Protest gegen Krankenhausschließung (Archivbild) | picture alliance/dpa
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Flugblatt zur Corona-Pandemie Falschbehauptung über Krankenhäuser

Stand: 10.02.2021 08:44 Uhr

Krankenhausschließungen würden beweisen, dass es nie eine Knappheit an Klinikbetten für Covid-19-Patienten gegeben habe. Das behaupten die "Freiheitsboten" in einem Flugblatt, ignorieren dabei aber zentrale Kennzahlen.

Von Wulf Rohwedder, Redaktion ARD-faktenfinder

Bundesweit soll ein weiteres Flugblatt zur Corona-Pandemie verteilt werden. Darin finden sich veraltete, irreführende oder sogar gefährlich Behauptungen über Covid-19. So zum Beispiel die folgende:

Letztes Jahr schlossen in Deutschland zahlreiche Krankenhäuser. Das medizinische Personal wurde in Kurzarbeit geschickt oder gar entlassen. Auch eine in Ingelheim eröffnete Corona-Spezialklinik stellte ihre Tätigkeit Ende 2020 ein und entließ alle 190 Beschäftigten. Warum finden diese Klinikschließungen in einer Pandemie statt? Die Antwort ist einfach: Die verbliebene Bettenkapazität war zu jeder Zeit ausreichend.
Wulf Rohwedder

So steht es in der Broschüre "Kliniksterben trotz Pandemie?" der "Freiheitsboten". Tatsächlich werden jedes Jahr Krankenhäuser geschlossen. Die Zahl der Krankenhausbetten fiel seit 1998 um 25 Prozent. Allerdings stieg die Zahl der - in der Pandemie besonders relevanten - Intensivbetten deutlich an.

Konstante Belegung - aber warum?

Diese sei auch durchaus ausreichend, meinen die Autoren - und führen dazu Daten des Intensivregisters an, laut denen die Belegung der Intensivstationen über das Pandemiejahr 2020 weitgehend gleich blieb. Dabei erwähnten sie jedoch nicht, dass, um Kapazitäten für Covid-19-Patienten freizuhalten, planbare und nicht dringende Operationen verschoben wurden - eine Maßnahme, die ausgerechnet vom MWGFD immer wieder anprangert wurde. Zudem wurden weniger kranke Patienten zurück auf andere Stationen verlegt.

Eine Sprecherin des Intensivregisters erklärte nun gegenüber der dpa, für die Krankenhäuser sei dieses Management bei höherer Belegung der Betten "langsam nicht mehr möglich".

Die reine Zahl der Betten sagt zudem wenig über die Kapazitäten für Covid-19-Patienten aus. Schaut man sich die im Flyer verlinkte Seite des Intensivregisters an, wird das wahre Problem deutlich: Die für die Covid-19-Patienten besonders wichtigen freien Kapazitäten zur invasiven Beatmung sind dramatisch gesunken. Mit dem Coronavirus infizierte Patienten müssen zudem isoliert werden, was weiteren personellen und Raumbedarf erfordert.

Falsche Belege - unwahre Behauptungen

Die Autoren vertrauen also offenbar darauf, dass die Leser die als angeblichen Belege angeführten Links nicht überprüfen. Das zeigt auch der Verweis auf einen Blogbeitrag auf der Website des "Deutschen Ärzteblatts". Dieser soll laut dem Flyer beweisen, dass in Deutschland in Folge der Klinikschließungen das Personal in Kurzarbeit geschickt oder entlassen wurde. Der Text bezieht sich aber ausschließlich auf Krankenhäuser in den USA.

Obwohl die "Freiheitsboten" behaupten, dass die aktuellen Bettenkapazitäten vollkommen ausreichten, beklagen sie gleichzeitig, dass ausgerechnet in einer Pandemie Krankenhäuser geschlossen werden. Dabei verschweigen sie, dass für den größten Teil der 2020 geschlossenen Kliniken dies schon länger beschlossen war. Teilweise wurden sie umgewandelt, verlegt oder fusionierten, viele von ihnen hatten gar keine Intensivstation. "Corona-Skeptiker" verrbeiteten dazu eine Liste - hier die Gründe für die Schließungen:

Während bei einigen der Kliniken die Corona-Pandemie die Schließung beschleunigte, wurde sie bei anderen verzögert - so auch bei der in dem Flugblatt erwähnten Krankenhaus in Ingelheim, das nach seiner Insolvenz noch eine Zeit lang als Spezialklinik für Covid-19-Fälle weiterbetrieben wurde.