Mehrere Packungen des Corona-Impfstoffs von AstraZeneca liegen in einem Kühlschrank. | dpa

Entwurf für neue Impfverordnung AstraZeneca soll verstärkt eingesetzt werden

Stand: 02.03.2021 19:59 Uhr

Die Impfungen gegen das Coronavirus laufen in Deutschland schleppend - auch, weil viele am AstraZeneca-Vakzin zweifeln. Das Gesundheitsministerium will jetzt mit einer neuen Impfverordnung Abhilfe schaffen.

Das Bundesgesundheitsministerium strebt einen verstärkten Einsatz des Corona-Impfstoffes von AstraZeneca an. Das geht aus einem Entwurf für eine neue Impfverordnung hervor, der dem NDR vorliegt. Demnach sollen Personen, die das 18. Lebensjahr vollendet und das 65. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, vorrangig mit diesem Impfstoff versorgt werden.

Die Verordnung sieht darüber hinaus vor, dass ab April nicht nur in Impfzentren geimpft werden soll, sondern auch Arztpraxen mit mobilen Impfteams in die Impfkampagne einbezogen werden. Zudem sollen künftig zwei statt einer engen Kontaktperson eines Impfberechtigten aus den höchsten Prioritätengruppen mitgeimpft werden können.

Schwierigkeiten mit Verimpfung von AstraZeneca-Vakzin

Seit Tagen gibt es Kritik daran, dass der zur Verfügung stehende Impfstoff von AstraZeneca nicht schnell genug verimpft wird und teilweise in den Impfzentren liegen bleibt. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums hatte am vergangenen Mittwoch erklärt, dass von den bis zum 23. Februar gelieferten 1,45 Millionen Dosen des Impfstoffes von AstraZeneca nur etwa 240.000 verimpft worden seien. Das entspricht rund 15 Prozent.

Zusammenhängen könnte diese niedrige Akzeptanz mit Falschmeldungen über eine geringe Wirksamkeit des Impfstoffes und Berichten über angeblich besonders heftige Nebenwirkungen. Auch die für Deutschland geltenden Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) könnten eine Rolle spielen.

Die STIKO hatte festgelegt, dass der AstraZeneca-Impfstoff nur an Personen zwischen 18 bis 65 Jahren abgegeben werden darf. Für die Freigabe für ältere Menschen fehlten laut STIKO Daten über die Wirksamtkeit des Vakzins. Das Vakzin darf also dem größten Teil der Impf-Prioritätsgruppe 1, die im Augenblick in den meisten Bundesländern an der Reihe ist, nicht verabreicht werden.

Britische Studie bestätigt Effektivität

Andere Länder handhaben dies anders und verimpfen den AstraZeneca-Wirkstoff auch an Menschen über 65 Jahren - so etwa Großbritannien. Dort haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nun in einer Studie festgestellt, dass der AstraZeneca-Impfstoff etwa genauso effektiv ist wie das Vakzin von BioNTech/Pfizer.

Bei beiden Impfstoffen hätten Geimpfte im Alter ab 70 Jahren vier Wochen nach der ersten Dosis rund 57 bis 73 Prozent weniger Covid-19-Erkrankungen gehabt als Ungeimpfte, teilte die Gesundheitsbehörde Public Health England mit. Die Daten sind derzeit allerdings vorläufig und noch nicht von unabhängigen Experten geprüft. Wie gut die Impfstoffe Ansteckungen verhindern und damit die Pandemie ausbremsen, lässt sich aus der Studie nicht schließen.

STIKO aktualisiert Impfempfehlung

Bereits vor Bekanntwerden der Studie hatte der Vorsitzende der STIKO, Thomas Mertens, im ZDF angekündigt, den Impfstoff schon bald auch für ältere Menschen empfehlen zu wollen. Im SWR sagte Mertens jetzt, das Experten-Gremium aktualisiere derzeit die Impfempfehlung. Die Altersbegrenzung des Impfstoffs von AstraZeneca werde dabei ebenfalls überarbeitet. Neue Daten würden analysiert. Ob die STIKO aber befürworten werde, das Vakzin auch für Personen einzusetzen, die älter als 64 Jahre sind, sei noch nicht absehbar, so Mertens. "Die Frage der Altersempfehlung für den AstraZeneca-Impfstoff ist jetzt Gegenstand intensivster Prüfung, aber das Ergebnis ist offen."

Mertens bestätigte, dass es zur Wirksamkeit des AstraZeneca-Impfstoffs neue Studiendaten unter anderem aus Schottland und England gebe. Auf Basis dieser Daten werde die Kommission ihre Einschätzung abgeben. Wann damit zu rechnen sei, darauf wollte sich Mertens nicht festlegen: "Unsere Meinungsbildung ist im Prozess des Entstehens."

Zu seiner Einschätzung der Wirksamkeit des Vakzins befragt, stellte Mertens fest, der AstraZeneca-Impfstoff sei "zu Unrecht in Verruf gekommen".

Konzern betont Wirksamkeit

Der Vizepräsident von AstraZeneca Deutschland, Klaus Hinterding, betonte ebenfalls die gute Wirksamkeit des Vakzins. In der klinischen Prüfung habe das Mittel "zu fast 100 Prozent vor schweren Verläufen der Erkrankung geschützt" sagte er den Sendern RTL und ntv. Es gebe auch "neue Daten aus der realen Welt", nämlich aus Schottland, wo der Impfstoff "ebenfalls zu mehr als 90 Prozent vor schweren Verläufen der Krankheit geschützt hat".

Daten aus England und Schottland belegten zudem, dass der Impfstoff auch ältere Menschen vor schweren Krankheitsverläufen schütze, sagte er. Ob deswegen in Deutschland eine Anpassung der STIKO-Empfehlung nötig sei, wollte Hinterding allerdings nicht kommentieren.

Zu Berichten über starke Nebenwirkungen nach der Verabreichung des Präparats sagte Hinterding, diese seien als erwartbare Impfreaktionen einzuschätzen. "Die Wahrnehmung der Nebenwirkungen ist tatsächlich etwas verzerrt, das liegt vor allem daran, dass in Deutschland der AstraZeneca-Impfstoff vor allem bei jungen Menschen verimpft wird." Diese hätten von Natur aus eine stärkere Immunantwort und meldeten daher auch häufiger Nebenwirkungen.

Vakzin auch gegen Virus-Varianten einsetzbar

Zur Frage der Wirksamkeit gegen mutierte Virusvarianten sagte der Manager, gegen die britische Mutante wirke der AstraZeneca-Impfstoff "sehr deutlich". Er räumte zugleich ein, dass die bisherige Datenlage eine Wirksamkeit gegen schwere Verläufe der südafrikanischen Variante noch nicht belegen könne. Dazu müssten weitere Daten erhoben werden.

Der Impfstoff könne auch flexibel an neue Virusvarianten angepasst werden, betonte Hinterding. "Die Anpassung auch eines Vektor-Impfstoffs im Labor läuft innerhalb von wenigen Wochen." Zeitintensiv seien eher die klinische Untersuchung und "die regulatorischen Zulassungsdiskussionen", sagte Hinterding.

Einige Bundesländer für Lockerung der Impfreihenfolge

Von bürokratischen Hürden wollen sich auch einige Bundesländer nicht länger abhalten lassen. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig kündigte daher an, dass in Mecklenburg-Vorpommern der Impfstoff von AstraZeneca für Personen aus der Impfpriorität 2 freigeben wird. Man könne es sich nicht leisten, Impfdosen herumstehen zu lassen, sagte sie. In den Impfzentren in Mecklenburg-Vorpommern waren in den vergangenen Tagen zahlreiche Termine zur Impfung mit AstraZeneca nicht wahrgenommen worden. Deshalb soll der Impfstoff nun auch für Erzieher, Lehrkräfte, Polizisten im Außeneinsatz und Hausärzte sowie für chronisch Kranke bereitgestellt werden, wie Schwesig sagte.

Auch die Ministerpräsidenten von Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Sachsen - Markus Söder, Winfried Kretschmann, Volker Bouffier und Michael Kretschmer - hatten sich für mehr Pragmatismus bei der Impfreihenfolge ausgesprochen.

Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans wandte sich gegen Forderungen, beim AstraZeneca-Vakzin von der geltenden Prioritätenfolge abzuweichen. "AstraZeneca ist hochwirksam", sagte der CDU-Politiker. Eine Auflösung der Impf-Reihenfolge würde zu einem "Impfchaos" führen. Hans betonte, auch er selbst würde sich mit dem Impfstoff von AstraZeneca impfen lassen, "aber erst, wenn ich an der Reihe bin".

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 02. März 2021 um 11:01 Uhr.