Reagenzgläser mit der Aufschrift „Affenpockenvirus positiv und negativ“ | REUTERS

Immer mehr Affenpocken-Fälle Lauterbach bereitet Maßnahmen vor

Stand: 23.05.2022 20:54 Uhr

Nach Fällen in Berlin und Bayern sind nun auch in Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg Affenpocken-Infektionen nachgewiesen worden. Die Bundesregierung wird sich wohl im Laufe des Tages zu möglichen Maßnahmen äußern.

Bislang kamen die Affenpocken vor allem in West- und Zentralafrika vor. Nachdem nun in Kanada, den USA und mehreren europäischen Ländern zugleich Affenpocken aufgetreten sind, hat die Weltgesundheitsversammlung in Genf darüber beraten.

Auch in Deutschland werden nach dem Auftreten erster Fälle Maßnahmen zur Eindämmung vorbereitet. Aktuell würden Empfehlungen zu Isolation und Quarantäne erarbeitet, sagte Gesundheitsminister Karl Lauterbach am Rande der Weltgesundheitsversammlung. Er gehe davon aus, dass sie bereits am Dienstag vorgelegt werden könnten.

Zudem denke man über Impfempfehlungen für besonders gefährdete Personen nach. Er habe bereits Kontakt mit einem Hersteller aufgenommen, der Impfstoffe spezifisch für Affenpocken herstellt, sagte Lauterbach.

Gesundheitsministerium rechnet mit begrenztem Ausbruch

Mit Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg haben zwei weitere Bundesländer Nachweise der Infektion gemeldet. Zuvor waren bereits Fälle in Berlin und Bayern bekannt geworden. Proben zahlreicher weiterer Menschen werden analysiert, zudem suchen Behörden nach Kontaktpersonen nachweislich Infizierter.

Das Bundesgesundheitsministerium rechnet mit weiteren Infektionen, aber mit einem begrenzten Ausbruch. Symptome sind Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen und Ausschlag auf der Haut. Eigentlich wird das Virus vom Tier auf den Menschen übertragen, bei sehr engem Kontakt können Erkrankte aber auch andere Menschen infizieren.

Weltweit sind inzwischen mehr als 100 aktuelle Fälle nachgewiesen. Wegen der langen Inkubationszeit von bis zu drei Wochen gehen Experten von vielen weiteren Meldungen in nächster Zeit aus. Offen sei noch, ob sich das seit mehr als 40 Jahren bekannte Virus womöglich verändert habe, sagten Fachleute der Weltgesundheitsorganisation WHO in Genf.

Geringes Risiko für breite Bevölkerung

Laut Robert Koch-Institut schützt eine herkömmliche Pockenimpfung. In Westdeutschland war die Schutzimpfung bis 1975 Pflicht, in der DDR bis 1982. Lauterbach erklärte, man denke nun nicht über eine Impfung für alle nach, sondern eher über eine Empfehlung für besonders gefährdete Personen.

Momentan seien vor allem Männer, die sexuelle Kontakte mit Männern haben, betroffen. Generell gilt ungeschützter, enger Körperkontakt mit vielen Menschen als Risiko. Für die breite Bevölkerung schätzt das RKI die Gefährdung derzeit als gering ein. Der Chef der Infektiologie an der Berliner Charité, Leif Erik Sander, sagte, es gebe eigentlich keine Gefahr für die meisten Menschen. Es werde ein begrenzter Ausbruch sein. "Nichtsdestoweniger wissen wir noch nicht, wie groß er sein wird. Deswegen gilt bestimmte Wachsamkeit."

Der Vorsitzende des Weltärztebunds, Frank Ulrich Montgomery, plädierte für ein Impfangebot. "Es wäre deswegen sinnvoll, allen Jüngeren, die nicht mehr unter die Pockenimpflicht gefallen sind, jetzt ein Impfangebot zu machen", sagte er der Funke Mediengruppe. "Wir sollten dabei in erster Linie an die aktuell besonders gefährdeten Gruppen denken - also in der Regel jüngere Männer mit vielen wechselnden Sexualkontakten."

Laut Bundesgesundheitsministerium waren die "Expositionsorte der in Deutschland bislang bekanntgewordenen Fälle Party-Veranstaltungen, unter anderem auf Gran Canaria und in Berlin, bei denen es zu sexuellen Handlungen kam."

Drei Wochen Quarantäne in Großbritannien

In Großbritannien sollen Menschen mit engem Kontakt zu mit Affenpocken Infizierten für drei Wochen in Quarantäne. Belgische Behörden ordneten eine 21-tägige Isolation für Infizierte an. Für Kontaktpersonen gilt dies dort nicht, ihnen wird nur zu besonderer Vorsicht geraten.

Der Virologe Sander schrieb bei Twitter, Quarantäne finde er "in dieser Phase richtig und wichtig". Es handle sich um einen sehr dynamischen globalen Ausbruch und über sein Ausmaß und die Infektionskette sei momentan noch zu wenig bekannt. Alle engen Kontaktpersonen von Infizierten sollten isoliert werden, um weitere Übertragungen bestmöglich zu verhindern.

"Affenpocken nicht vergleichbar mit Corona"

Auch wenn die weltweit erfassten Infektionen derzeit in erster Linie Männer betreffen, die Sex mit anderen Männern hatten: Eine Übertragung ist generell bei engem Kontakt und über kontaminierte Materialien wie Bettlaken oder Handtüchern möglich. Die Weitergabe über die Luft spielt - anders als etwa bei Corona - hingegen kaum eine Rolle.

Den Anfang einer Pandemie müsse man nicht befürchten, sagte Paula Piechotta, Gesundheitspolitikerin der Grünen: "Grundsätzlich tun wir sehr gut daran, immer wieder zu kommunizieren, dass die Affenpocken überhaupt nicht vergleichbar sind mit Corona. Die Affenpocken sind keine komplett neue Erkrankung. Da gab es in den letzten Jahren immer wieder Ausbrüche in verschiedenen Ländern und grundsätzlich sind wir da gut gerüstet."

Wo die Ursprünge der aktuellen Infektionswelle lagen, ist bisher noch weitgehend unklar. Komplett überraschend komme der Ausbruch nicht, sagte Ärztefunktionär Montgomery. "Wir müssen uns durch die weltweit wachsende Mobilität und die engen Kontakte zwischen Menschen und Tieren immer öfter auf solche Virus-Ausbrüche einstellen."

Mit Informationen von Vera Wolfskämpf, ARD-Hauptstadtstudio

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 23. Mai 2022 um 21:30 Uhr.