und vielschichtige neurologische Entwicklungsstörung. Einfach gesprochen fehlt Autisten die Fähigkeit, Wahrnehmungen zu filtern. So kann es sehr schnell zu Reizüberflutungen kommen.

"Luca rennt dann aus dem Raum, knallt die Tür", sagt Brinkmann. Selten wird er auch aggressiv. Zwischenzeitlich konnte Luca nicht in die Schule gehen. Autismus äußert sich in verschiedenen Formen. Diese sind aber nicht immer leicht abzugrenzen.

Daher wird heute häufig der Begriff der "Autismus-Spektrum-Störung" als Oberbegriff für das gesamte Spektrum autistischer Störungen verwendet. Denn kaum ein Autist gleicht dem anderen.  Der Selbsthilfeverband "Autismus Deutschland" geht davon aus, dass ein Prozent der Bevölkerung in Deutschland betroffen ist. Das sind mehrere hunderttausend Menschen.

Luca, seine Hündin Tilda und seine Mutter Jennifer Brinkmann
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Luca, seine Hündin Tilda und seine Mutter Jennifer Brinkmann

Routinen sind wichtig

Routinen und feste Strukturen sind für Autisten oft enorm wichtig. Lucas Familie musste gerade in einen anderen Stadtteil in Trier ziehen. "Dementsprechend gab es gerade einen kleinen Einbruch", sagt seine Mutter. Vor allem der soziale Umgang mit Mitmenschen fällt Autisten schwer. Beispielsweise Emotionen, Mimik oder Gestik richtig zu deuten. "Bevor er Tilda hatte, ging Luca fast nie allein aus dem Haus. Da hat ihm die Hündin vieles leichter gemacht."

Die EU hat den Weltautismustag erstmals 2008 eingeführt, um das Bewusstsein für und die Akzeptanz von Menschen mit Autismus weltweit zu steigern. Vieles habe sich bereits gebessert, findet Maria Kaminski. Es gebe Therapien, Schulbegleitung oder Coaches bei der Arbeit. Deutschland sei bereits einen weiten Weg gegangen. "Früher wurden Behinderte in Einrichtungen außerhalb der Städte einquartiert", sagt die Vorsitzende von "Autismus Deutschland". Und trotzdem gebe es auch heute noch Luft nach oben.

Autismus

Den Begriff "Autismus" prägte der Schizophrenie-Forscher Eugen Bleuler (1857-1939), der die Bezeichnung für Patienten gebrauchte, die sich in ihre innere Welt zurückzogen und den Kontakt zur Außenwelt vermieden. Heute klassifizieren Mediziner Autismus als tiefgreifende, unheilbare Entwicklungsstörung. Diagnostisch wird zwischen dem Frühkindlichen Autismus (Kanner-Syndrom) und dem Asperger-Syndrom unterschieden.

Das Kanner-Syndrom

Im Gegensatz zum Asperger-Syndrom tritt der frühkindliche Autismus - nach dem Kinder- und Jugenpsychiater Leo Kanner (1896-1981) auch Kanner-Syndrom genannt - schon vor dem dritten Lebensjahr auf. Die Kinder lernen erst spät oder oft gar nicht sprechen. Sie nehmen ihre Umwelt kaum wahr. Auch ständige Wiederholungen der gleichen Verhaltensweisen und Bewegungen sind typisch. Der frühkindliche Autismus geht oft mit einer geistigen Behinderung einher.

Das Asperger-Syndrom

Das Asperger-Syndrom (benannt nach dem österreichischen Kinderarzt Hans Asperger, 1906-1980) ist eine leichte Form des Autismus, die häufig mit hoher Intelligenz einhergeht. Betroffene Kinder entwickeln sich zunächst meist unauffällig, die Sprachentwicklung muss nicht verzögert sein. Asperger-Autisten sind häufig motorisch ungeschickt, weisen große Probleme im sozialen Umgang auf und meiden den Kontakt zu anderen Menschen. Sie widmen sich oft ausgeprägten Spezialinteressen.

Korrektheit, Pünktlichkeit und Ehrlichkeit

Ihr Verband fordert deshalb nicht nur nicht nur die Einschränkungen, sondern auch, die Potentiale vieler Autisten zu erkennen. "Korrektheit, Pünktlichkeit und Ehrlichkeit" - Tugenden, auch für den ersten Arbeitsmarkt, jenseits der Behindertenwerkstätten.

Der Softwareentwickler SAP startete 2016 mit der Kampagne "Autism at Work" und stellt gezielt Autisten ein. Genau wie die IT-Beratung "Auticon". Das Unternehmen entsendet Autisten als Berater. "Viele Menschen aus dem Autismus-Spektrum schätzen die IT insbesondere aufgrund ihrer strukturierten Natur und ihres eindeutigen, präzisen und vorhersagbaren Ergebnisses", sagt Marco Fien von SAP.

"Das sollte ein Signal auch für andere Firmen sein", findet Kaminski.

 "A New Dynamic for Autism"

"Autism Europe" vereint 90 Mitglieder aus 38 europäischen Staaten. Der Verband schätzt die Zahl der Autisten in Europa auf rund sieben Millionen. Unter dem Motto "A New Dynamic for Autism" und dem Hashtag #AutismDay2019 lässt er Betroffene in sozialen Netzwerken zu Wort kommen.

Der Verband mahnt gerade vor den Europawahlen die vollständige Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention an. Seit zehn Jahren gilt diese auch in Deutschland. Artikel 20 regelt die persönliche Mobilität und will "den Zugang von Menschen mit Behinderungen zu […] tierischer Hilfe erleichtern, auch durch deren Bereitstellung zu erschwinglichen Kosten".

Die rund 28.000 Euro für Autismus-Begleithund Tilda hat Lucas Familie zum großen Teil mit Spenden und Sponsoren finanziert. Denn die Krankenkassen müssen die Kosten in Deutschland dafür nicht übernehmen.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 02. April 2019 um 06:38 Uhr.

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