Die Villa, in der vor 80 Jahren die Wannseekonferenz stattfand. | EPA

80 Jahre NS-Wannseekonferenz "Das Protokoll ist eine Tatwaffe"

Stand: 18.01.2022 18:01 Uhr

Vor 80 Jahren besprachen in einer Villa am Wannsee Beamte und Funktionäre des NS-Regimes die Vernichtung der Juden Europas. Anlässlich des Jahrestages erinnerte Bundespräsident Steinmeier an die "Mordmaschinerie des Nationalsozialismus".

Am 20. Januar 1942 trafen sich 15 Männer in einer Villa am Berliner Wannsee, um über die "Endlösung der Judenfrage" zu sprechen. Eingeladen zu sogenannten Wannseekonferenz hatte der Chef des Reichssicherheitshauptamts, Reinhard Heydrich.

Zwar hatte schon vor dem Treffen die nationalsozialistische Führung um Adolf Hitler die Ermordung von bis zu elf Millionen Juden in Europa beschlossen. Deportationen und Erschießungen hatten bereits begonnen. Ziel der Besprechung war es jedoch, die Umsetzung des Völkermords zu beschleunigen. Die Konferenz gilt deshalb als wichtige Wegmarke für den von den Deutschen in Gang gesetzten Holocaust.

Einziger Tagesordnungspunkt vor 80 Jahren waren organisatorische Fragen zur sogenannten "Endlösung der Judenfrage". In nüchterner Bürokratensprache hielten die Beteiligten fest, wie sie für das nationalsozialistische Regime die "europäische Judenfrage" zu lösen gedachten. Von dem 15 Seiten langen Protokoll der Wannseekonferenz ist lediglich ein einziges Exemplar erhalten.

Das Protokoll zu Wannseekonferenz | EPA

Unfassbare Grausamkeit verpackt in trockene Behördensprache: Das einzige erhaltene Protokoll der Wannseekonferenz. Bild: EPA

Steinmeier erinnert an individuelle Verantwortung

Anlässlich des 80. Jahrestages besuchte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den historischen Ort des Treffens. Heute ist der Tagungsort in einer Villa am Großen Wannsee eine Gedenk- und Bildungsstätte mit einer Dauerausstellung. "Dass sich Gleiches nicht wiederholt, das ist die Absicht jeder Erinnerung an die Verbrechen des NS-Staates", erklärte Steinmeier. In einem demokratischen Staat trage jeder einzelne Verantwortung.

"Es darf nicht vergessen werden, was hier vor 80 Jahren geschah, als ein Staatsapparat, deutsche Verwaltungsbeamte, den Völkermord an den Jüdinnen und Juden Europas planten", schrieb er zudem ins Gästebuch.

Zudem äußerte sich Steinmeier zur Premiere des ZDF-Films "Die Wannseekonferenz", der am kommenden Montag im Fernsehen ausgestrahlt wird. In einem vorab verbreiteten Manuskript für eine Rede am Abend nannte der Präsident den Film beeindruckend gut, aber auch verstörend.

"Eine reibungslos funktionierende Verwaltungsmaschinerie"

"Was wir sehen und erleben, ist eine reibungslos funktionierende Verwaltungsmaschinerie, Ressortabstimmungen, Vorlagen und Abläufe, die sich - abgesehen vom Inhalt der Besprechung - in nichts von denen unterscheiden, die es auch heute noch in Ministerien und Behörden gibt", so Steinmeier. "Es ist das Gewöhnliche, das Vertraute, das uns anspringt, entsetzt und verunsichert."

Der Film zeige die Banalität des Bösen. "Wie konnte die Mordmaschinerie des Nationalsozialismus so perfekt funktionieren? Und was bedeutet persönliche Verantwortung in einer Diktatur?", fragte Steinmeier und verwies auf die Schriftstellerin Hannah Arendt. Totalitäre Systeme würden nicht nur von Dämonen und Monstern getrieben. Vielmehr sei es so, "dass in diesen Systemen so viele kleine Rädchen ineinandergreifen, bis die Verantwortung des Einzelnen unkenntlich geworden ist und kein Unrechtsbewusstsein mehr existiert. Die Banalität des Bösen ist die seelenlose Bürokratie einer Diktatur, die Herrschaft der Niemande."

Der Film von Matti Geschonneck stützt sich auf das Protokoll der Konferenz. Dadurch zeige er sehr klar, "wie Sprache selbst zu einem Mordwerkzeug wird", erklärte Steinmeier. Sie diene zur Abstrahierung und Verschleierung des Völkermords. Dies habe es Beamten, Polizisten oder Lokführern erlaubt, an der Deportation und Ermordung von Millionen Juden mitzutun und zugleich ihr Gewissen entlastet. Millionen Deutsche seien zu Mitwissern geworden. "Das Protokoll der Wannseekonferenz ist eine Tatwaffe", erklärte der Bundespräsident. "Die Schmauchspuren, die sie hinterließ, sind bis heute nachweisbar."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. Januar 2022 um 17:00 Uhr.