Frauke Petry | Bildquelle: dpa

AfD-Chefin Petry und der Begriff "völkisch" Aus dem historischen Giftschrank

Stand: 12.09.2016 08:12 Uhr

AfD-Chefin Petry hat einmal mehr für mediale Aufmerksamkeit gesorgt. In einem Interview forderte sie, den Begriff "völkisch", der eng mit der NS-Ideologie verknüpft ist, positiv zu besetzen. Warum will die AfD solche Begriffe aus dem historischen Giftschrank holen?

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

AfD-Chefin Frauke Petry hat in der "Welt am Sonntag" gefordert, dem Begriff "völkisch" eine positive Bedeutung zu geben. "Ich sperre mich dagegen, Wörter zu Unwörtern zu erklären". Die Gleichsetzung von "völkisch" mit "rassistisch" sei eine "unzulässige Verkürzung". Sie ergänzte, dass sie den Begriff zwar selbst nicht benutze. Aber ihr missfalle, dass "völkisch" ständig nur in einem negativen Kontext benutzt werde.

Wochenzeitung "Zeitungszeugen" | Bildquelle: dpa
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Antisemitische und rassistische Hetze - das NSDAP-Propagandablatt "Völkischer Beobachter" in einem dokumentarischen Nachdruck

Der Begriff "völkisch" war zentral in der NS-Ideologie. In Hitlers "Mein Kampf" taucht er Dutzendfach auf - auch im Stichwortverzeichnis - und er dient als Basis für die NS-Rassenideologie. Nicht zufällig hieß das NSDAP-Propagandablatt "Völkischer Beobachter". In den Jahren zuvor war es die selbst ernannte "Völkische Bewegung" gewesen, die das Wort selbst als zentralen Kampfbegriff politisch aufgeladen hatte. Insbesondere der NS-Antisemitismus basiert in weiten Teilen auf "völkischen" Ideen.

Abgrenzung der "Volksgemeinschaft"

Im Duden wird "völkisch" unter anderem als "in der rassistischen Ideologie des Nationalsozialismus" stehend definiert. Der Begriff stand im "Dritten Reich" für die Abgrenzung einer deutschen "Volksgemeinschaft" gegenüber als minderwertig angesehenen Gruppen wie etwa Juden oder Schwarzen.

"Als völkisch bezeichnet man eine radikal-nationalistische Einstellung, die die Menschengruppe, zu der man sich zugehörig fühlt, das eigene "Volk", verabsolutiert und als (ethnisch) reine Gemeinschaft definiert. Ende des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlangte die Völkische Bewegung großen politischen Einfluss, sie war ein Wegbereiter des Nationalsozialismus. Bis heute sind die Völkischen eine wichtige Strömung des Rechtsextremismus. [...] Die Bewegung war nicht nur antisemitisch, sondern auch antiegalitär und generell antimodernistisch. Sie lehnte Frauenemanzipation und Demokratie ab, ebenso Parlamentarismus und Republik, Industrialisierung und Urbanisierung, moderne Kunst und neuartige Sportarten wie Fußball." (Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung)

Ist der AfD-Chefin der historische Hintergrund des Begriffs schlicht nicht bekannt? Das wäre zumindest erstaunlich. Doch wenn sie ihn kennt - was will sie erreichen? Der Rückgriff auf fragwürdiges Vokabular ist in der AfD kein Einzelfall. Ende vergangenen Jahres wünschte beispielsweise die AfD in Sachsen-Anhalt ein "besinnliches, friedvolles Weihnachten" - und kombinierte diesen Gruß mit dem Appell, sich Gedanken zu machen "über gemeinsame Werte, Verantwortung für die Volksgemeinschaft". Auf einen kritischen Hinweis eines Facebook-Nutzers antwortete AfD-Spitzenfunktionär Andre Poggenburg: Heute sollten "einige völlig unproblematische und sogar äußerst positive Begriffe nicht benutzt werden". Eine Formulierung, die an Petrys Ausführungen erinnert.

"Nicht mit den Vorstellungen von Demokratie vereinbar"

Der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn von der Universität Göttingen erklärte dazu gegenüber tagesschau.de, historisch sei der Begriff der Volksgemeinschaft "eindeutig durch den Nationalsozialismus belegt". Und selbst wenn man sich auf den Standpunkt historischer Naivität zurückziehen würde, sei der Begriff in einer Demokratie unhaltbar, so der Professor. Die Idee einer Volksgemeinschaft sei "generell nicht mit den Vorstellungen von Demokratie vereinbar".

Andre Poggenburg und Björn Höcke
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Gelten als Wortführer des ganz rechten Flügels der Partei: Die AfD-Politiker Andre Poggenburg (li.) und Björn Höcke

Bekannte AfD-Spitzenfunktionäre sorgten bereits mehrfach für Schlagzeilen - sei es durch Äußerungen über schwarze Fußballspieler, einen möglichen Schusswaffengebrauch an den Grenzen oder angebliche Reproduktionsstrategien von Menschengruppen. Zum einen sind dies gezielte Provokationen, um sich medial zu inszenieren. Aber dies ist nicht der alleinige Zweck; die AfD-Funktionäre weiten zudem das politisch Sagbare aus. Petry will nun beispielsweise die Frage auf die Tagesordnung setzen, ob "völkisches" Denken positiv interpretiert werden könnte.

Begriffe von der NS-Zeit trennen

Im Jahr 2006 war es NPD-Spitzenfunktionär Udo Pastörs, der forderte, Adolf Hitler wertfrei zu interpretieren. Zehn Jahre später sind es AfD-Politiker, die Begriffe, die historisch eindeutig mit der NS-Ideologie verbunden sind, wieder aus dem Giftschrank der Geschichte holen und dekontaminieren wollen.

Allerdings knüpft Petry nicht unbedingt an die NS-Zeit an, sondern möglicherweise will sie ganz im Sinne der "Neuen Rechten" die "völkische" Ideologie aus der Kaiserzeit sowie Weimarer Republik vom "Makel des Nationalsozialismus" trennen und reanimieren. Allerdings stand der Begriff "völkisch" auch schon vor Hitler für aggressiven Nationalismus und Antisemitismus. Wie Petry diesen Begriff positiv besetzen will, führte die AfD-Chefin in dem Interview nicht weiter aus.

Über dieses Thema berichtete DRadko Kultur am 12. September 2016 um 12:20 Uhr

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