Eine Apothekerin impft einen Kunden | Simone Blass

Modellprojekt Wenn Apotheken gegen Grippe impfen

Stand: 12.10.2020 20:25 Uhr

Erstmals dürfen in diesem Jahr auch ausgewählte Apotheken Grippeschutzimpfungen anbieten. Dadurch soll die Impfquote erhöht werden. Doch Hausärzte bleiben auch nach dem Start des ersten Modellprojekts skeptisch.

Von Simone Blaß, SR

Aline Neu, Inhaberin der Allee-Apotheke im saarländischen Heusweiler-Holz, ist eine von derzeit 20 Apothekern und Apothekerinnen im Saarland, die gegen die Grippe impfen dürfen. Sie hat zuvor eine neunstündige Ausbildung absolviert - drei Stunden Theorie online und sechs Stunden Praxis. Sie fühlt sich trotzdem gut gewappnet: "In der Theorie in diesem Online-Seminar wurde uns ausführlich Grundsätzliches zum Impfen erklärt", sagt sie. Zum dritten Mal verabreicht sie heute die Grippeimpfung.

Ulrich Napp hat sich angemeldet. Für den 34-Jährigen ist das Angebot vor allem eins: unkompliziert: "Ich musste nicht erst lange vorher einen Termin vereinbaren und auch nicht lange im Wartezimmer sitzen", sagt er. "Ich habe kurz Bescheid gesagt, dass ich vorbeikommen und geimpft werden möchte und hatte jetzt keinen großen Aufwand damit."

Modellprojekt im Saarland

Im Rahmen eines Modellprojektes dürfen im Saarland speziell ausgebildete Apotheker gegen Grippe impfen. Grundlage dafür ist das im März in Kraft getretene Masernschutzgesetz. Mit dem Projekt von AOK und Saarländischem Apothekerverein sollen Jüngere erreicht werden, aber auch die Menschen, die momentan große Angst vor einer Corona-Infektion haben und deshalb volle Wartezimmer scheuen. Neben dem Saarland wird das Projekt auch etwa in Düsseldorf, Essen und Duisburg angeboten.

Kritik der Ärzte

Für die Ärzte ist das Angebot aber ein Problem. Dr. Michael Kulas, Vorsitzender des saarländischen Hausärzteverbandes, hält neun Stunden Ausbildung für viel zu kurz. "Ein Arzt hat, bis er dorthin kommt und impfen darf, eine Ausbildung inklusive Facharztbildung hinter sich. Das sind meistens zwölf Jahre Ausbildung", sagt er. "Eine medizinische Fachangestellte, der wir die Impfung delegieren können, hat immerhin eine dreijährige Ausbildung mit zusätzlichen Impfmodulen hinter sich."

Das Risiko von Nebenwirkungen sei zu groß. Auch wenn schwere Fälle äußerst selten seien, so sei ein Apotheker bei Weitem nicht dafür ausgebildet, wenn es bei der Impfung zum Beispiel zu einem anaphylaktischen Schock komme.

Nicht für Risikopatienten gedacht

Susanne Koch, Vorsitzende des saarländischen Apothekervereins betont, dass das Angebot vor allem für gesunde und jüngere Patienten gedacht sei - nicht für Risikopatienten. Man wolle durch das niedrigschwellige Angebot in Deutschland die Impfquote deutlich erhöhen. In anderen Ländern sei das bereits gelungen. So hätten sich in der Schweiz, Kanada und Irland deutlich mehr Patienten gegen Grippe geimpft, seit sie die Impfung in der Apotheke erhalten können. Zudem verfügten auch Apotheker über eine fundierte naturwissenschaftliche Ausbildung und gute medizinische Grundkenntnisse.

Egal ob Arzt oder Apotheker, momentan kämpfen alle allerdings mit der Knappheit des Impfstoffes. Für das Modellprojekt im Saarland wurden zwar 5000 zusätzliche Dosen bestellt - doch auch die dürften schon bald vergriffen sein.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 12. Oktober 2020 um 22:15 Uhr.