Fahrzeuge der Polizei stehen am Gelände der Heidelberger Universität.  | dpa
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Nach Angriff in Heidelberg Der angebliche "Veganshooter"

Stand: 25.01.2022 12:44 Uhr

Anonyme Nutzer haben einen YouTuber als vermeintlichen Täter von Heidelberg verleumdet. Angeblich habe sich der Veganer für das Leid von Tieren rächen wollen. Die Geschichte ist frei erfunden, aber kein Einzelfall.

Von Patrick Gensing, Redaktion ARD-faktenfinder

Nach dem bewaffneten Angriff in Heidelberg mit einem Todesopfer gibt es noch keine neuen Erkenntnisse zum Motiv des 18-jährigen Tatverdächtigen. Der Schütze hatte an der Heidelberger Universität eine 23-jährige Studentin erschossen sowie drei weitere Studierende durch Schüsse verletzt. Anschließend beging der Kommilitone der attackierten Studenten Suizid.

Der 18-Jährige soll laut Staatsanwaltschaft keine Vorstrafen haben. Die zwei von ihm verwendeten Waffen soll er sich im Ausland besorgt haben. Bei dem Täter handelt es sich nach Angaben der Polizei um einen Deutschen, der zuvor nicht polizeilich auffiel. Unmittelbar vor der Tat habe der Mann eine WhatsApp-Nachricht abgesetzt, dass nun "Leute bestraft werden müssen".

Während die Ermittlungen noch am Anfang stehen, wird in sozialen Netzwerken unter anderem die Frage diskutiert, ob sich die Tat explizit gegen Frauen gerichtet haben könnte.

Gezielte Verleumdung

Neben solchen Diskussionen zum möglichen Motiv gibt es auch handfeste Falschmeldungen, wie sie nach solchen tragischen Ereignissen fast immer zu beobachten sind. Dazu gehört, dass Fotos oder Videos eines angeblichen Täters verbreitet werden.

Nach dem Angriff von Heidelberg sorgte vor allem ein Tweet für Aufsehen: Darin behauptete ein anonymer Nutzer, bei dem Täter handele es sich um den 23-jährigen Tobias Ludloff, der sich als Veganer für das Leid der Tiere rächen wollte und Studierende hasse.

Screenshot eines Tweets auf twitter | twitter

Gezielte Verleumdung nach dem Angriff von Heidelberg. Bild: twitter

Es handelt sich dabei um eine gezielte Falschmeldung: Ludloff ist in den sozialen Medien sehr aktiv, unter anderem auf YouTube. Aus einem seiner Videos wurde eine Sequenz herausgeschnitten, in der er vor Jahren das Ende seines damaligen Videoformats angekündigt hatte. Dieser Ausschnitt hat nichts mit der Tat von Heidelberg zu tun. Die Aussage wurde aus ihrem Kontext gerissen und gezielt in einen neuen Zusammenhang gestellt.

Ludloff meldete sich wegen der Verleumdung selbst zu Wort und betonte unter anderem auf YouTube, dass er nichts mit der Tat zu tun habe.

Medien verbreiteten falschen Täternamen

Solche Verleumdungen tauchen immer wieder auf. Nach einem mutmaßlichen Anschlag in Norwegen im Oktober 2021 verbreiten europäische Medien einen frei erfundenen Namen eines angeblichen Verdächtigen. Sie behaupten, der mutmaßliche Täter sei ein Rainer Winklarson.

Sie fielen damit auf eine Aktion von Trollen herein, die gezielt Verwirrung stiften und das Opfer verleumden wollen. So taucht der Name Rainer Winkler - bekannt als "Drachenlord" - bereits seit Jahren immer wieder auf, wenn es um angebliche Täter bei Anschlägen geht.

Politische Instrumentalisierung

Neben solchen gezielten Falschmeldungen ist ein weiteres Phänomen nach Anschlägen zu beobachten: Die jeweilige Tat soll für die eigene politische Agenda instrumentalisiert werden. So wurde in den vergangenen Jahren nach Gewalttaten immer wieder umgehend über die Nationalität oder Religion des Täters spekuliert und mit Forderungen nach politischen Konsequenzen verbunden. Auch falsche Bekennerschreiben tauchten mehrfach auf.

Im aktuellen Fall spekulieren Nutzerinnen und Nutzer, der Angreifer sei wohl durch die Corona-Maßnahmen zu der Tat getrieben worden. Hinweise dafür liegen nicht vor.

Andere Nutzer stellten höhnische Fragen, ob der Angreifer in dem Hörsaal denn eine Maske getragen habe oder geimpft sei. Ebenfalls kursierten manipulierte Screenshots von Nachrichten, in denen der Täter angeblich als ungeimpft bezeichnet worden sein soll, wie der Journalist Lars Wienand zuerst berichtete.

Profile gesperrt

Twitter sperrte mittlerweile das Profil des Nutzers, der die Falschmeldung über Tobias Ludloff als erstes veröffentlicht hatte. Auch Instagram löschte entsprechende Postings und sperrte mindestens ein Profil, das über den angeblichen "Veganshooter" berichtet hatte.