AfD-Politiker Björn Höcke spricht auf einer Wahlkampfveranstaltung der Jungen Alternative in Cottbus. | Bildquelle: ALEXANDER BECHER/EPA-EFE/REX

Landtagswahlen in Ostdeutschland Wie die AfD sich die Wende aneignet

Stand: 10.08.2019 09:11 Uhr

Um in den neuen Bundesländern Stimmen zu sammeln, vergleicht die AfD die Bundesrepublik immer öfter mit der DDR. Bürgerrechtler aus der Wendezeit sind empört - doch die Botschaft kommt an.

Von Kilian Pfeffer, ARD-Hauptstadtstudio

"Werde Bürgerrechtler. Hol Dir Dein Land zurück - vollende die Wende." Das plakatiert die AfD in Brandenburg vor der anstehenden Landtagswahl. Und verteilt Aufkleber, auf denen steht: "Es werden schon wieder Dissidenten bespitzelt" oder "Wir sind das Volk, damals wie heute".

Mit dem Stimmzettel und einem Kreuz bei der AfD könnten die Menschen im Osten jetzt die friedliche Revolution vollenden, so die Behauptung der AfD.

Die AfD versuche, sich die Wenderhetorik zu eigen zu machen, sich als Vollenderin der Wende darzustellen,  erklärt die Publizistin Liane Bednarz. Sie hat als erste über dieses Phänomen geschrieben. "Im Endeffekt reden sie den Leuten ein, dass sie jetzt so ähnlich wie 1989 auf die Straße gehen und das System letztlich niederringen müssten", sagt sie. "Das stachelt die Leute an, das macht sie scharf. Und es diskreditiert natürlich die Bundesrepublik, wie wir sie heute haben."

Die meisten AfD-Funktionäre stammen aus dem Westen

Die Bundesrepublik wird dabei zur Diktatur, gegen die man sich wehren muss. Der thüringische AfD-Landesvorsitzende Björn Höcke sagte im Juli: "Es fühlt sich schon wieder so an wie in der DDR, liebe Freunde, und dafür haben wir nicht die friedliche Revolution gemacht."

Moment: "Wir"? AfD-Politiker wie Höcke oder der brandenburgische Spitzenkandidat Andreas Kalbitz? Das treibt dem ehemaligen DDR-Bürgerrechtler und früheren Bundestagsvizepräsidenten Wolfgang Thierse die Zornesröte ins Gesicht.

"Dieser Vorgang ist an Unverschämtheit kaum zu überbieten. Da inszenieren aus Westdeutschland gekommene AfD-Funktionäre einen Wahlkampf, in dem sie sich auf die friedliche Revolution berufen, mit der sie biographisch persönlich nichts zu tun haben", schimpft er. Denn sowohl Höcke als auch Kalbitz stammen aus dem Westen.

Teilnehmer am Wahlkampfauftakt der AfD-Jugendorganisation Junge Alternative in Cottbus. | Bildquelle: ZB
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Teilnehmer am Wahlkampfauftakt der AfD-Jugendorganisation Junge Alternative in Cottbus.

"Dann kommt diese persönliche Erinnerung hoch"

Doch die AfD gehe geschickt vor, meint Bednarz: Die Partei knüpfe subtil an die Erfahrungen der Menschen in der DDR an. Höcke zum Beispiel hat auch die angebliche Geschichte eines Bürgers erzählt, der Angst habe, mit seinen Kindern offen zu reden, vielleicht über die AfD - aus Angst, sie könnten sich in der Schule verplappern und Repressalien erleiden.

"Und das war ja früher in der DDR tatsächlich so, wenn in Familien kritisch über die DDR gesprochen wurde", sagt Bednarz.  "Das heißt: Wenn Leute, die das selbst erlebt haben, diese Rede hören, dann klickt es. Und dann kommt diese persönliche Erinnerung hoch." Das Gefährliche daran sei, dass Höcke diese Menschen damit emotional erreiche.

Thierse findet: Die Gleichsetzung von DDR und dem demokratischen Deutschland heute sei eine Geschichtsverfälschung. Allein die Tatsache, dass es die AfD gebe, zeige das doch, meint er - in der DDR hätte es nie die Freiheit gegeben, dass eine Partei öffentlich so gegen das System angeht: "Die AfD widerlegt gewissermaßen durch ihre Existenz und ihr Agieren selber die Behauptung, dass die Bundesrepublik wie die DDR eine Diktatur sei."

Starke Umfragewerte vor den Landtagswahlen

Doch die Emotionen, die die AfD schürt, wirken. Die Partei steht vor den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen in den Umfragen sehr gut da.

Die Publizistin Bednarz glaubt, dass sich die anderen Parteien schleunigst Gedanken machen müssen, warum dieser Vergleich so wirkmächtig ist. Und dass Ostdeutsche gestärkt werden müssten, die etwas dagegen haben, dass ihre Erfahrungsgeschichte von der AfD vereinnahmt wird.

"Wende 2.0!"- Rhetorik der AfD
Kilian Pfeffer, ARD Berlin
09.08.2019 23:36 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 10. August 2019 um 08:48 Uhr.

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