Zwei Ärzte in Schutzkleidung kümmern sich um einen Corona-Patienten. | dpa
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Belegung von Intensivbetten Thesenpapier mit fragwürdigen Zahlen

Stand: 18.05.2021 14:14 Uhr

In einem Thesenpapier stellen Forscher die Vermutung in den Raum, in Deutschland würden zu viele Covid-19-Patienten auf Intensivstationen behandelt. Allerdings basieren die Annahmen auf teilweise fragwürdigen Zahlen.

Von Patrick Gensing, Redaktion ARD-faktenfinder

Ein Thesenpapier zur intensivmedizinischen Versorgung in der Corona-Pandemie hat für Debatten und Kritik gesorgt. Ein Gruppe von zehn Forschern, Ärztinnen und Sachverständigen um den Arzt und Ökonomen Matthias Schrappe hatte in der "Welt" das Papier vorgestellt.

Die Autorinnen und Autoren gehen davon aus, dass es in Deutschland eine erhebliche Überkapazität in der stationären Versorgung gebe. Patienten würden häufiger in Krankenhäuser aufgenommen als in den meisten anderen EU-Staaten. Die Belegung der Intensivbetten sei in Deutschland sogar am höchsten, heißt es.

Durchschnittswert kaum aussagekräftig

Im vergangenen Jahr seien zur Behandlung von Covid-19-Patienten vier Prozent der intensivmedizinischen Kapazitäten genutzt worden, heißt es weiter in dem Papier. Das klingt zunächst nach sehr wenig. Die Autorengruppe schränkt aber selbst ein, dass es deutliche Differenzen in zeitlicher und räumlicher Hinsicht gegeben habe.

Tatsächlich lagen vor allem im Frühjahr und ab November viele Covid-19-Patienten auf Intensivstationen - während zwischen Juni und Oktober nur relativ wenige Corona-Infizierte intensivmedizinisch behandelt werden mussten. Zudem gab es regionale Schwerpunkte: Beispielsweise wurden Ende des Jahres Patienten aus Sachsen in andere Bundesländer verlegt. Ein Durchschnittswert für das gesamte Jahr und die gesamte Bundesrepublik ist somit nur bedingt aussagekräftig.

Die Gruppe schreibt, es sei schwierig, die Lage genau zu analysieren, weil demographische und klinische Charakteristika fehlten. Dennoch behaupten die Autorinnen und Autoren, Deutschland nehme eine Sonderstellung ein: in keinem anderen Land würden im Vergleich zur Melderate so viel Infizierte intensivmedizinisch behandelt - und in keinem Land würden so viele Patienten wiederum auf Intensivstationen behandelt. Dabei sei die Datenlage teilweise widersprüchlich - so gebe es angeblich mehr intensivpflichtige als hospitalisierte Patienten.

Allerdings gibt es gar keine exakten Zahlen, wie viele Covid-19-Patienten wann genau und wie lange auf eine Intensivstation verlegt wurden und wie sich die Zahl in Relation zu der der Covid-19-Patienten in Krankenhäusern insgesamt verhält. Es gibt allerdings durchaus Indizien, dass Corona-Infizierte in Deutschland häufiger auf Intensivstationen behandelt werden, doch die in dem Thesenpapier behaupteten Werte basieren auf fragwürdigen Annahmen, wie unter anderem der Wissenschaftsjournalist Malte Kreutzfeldt erläuterte.

Unterschied zwischen freien und "betreibbaren" Betten

Außerdem schreibt die Autorengruppe, die Zahl der Intensivbetten nehme seit dem Sommer 2020 ab, zudem habe es eine rückwirkende Korrektur bei der Zahl der Betten gegeben, gleichzeitig habe sich die Zahl der belegten Intensivbetten nicht verändert. Dies wird offenkundig als ein Indiz für eine Überversorgung gewertet.

Die Abnahme der ausgewiesenen Zahl der verfügbaren Betten hat jedoch verschiedene Gründe: Das DIVI-Intensivregister, in dem die freien und belegten Kapazitäten dargestellt werden, hat beispielsweise die Intensivbetten für Kinder aus ihrer Statistik genommen, da Kinder fast nie so schwer an Covid-19 erkranken. In "Fragen und Antworten" heißt es auf der Seite des Intensivregisters, zu Beginn der Pandemie seien noch die Betten für Kinder und Erwachsene zusammen aufgeführt worden, dies wurde allerdings geändert - nun werden die "für die Pandemie primär relevanten Erwachsenen-Betten" ausgewiesen. Diese Veränderung wurde in dem Tagesbericht auch aufgeführt.

Zudem gebe es verschiedene Faktoren für die Zahl der "betreibbaren" Betten, dazu gehört das verfügbare Personal, das durch Infektionen selbst krankheitsbedingt ausfallen kann. Mittlerweile sind viele Pflegekräfte zwar geimpft, doch wurde im Februar 2021 die Personaluntergrenze verändert. Das heißt, auf eine Pflegekraft kommen weniger Patienten, die versorgt werden müssen. Dementsprechend sind bei einem gleichbleibenden Personal weniger Betten "betreibbar". Mit dieser Maßnahme sollte die Versorgung der Patienten verbessert und die Belastung des Personals verringert werden.

Kritik an fehlenden Daten

Die Ärztinnen und Ärzte stellen in dem Papier aber auch fest, dass die Covid-19-Pandemie "ohne Zweifel" zu einer "extremen Belastung des Gesundheitswesens und der Krankenhäuser" geführt habe. Dies gelte insbesondere für die ersten beiden Wellen, weil zunächst Erfahrung und Schutzmaterial fehlten und im Herbst noch keine Impfstoffe zur Verfügung standen.

In der dritten Welle seien die Voraussetzungen allerdings besser gewesen. Daher müssten die Warnungen vor überfüllten Intensivstationen besser begründet werden. "Laute Warnungen vor einer Triage" und eine "Angst-basierte Kampagne" hätten eine entscheidende Rolle bei der Durchsetzung von Maßnahmen gespielt. Die Autorinnen und Autoren meinen, diese ließen sich nicht durch Fakten nachprüfen, zudem mangele es an verwertbaren Daten.

DIVI weist Kritik zurück

Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, der Marburger Bund und die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) wiesen die aus ihrer Sicht "irreführenden Vorwürfe vom Spiel mit der Angst, der Manipulationen offizieller Statistiken und sogar die Unterstellung, rein aus finanziellem Interesse Patienten intensivmedizinisch zu behandeln, aufs Schärfste zurück". In einer Stellungnahme heißt es, viele der Vorwürfe basierten auf "Fehleinschätzungen und mangelnder Kenntnis der tatsächlichen Lage in Kliniken".

Tatsächlich haben die Autorinnen und Autoren ihr Thesenpapier bereits korrigiert, beispielsweise Angaben zur Zahl der Intensivpatienten oder einen zu niedrig geschätzten Wert zur Verweildauer von Patienten auf Intensivstationen. Auch die erwähnte Ausgliederung der Intensivbetten für Kinder aus der Statistik wird nun als "Erklärungsmöglichkeit" erwähnt.

Die grundsätzliche Frage, ob Patienten in Deutschland vorschnell in Krankenhäuser aufgenommen oder sogar auf Intensivstationen verlegt werden, kann das Thesenpapier nicht beantworten. Zum einen fehlen - wie die Autorinnen und Autoren selbst mehrfach betonen - dafür valide Daten; zum anderen argumentieren sie selbst mit fragwürdigen Annahmen, die sie nun teilweise korrigiert haben.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Mai 2021 um 23:00 Uhr.