AfD-Europaparteitag in Magdeburg | Bildquelle: dpa

AfD-Parteitag in Magdeburg Mit klarem Feindbild Richtung Brüssel

Stand: 19.11.2018 21:45 Uhr

Auf ihrem Europaparteitag zelebriert die AfD ihre Idee von Basisdemokratie. Das gewährt einen unverblümten Blick auf die Partei. Von den angestrebten 40 Listenplätzen besetzt sie jedoch nicht einmal die Hälfte.

Von Tom Schneider, ARD-Hauptstadtstudio, zzt. Magdeburg

13, ausgerechnet bei 13 ist Schluss in Magdeburg. Doch das Gefühl des Ausgelaugtseins scheint bei den AfD-Delegierten am Ende stärker zu sein als der Aberglaube an eine Unglückszahl. Vier Tage haben sie in Marathonsitzungen Kandidaten gehört, befragt und gewählt. 40 Listenplätze will die AfD für die Europawahl besetzen. Doch die Wahl des 14. Platzes lässt Parteichef und Spitzenkandidat Jörg Meuthen am Abend unterbrechen. Der Parteitag schließt unvollendet.

Die AfD übt sich in einer Form der Basisdemokratie, die schon zu Beginn erdrückend wirkt. Vergleichsweise schnell geht zwar noch die Wahl der ersten fünf Listenplätze. Doch dann wird die Zahl der Bewerber pro Listenplatz immer größer. Zwischen zehn und 15 Kandidaten sind es meistens, und jeder darf in sieben Minuten Redezeit seine Kandidatur begründen. Es entsteht das eigenwillige Mosaik einer Anti-Partei. Wie die AfD in Bezug auf Europa tickt, ist gar nicht so leicht zu beantworten.

In großer Pose gegen Macron

"Der deutsche Regierungsapparat ist krank", "Europa ist krank", "die gesamte Gesellschaft ist krank". Die Diagnose ganz unterschiedlicher Bewerber verrät, wie die AfD sich sehen will: als ein Heilsbringer für eine EU, die den Deutschen vor allem Schlechtes zufügt. Die AfD bläst mit klarem Feindbild Richtung Brüssel: hier die braven, fleißigen, leistungsstarken Deutschen und dort in der EU die anderen.

"Alle parasitären Clowns sollen endlich mal die Klappe halten", keift etwa Nicolaus Fest in die Mikrofone der Magdeburger Messehalle. Fest entstammt einer Historiker- und Publizisten-Familie. Sein Vater Joachim war Herausgeber der FAZ und unter anderem Autor einer viel beachteten Hitler-Biografie. In den 1960er-Jahren war er mal Chefredakteur des Norddeutschen Rundfunks.

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AfD-Europaparteitag in Magdeburg. Die große Mehrheit der Delegierten führt ein Ende der europäischen Idee im Schilde.

Wen sein Sohn da gerade in großer Pose niedermacht, ist der französische Staatspräsident Emmanuel Macron. Nicolaus Fest mag klare, wetternde Worte. Wegen eines allzu islamkritischen Kommentars musste er im Jahr 2016 den Chefredakteursposten bei der "Bild am Sonntag" räumen, schreibt die AfD stolz in seiner Biografie. Macrons Enthusiasmus für Europa ist das, was Fest in Brüssel bekämpfen will. Fest wird auf Platz sechs ziemlich sicher ins EU-Parlament einziehen. "Die Schmarotzer sollten endlich mal lernen, selbst zu arbeiten", ist sein Blick auf Italiener, Spanier und Griechen, den er einbringen will.

Hang zur FPÖ und zur Lega

"Wir Deutschen sollen zahlen, zahlen, zahlen und uns nicht beschweren. Wir zahlen mit unserer Identität, und damit muss Schluss sein“, sagt Markus Buchheit. Er steht auf Listenplatz sieben und ist da offensichtlich gerne behilflich. Buchheit will mit österreichischer FPÖ und italienischer Lega zusammenarbeiten.

"Wir sind der Stachel im Fleisch der Altparteien, wir müssen Masse am rechten Außenrand erreichen", gibt er das Ziel der AfD vor, die wegen Zerfallserscheinungen der einstigen Partei unter Bernd Lucke derzeit nur mit einem Abgeordneten in Brüssel vertreten ist.

Unerwartetes Bild eines Bonvivant

Zwischen all der deftigen Sprache wirken Joachim Kuhs und Erich Heidkamp fast ein bisschen verloren. Kuhs, der als Rechnungsprüfer für das Land Baden-Württemberg arbeitet, will helfen, "die bewusste Verschleierung im EU-Haushalt aufzudecken" und "die richtigen Fragen zu stellen". "13 Milliarden Euro aus Deutschland bleiben in den Fängen dieses Molochs hängen", rechnet er dem Parteitag vor.

Sein Mitstreiter Heidkamp pflegt das unerwartete Bild eines Bonvivant für Brüssel. Er hält die Idee hinter der EU eigentlich für gut und vertritt damit bei der AfD eher eine Minderheitenmeinung. Den Parteitag beeindruckt er am Ende mit einer Kostprobe seiner Mehrsprachigkeit.

Den Ast absägen, auf dem man sitzt

Die große Mehrheit der Delegierten in Magdeburg führt ein Ende der europäischen Idee im Schilde. "Ein EU-Abgeordneter der AfD würde an dem Ast sägen, auf dem er sitzt. Dazu bin ich fest entschlossen“, sagt dazu Christine Margarete Anderson, die auf Platz acht als erste Frau in der Kandidatenliste landet. Sie referiert über ein fehlendes, europäisches Staatsvolk, das eine demokratisch organisierte Staatsgewalt auf europäischer Ebene ausschließe. Die EU erscheine für sie deshalb notwendigerweise immer als Fremdherrschaft.

Dass sie eine Frau ist, empfindet die 50-Jährige nicht entscheidend für ihre Kandidatur. "Ich möchte nicht gewählt werden, weil ich eine Frau bin. Ich möchte gewählt werden, weil ich eine Frau bin, die ihren Mann steht", sagt sie.

Weiteres Mammut-Treffen im Januar

Immer wieder fällt auf dem Parteitag der Begriff des "Gender-Wahns". Die AfD hält nicht hinterm Berg damit, dass sie in ihrer überwiegend männlich und roh geprägten Sprache auch die Idee von Gleichberechtigung und Emanzipation für überflüssig hält.

Parteichef Meuthen schließt am Abend trotz einer unvollendeten Kandidatenliste mit zufriedenem Blick den Parteitag. Bei einem weiteren Mammut-Treffen im Januar in Riesa soll die Europaliste weiter wachsen, die dem Parlament in Brüssel als Fernziel den Garaus machen soll.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 20. November 2018 um 11:00 Uhr.

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