Demonstration in Berlin gegen Antisemitismus | Bildquelle: REUTERS

Studie Antisemitismus durchdringt das Netz

Stand: 18.07.2018 19:36 Uhr

So weit verbreitet wie noch nie ist der Antisemitismus in Blogs, Medien und Online-Kommentaren - so das Ergebnis einer Langzeitstudie der TU Berlin. Dies sei ein besorgniserregendes Phänomen, sagt die Forscherin Schwarz-Friesel.

Antisemitische Hetze, Hass auf Juden und auf Israel durchdringen nach einer Studie der Technischen Universität (TU) Berlin zunehmend das Internet. In sozialen Medien, Blogs und Online-Kommentaren sei der Antisemitismus so weit verbreitet wie noch nie, heißt es in der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Untersuchung.

Die Antisemitismus-Expertin Monika Schwarz-Friesel sprach von einem "besorgniserregenden Phänomen". Da die Internetkommunikation immer wichtiger werde und sich die Menschen ständig in beiden Welten bewegten, sei die Zunahme des Antisemitismus im Internet um so bedenklicher. "Wenn das so weiter geht, wird die Akzeptanz in der Gesellschaft steigen", so Forscherin.

Antisemitismus werde selbst in der Mitte der Gesellschaft und bei gebildeten und links eingestellten Nutzern akzeptiert. Das Ausmaß der "ungefilterten und nahezu grenzlosen Verbreitung von judenfeindlichem Gedankengut", auch auf themenfremden Ratgeberseiten oder Diskussionsforen habe ein einmaliges Ausmaß erreicht.

Monika Schwarz-Friesel, Antisemitismusforscherin an der TU Berlin | Bildquelle: Felix Noak
galerie

Monika Schwarz-Friesel, Antisemitismusforscherin an der TU Berlin

Weite Verbreitung judenfeindlicher Äußerungen

Für die Studie werteten die Sprachforscher im Zeitraum von 2014 bis zu diesem Jahr 300.000 deutschsprachige, häufig anonym verfasste Texte unter anderem auf Twitter, Facebook und den Kommentarspalten von Qualitätsmedien aus.

Auch tagesschau.de stellte Daten zur Verfügung. Dabei ging es unter anderem um User-Kommentare zur Berichterstattung auf der Website, die aufgrund menschenverachtender Inhalte redaktionell aussortiert und gesperrt werden. Viele solcher Kommentare wiesen antisemitische Inhalte auf.

Zum Vergleich zogen die Forscher 20.000 Mails hinzu, die von 2012 bis 2018 an die israelische Botschaft und den Zentralrat der Juden geschickt wurden und die Adressaten zeigten.

Im Zehn-Jahres-Vergleich habe sich die Anzahl der antisemitischen online-Kommentare zwischen 2007 und 2018 zum Teil verdreifacht. Nutzer seien im Internet kaum noch vor judenfeindlichen Texten sicher.

Zugleich sei eine Tendenz zu einer semantischer und argumentativen Radikalisierung zu konstatieren: Seit 2009 habe sich die Verwendung von NS-Vergleichen, Gewaltphantasien und drastischen, dämonisierenden und dehumanisierenden Bedeutungszuschreibungen wie Pest, Krebs oder Unrat verdoppelt.

In mehr als der Hälfte der Texte tauchten Stereotype auf, wie sie seit Jahrhunderten kursierten: Die Juden als Fremde, Andere, Böse oder Wucherer. Solche Bilder kursierten etwa auch in der Beschneidungsdebatte von 2012. Der Brauch wurde damals als "Blutritual" oder "Opferkult" diffamiert.

Antisemitismus im Netz nimmt zu
tagesthemen 22:15 Uhr, 18.07.2018, Viktoria Kleber, RBB

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Was nicht passt, wird passend gemacht

Es zeige sich, so Schwarz- Friesel, dass Antisemiten in einer sogenannten Affektlogik denken und fühlen. Affektlogik bedeute, dass sich ein Antisemit alles passend mache, was ihm nicht ins Glaubenskonzept passe. Er nehme weder Kritik an, noch lasse er sich eines Besseren belehren.

Stattdessen intergriere er Fakten in sein Konstrukt, auch wenn sie für ihn widersinnig sein müssten. "Der Holocaust hat stattgefunden, aber dennoch haben die Holocaust-Leugner Recht, denn sie beschreiben ja, dass die Lügen und Verschwörungen der Juden wahr sind", könnte eine solch krude Idee lauten. Schwarz- Friesel sagt, Antisemiten würden sich verhalten wie Hamster im Hamsterrad. Sie würden einfach nicht herauskommen.

"Politisch korrekter Antisemitismus"

Eine wichtige Triebfeder sei der Hass. In fast drei Viertel der Texte würden solche Gefühle offen ("Ich hasse Juden") oder indirekt ("Die Welt hasst Israel", "Der Hass kommt aus Israel") geäußert. Über politische und ideologische Einstellungen hinweg seien die Nutzer in ihren Stereotypen vereint. "Das alte Phantasma des "Ewigen Juden" ist dominant", sagte Schwarz-Friesel.

Der auf Israel bezogene Judenhass tauche in einem Drittel der Texte auf. Im muslimischen Antisemitismus würden neben dem Vernichtungswunsch Israels die Juden selbst für den Antisemitismus verantwortlich gemacht.

Die Wissenschaftler sprechen daher von einer "Israelisierung der antisemitischen Semantik". Oft sei nicht mehr von "Jude" oder "Judentum" die Rede, sondern von "Israelis", "Zionismus" oder "einflussreichen Kreisen". Dieser Form des "politisch korrekten Antisemitismus" werde in der Gesellschaft, von der Politik und der Justiz der geringste Widerstand entgegengesetzt. In Karikaturen oder der Popmusik werde Antisemitismus oft als Kunstfreiheit umgedeutet. "Antisemiten bekommen zunehmend das Gefühl, dass sie offen auftreten können", sagte Schwarz-Friesel.

Eine Enthemmung in Schritten

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, erklärte "Stück für Stück" habe "eine verbale Radikalisierung und Enthemmung stattgefunden, die uns mit tiefer Sorge erfüllt". Antisemitismus im Netz sei nicht virtuell, sondern eine echte Bedrohung. Das Internationale Auschwitz-Komitee sprach von einem Warnsignal für Politik, Netzbetreiber und Menschen, die sich im Netz engagierten.

Ein Vertreter der israelischen Regierung sagte zum Ergebnis der Studie, das Phänomen stehe "im Zusammenhang mit den muslimischen Migranten und dem Aufstieg der extremen Rechten". Man sei sich zudem bewusst, dass es mehr antisemitische Angriffe auf den Straßen Deutschlands gebe.

"Rassismus geht alle an"

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, verwies auf ähnliche Entwicklungen bei antisemitischem und antimuslimischem Rassismus: "Aus der Forschung über den antimuslimischen Rassismus wissen wir, dass Gewalt nicht im Netz bleibt, sondern sich den Weg in die analoge Welt bahnt", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung": "Und schließlich switcht es dann von der verbalen in die physische Gewalt um."

Mazyek rief dazu auf, gegen Rassismus einzutreten. Das "verlockende, aber brutal falsche Gefühl", das betreffe doch nur Juden und Muslime, müsse endlich der Haltung weichen, dass Rassismus alle angehe und dass es zu spät sein könne, wenn nichts dagegen unternommen werde.

Mit Informationen von Günter Marks, tagesschau.de

Darstellung: