Eine Flüssigkeit tropft aus der Kanüle einer Spritze. | Bildquelle: dpa

Frischzellen-Therapien Spahn will riskante Kuren verbieten

Stand: 09.11.2018 19:00 Uhr

Frischzellen-Therapien gelten als unwirksam und gefährlich - fast überall auf der Welt sind sie verboten. Laut NDR und SZ will das Gesundheitsministerium sie nun auch hierzulande untersagen.

Von Christian Baars, NDR

"Patienten müssen sicher sein können, dass ihnen Arzneimittel nicht schaden", hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn dem NDR und der "Süddeutschen Zeitung" gesagt. "Deshalb werden wir Herstellung, Verkauf und Anwendung von Frischzellen verbieten", so der CDU-Politiker.

Gesundheitsminister Jens Spahn | Bildquelle: dpa
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"Patienten müssen sicher sein können, dass ihnen Arzneimittel nicht schaden", sagt Gesundheitsminister Spahn.

Konkret geht es dabei um Extrakte aus tierischen Organen, meist von Schafen. Mehr als 400 Ärzte und Heilpraktiker in Deutschland stellen solche Mittel selbst her und spritzen sie ihren Patienten. Angeblich sollen sie gegen Alterserscheinungen oder verschiedene teils schwere Erkrankungen helfen. Angepriesen werden sie teils als "Anti-Aging-Kuren" oder zur "Stärkung der körpereigenen Immunabwehr". Die Behörden sehen jedoch keinerlei Beleg für eine Wirksamkeit. Alle Bundesländer sind mittlerweile einhellig dafür, diese Art von Behandlungen zu verbieten.

In fast allen Ländern der Welt verboten

NDR und "SZ" hatten 2015 darüber berichtet, dass es in Deutschland einen Boom dieser fragwürdigen Therapie gebe, obwohl die Frischzellen damals bereits in fast allen Ländern weltweit verboten waren. Einige Ärzte und Kliniken in Deutschland hatten sich auf zahlungskräftige Gesundheitstouristen aus Asien, Russland oder den USA spezialisiert. Die Behandlung kostet teils einige Tausend Euro.

Schafherde
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Die Frischzellen werden meist aus den Organen von Schafen hergestellt.

Viele Experten fordern schon lang ein Verbot solcher Behandlungen. Schon 1994 wies das Bundesgesundheitsamt in einem Gutachten auf die erheblichen Risiken hin. 2001 warnte die Ärztekammer in Nordrhein-Westfalen alle Kollegen dringend davor, Organpräparate, -extrakte oder -peptide anzuwenden. Es könne zu schweren Infektionen kommen, die sich vielleicht auch erst Wochen, Monate oder Jahre später bemerkbar machen. Der Bundesrat forderte 2012 die Regierung auf, die Herstellung und Verwendung von Frischzellen unter Strafe zu stellen.

Von Tieren auf Menschen übertragene Krankheit

Intensiver befasst haben sich die Behörden in Deutschland mit diesen Therapien dann erneut, nachdem sich 2014 in Rheinland-Pfalz einige Patienten und Mitarbeiter von Kliniken mit Q-Fieber infiziert hatten, einer hoch ansteckenden Erkrankung, die von Schafen stammt und zu Lungenentzündung, Herzmuskelentzündung und auch zum Tod führen kann.

In der Folge haben die zuständigen Behörden Gutachten erstellt. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass Frischzellen und Organextrakte tierischen Ursprungs ein negatives Nutzen-Risiko-Verhältnis aufweisen. Insbesondere könnten Krankheitserreger von Tieren auf Menschen übertragen werden. Zusätzlich bestehen demnach schwerwiegende immunologische Risiken.

Nutzung von Frischzellen wird verboten

Nun soll das Arzneimittelgesetz so geändert werden, dass die Herstellung, das Inverkehrbringen und die Anwendung von Frischzellen beim Menschen verboten wird. Ein entsprechender Referentenentwurf soll in Kürze vorliegen.

Gleichzeitig will das Ministerium auch die erlaubnisfreie Herstellung von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln durch Heilpraktiker verbieten. Anlass hierfür ist ein Fall aus dem Juli 2016. Damals waren mehrere Krebspatienten gestorben, nachdem in Brüggen-Bracht in Nordrhein-Westfalen ein Arzneimittel mit dem Stoff 3-Bromopyruvat (3-BP) gespritzt worden war. Der dortige Heilpraktiker hatte den Stoff selbst hergestellt.

In Deutschland ist das bislang grundsätzlich zulässig. Der Heilpraktiker hatte auch viele verzweifelte sterbenskranke Patienten aus den benachbarten Niederlanden angezogen. Dort ist eine solche Behandlung schon lang verboten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. November 2018 um 22:00 Uhr.

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