Menschen mit Mund-Nasen-Bedeckungen laufen über eine Einkaufsstraße in München. | dpa
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Corona-Zahlen des RKI Täglicher R-Wert stimmt oft nicht

Stand: 09.11.2020 20:34 Uhr

Der R-Wert gilt im Kampf gegen die Pandemie als entscheidend. In der vergangenen Woche lag die Zahl der Corona-Neuinfektionen auf Rekordniveau - laut RKI lag die Kennzahl dennoch oft unter 1. Wie kann das sein?

Dominik Lauck

Von Dominik Lauck, tagesschau.de

Jeden Tag veröffentlicht das Robert Koch-Institut (RKI) einen Corona-Lagebericht. In der vergangenen Woche wurden da an mehreren Tagen hintereinander neue Rekordzahlen vermeldet. Am Donnerstag verzeichnete das RKI 19.990 Neuinfektionen, am Freitag stieg die Zahl erstmals über die 20.000er-Marke, am Samstag wurden gar 23.399 Fälle gemeldet und selbst die 16.017 Fälle tags darauf waren der höchste Sonntagswert.

Erstaunlicherweise lag jedoch der vom RKI verkündete R-Wert an vier Tagen in Folge unter 1. Dieser Reproduktionswert, auch R-Zahl genannt, gibt an, wie viele Menschen eine infizierte Person in einer bestimmten Zeiteinheit im Mittel ansteckt. Liegt der Wert über 1, dann steigt die Zahl der Neuinfektionen, die Krankheit breitet sich also weiter aus. Ist sie kleiner als 1, gibt es immer weniger Neuinfektionen, die Epidemie läuft also aus.

R-Werte im Nachhinein auf über 1 korrigiert

Doch zu früh gefreut, von einem Auslaufen kann nicht die Rede sein: Wer heute beim RKI auf die Sieben-Tage-R-Werte der vergangenen Wochen blickt, stellt fest, dass sie nun an jedem Tag über 1 liegen. Denn das RKI korrigierte die Werte im Nachhinein nach oben. Diese Aktualisierung wird aber nicht im Lagebericht oder per Pressemitteilung kommuniziert, sondern ist nur einer Excel-Tabelle auf der RKI-Homepage zu entnehmen.

"taz"-Redakteur Malte Kreutzfeldt ist das aufgefallen. Er hat auf Twitter die ursprünglich gemeldeten und später aktualisierten Werte gegenübergestellt und festgestellt, dass die Abweichung beim R-Wert bis zu 0,21 Punkte betrug (1,38 statt 1,17 am 16. Oktober).

Dies macht einen enormen Unterschied, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel Ende April erklärte: Damals rechnete sie vor, dass das Gesundheitssystem bei einem R-Wert von 1,1 innerhalb von sechs Monaten an seine Grenzen komme, bei einem R-Wert von 1,2 jedoch schon innerhalb von drei Monaten.

Korrektur wegen Meldeverzug

Laut RKI ist die nachträgliche Korrektur von R-Werten "aufgrund neu eingegangener Fallmeldungen" nichts Ungewöhnliches. Der R-Wert sei nur eine Schätzung "unter Berücksichtigung des Diagnose-, Melde- und Übermittlungsverzugs". Und genau dabei kam es offenbar in den vergangenen Wochen zu deutlichen Verzögerungen - vermutlich aufgrund der Überlastung des Gesundheitssystems, die Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am Sonntag im Bericht aus Berlin eingeräumt hat.

Die nachträgliche Korrektur des R-Wertes "kann prinzipiell in beiden Richtungen geschehen", erklärte das RKI auf Anfrage von tagesschau.de. In den vergangenen vier Wochen habe er "meistens nach oben korrigiert werden" müssen , so dass "in der Tat eine gewisse Unterschätzung vorlag".

RKI: R-Wert muss mit Vorsicht interpretiert werden

Ärgerlich, dass sich der R-Wert durch die Korrektur mehrfach von unter 1 auf über 1 veränderte - just die Grenze, die den Unterschied zwischen einem Anstieg und einem Abflauen der Corona-Pandemie markiert.

Doch so eng dürfe man sich an die Zahlen nicht klammern, meint das RKI. Der R-Wert müsse "mit Vorsicht interpretiert werden", ein einzelner Wert könne im besten Fall eine Tendenz andeuten. "Erst wenn der R-Wert über längere Zeit unter 1 liegt, kommt es zu deutlich sinkenden Fallzahlen."

Schwankung im Wochenverlauf

Eine Umstellung der Berechnungsgrundlage hält das RKI nicht für nötig, da keine dauerhafte Unterschätzung vorliege, "sondern nur eine Schwankung im Wochenverlauf, so dass es am Anfang der Woche in den letzten Woche zu unterschätzten Werten kam".

Vor allem montags bis donnerstags habe der R-Wert nach oben korrigiert werden müssen, freitags bis sonntags sei die Aktualisierung kaum ins Gewicht gefallen.

Immerhin: Auch wenn der nachträglich korrigierte R-Wert noch knapp über 1 liegt, so gibt es einen klar rückläufigen Trend: Denn vor drei Wochen lag der Wert regelmäßig bei über 1,4, Ende Oktober sank er auf unter 1,2 und in den zuletzt aktualisierten Werten von Anfang November lag er nur noch bei 1,01. Das Wachstum der Neuinfektionen verlangsamt sich also spürbar.

Über dieses Thema berichtete Bericht aus Berlin am 08. November 2020 um 18:05 Uhr.