Atomkraftgegner halten Fahnen mit der Aufschrift "Atomkraft? Nein Danke". | dpa

Anti-AKW-Bewegung "Wir kriegen nichts mehr auf die Straße"

Stand: 05.08.2022 11:56 Uhr

Der Protest gegen Atomenergie brachte immer wieder Tausende auf die Straße. Einem möglichen Weiterbetrieb hat die Anti-AKW-Bewegung derzeit aber wenig entgegenzusetzen. Woran liegt das?

Von David Zajonz, WDR

Walter Schumacher blickt auf fünf Jahrzehnte Anti-AKW-Aktivismus zurück. Schon Mitte der 1970er-Jahre hat er gegen den Bau von Atomkraftwerken protestiert: "Ich bin auf Demos mehrmals verhaftet worden", erzählt der heute 73-jährige Aachener. Unter anderem habe er damals Sitzblockaden auf Autobahnen organisiert.

David Zajonz

Bis vor wenigen Monaten sah es so aus, als würden Schumacher und seine Mitstreiter als sichere Sieger aus dem Kampf gegen die Atomkraft in Deutschland gehen. Ende des Jahres sollten die letzten Meiler vom Netz gehen. Doch nun dreht sich der Wind - plötzlich ist von Streckbetrieb und Laufzeitverlängerungen die Rede.

Mehrheit der Bürger für längere Laufzeiten

Der russische Angriffskrieg und die daraus resultierende Energiekrise haben alte Gewissheiten infrage gestellt. Das bekamen am vergangenen Wochenende auch die Leser der Tageszeitung "taz" vor Augen geführt, deren eigene Geschichte eng mit der Anti-AKW-Bewegung verbunden ist. Von der Titelseite lächelte ihnen zwar die vertraute rote Sonne auf gelbem Grund entgegen - das Symbol der Anti-AKW-Bewegung. Darunter war aber nicht der berühmte Slogan "Atomkraft? Nein Danke" zu lesen, stattdessen titelte die "taz": "Atomkraft? Lass Laufen". Der Leitartikel der Zeitung kommt zu dem Schluss, dass der Streckbetrieb der Atommeiler angesichts der Energiekrise zu einem "notwendigen Übel" werden könnte.

Der Stimmungsumschwung spiegelt sich auch in Meinungsumfragen wider. Als nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima ein schnellerer Atomausstieg beschlossen wurde, gab es dafür noch eine breite Mehrheit. Im aktuellen ARD-Deutschlandtrend sprachen sich hingegen mehr als 80 Prozent der Befragten für längere Laufzeiten aus, rund 40 Prozent wollen die Atomkraft sogar langfristig nutzen. Nur 15 Prozent der Befragten sind dafür, bis zum Jahresende aus der Kernenergie auszusteigen.

Tempolimit statt Streckbetrieb?

"Ich finde das erschreckend", sagt Anja Vorspel mit Blick auf solche Umfragen. Das müsse wohl am "kurzen Gedächtnis" der Menschen liegen. Vorspel ist seit mehr als 40 Jahren in der Anti-AKW-Bewegung aktiv. In der Gründungszeit war sie Grünen-Mitglied, inzwischen sitzt sie für die Linkspartei im Düsseldorfer Stadtrat. Aus ihrer Sicht ist der Weiterbetrieb von Atomkraftwerken nicht notwendig, schließlich gebe es noch Möglichkeiten Energie einzusparen: "Dass das Tempolimit nicht gemacht wird, zeigt, dass kein echtes Interesse am Energiesparen vorhanden ist", so Vorspel.

Wetten über längere Laufzeit

Unter den Aachener Aktivisten von Walter Schumacher laufen schon Wetten darüber, ob es tatsächlich zur Laufzeitverlängerung kommt: "Ich persönlich bin mir sicher, dass es passieren wird", sagt Schumacher. In Belgien - unweit seiner Heimatstadt - hat die Regierung beschlossen, die Atomkraftwerke bis 2035 laufen zu lassen.

Während es in Deutschland voraussichtlich nur um einen vergleichsweise kurzen Zeitraum geht, verschiebt Belgien seinen Atomausstieg damit ganze zehn Jahre nach hinten. Aktivist Schumacher kann sich lediglich damit trösten, dass die beiden als "Pannenreaktoren" bekannten Meiler Tihange 2 und Doel 3 bereits in den kommenden Monaten abgeschaltet werden sollen.

"Bei uns ist letztlich alles grauhaarig"

Große Proteststimmung scheint sich unter den Aktivistinnen und Aktivisten allerdings nicht breitzumachen - weder mit Blick auf Belgien noch hinsichtlich der deutschen Debatte. Walter Schumacher hat Zweifel daran, ob seine Bewegung überhaupt noch Massenproteste zustande bekommt: "Wir kriegen faktisch nichts mehr auf die Straße." Aus seiner Sicht liegt das unter anderem an der Altersstruktur: "Bei uns ist letztlich alles grauhaarig", sagt Schumacher über sich und seine Mitstreiter. Die jüngeren Leute engagierten sich eher gegen Braunkohle und seien bei Fridays For Future.

Auch er selbst werde nicht gegen den Streckbetrieb protestieren gehen, zu aussichtslos scheint ihm der Einsatz dagegen. "Wenn in Deutschland neue Atomkraftwerke gebaut werden sollten, würde ich noch mal anders darüber nachdenken." Soweit aber, glaubt Schumacher, wird es nicht kommen. Anja Vorspel hingegen kann sich vorstellen gegen längere Laufzeiten auf die Straße zu gehen. "Selbstverständlich", sagt sie und fügt schmunzelnd hinzu: "Wenn irgendwas zu alt ist, dann nicht die Gegnerinnen und Gegner der Atomkraft, sondern die AKWs."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 04. August 2022 um 22:15 Uhr.