Straßenbahn in Wien | Bildquelle: picture alliance / imageBROKER

Attacke beschäftigt Österreich Rassismus an der Haltestelle

Stand: 03.04.2019 11:09 Uhr

Die 25-jährige Wienerin war eigentlich auf dem Weg ins Fitnessstudio, als sie von einer älteren Frau beschimpft und bespuckt wurde - offenbar wegen ihres Kopftuches. Ein Video des Vorfalls zieht weite Kreise.

Von Srdjan Govedarica, ARD-Studio Wien

Eine Straßenbahnhaltestelle in Wien. Eine ältere Frau geht auf eine Wienerin los, die ein Kopftuch trägt. Die 25-jährige Designerin ist eigentlich auf dem Weg ins Fitnessstudio, als sie von der Frau beschimpft wird: "Das ist mein Land du Hure. Die FPÖ schmeißt euch alle raus." Am Ende wird sie noch bespuckt.

Die Muslima filmt die Attacke mit dem Handy. Sie möchte anonym bleiben, zeigt das Video aber ihrer Freundin Asma Aiad.

Die 29-Jährige ist Bloggerin und setzt sich gegen Rassismus ein. Sie lädt das Video bei Facebook hoch. Um auf den Alltagsrassismus aufmerksam zu machen, sagt sie. "Wir müssen uns so oft anhören, dass das gar nicht stattfindet, dass wir uns das nur vorstellen. Sie hat sich gedacht, ich packe jetzt das Handy aus und filme, was da passiert, weil es uns so oft nicht geglaubt wird."

Zahl rassistischer Vorfälle hat zugenommen

Aiad sagt, dass Rassismus zum Alltag vieler Menschen in Österreich gehöre, die anders aussehen oder eine andere Sprache sprechen. Das sei schon länger so.

Aber seit dem Regierungswechsel Ende 2017 und dem vorangegangenen Wahlkampf habe sich diese Form der Diskriminierung verstärkt: "Ich glaube, dass sie jetzt einfach eine andere Form annimmt, in der Menschen sich bestärkt fühlen und einfach das Gefühl haben, es sitzt jemand da oben, der sie beschützt. Und ich glaube, das ist das, was es umso gefährlicher macht."

Gemeint sind rassistische Botschaften wie das Video, das die Regierungspartei FPÖ im November 2018 in sozialen Netzwerken veröffentlicht und nach massiver Kritik schnell wieder gelöscht hat. Im Video zu sehen ist ein fiktiver "Ali", der mit der Krankenkassenkarte seines Cousins "Mohamed" medizinische Leistungen erschleicht. Das soll aufgrund einer FPÖ-Initiative künftig nicht mehr möglich sein. Die Botschaft: "Pech gehabt, Ali."

Auch Elif Adam von der Dokumentations- und Beratungsstelle Islamfeindlichkeit spricht davon, dass die Zahl rassistischer Vorfälle gegen Muslime in Österreich zugenommen hat. 2018 hat die Organisation 540 Fälle dokumentiert, darunter verbale und tätliche Angriffe, rassistische Schmierereien und Benachteiligungen im Job.

Sebastian Kurz | Bildquelle: AP
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Bundeskanzler Sebastian Kurz verurteilte den Vorfall bei Twitter. "In Österreich stehen wir für ein respektvolles und friedliches Miteinander aller Religionen."

"Sprachbilder von Politikern mitverantwortlich"

Adam macht für solche Vorfälle unter anderem Politiker verantwortlich, die bestimmte Sprachbilder benutzen. So sei im Parlament wiederholt von islamistischen Kindergärten gesprochen worden, wo islamische Kindergärten gemeint waren. Eine Moscheengemeinde habe zudem einen Brief der österreichischen Justiz erhalten - adressiert mit "Islamistische Glaubensgemeinschaft".

Die muslimische Bevölkerung von Österreich werde in politischen Diskursen als fremd verortet, als eine Gruppe, die Österreich nicht zugehörig ist, so Adam.

"Das schlägt sich im Alltagsrassismus nieder, weil man diese Framings übernimmt." 

Das Video, das Aiad hochgeladen hat, ist inzwischen fast 250.000 Mal aufgerufen worden. Viele Menschen zeigen sich in Kommentaren solidarisch mit der beschimpften 25-Jährigen, die während des gesamten Videos ruhig und besonnen agiert. Nur gegen Ende reißt ihr der Geduldsfaden. Sie schreit: "Das ist mein Land!"

Aiad hat Tränen in den Augen, als sie über diese Sequenz spricht. Dabei findet sie, dass ihre Freundin richtig gehandelt hat: "Man darf sich selber nie als schuldig sehen. Das wird oft so dargestellt, als ob man selber provoziert hat oder nicht hätte zurückreden sollen. Es ist immer der Täter, der böse ist und nicht die Person selber."

Dass inzwischen selbst der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz den Vorfall scharf verurteilt hat, begrüßt Aiad zwar. Ausreichend sei das nicht. Es müssten Taten folgen.

Rassistische Attacke beschäftigt Österreich
Srdjan Govedarica, ARD Wien
03.04.2019 06:43 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. April 2019 um 05:45 Uhr.

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