Anschlagsort in Wien vom 3.11.2020 (Archivbild) | Bildquelle: dpa

Anschlag von Wien Ein Netzwerk und eine neue Generation

Stand: 11.11.2020 11:57 Uhr

Nach dem Anschlag in Wien führen Spuren in die Schweiz und nach Deutschland. Der Täter war offenbar Teil eines Netzwerkes junger Männer, das schon länger im Fokus der Sicherheitsbehörden stand.

Von Florian Flade, WDR, und Volkmar Kabisch, NDR

Etwas braute sich da zusammen, so die Befürchtung des Bundeskriminalamtes (BKA). In Deutschland und über die Landesgrenzen hinaus, in Österreich und der Schweiz, beobachteten die Sicherheitsbehörden, dass Islamisten begannen sich zu vernetzen. Junge Männer, die meisten gerade einmal Anfang 20 Jahre oder sogar noch Teenager, fast alle haben familiäre Wurzeln auf dem Balkan oder im Kaukasus. Manche sind begeisterte Fußballer, andere machen Kampfsport. Sie sind über Chatgruppen miteinander verbunden, folgen in sozialen Netzwerken radikalen Predigern und konsumieren Propaganda der Terrormiliz "Islamischer Staat“ (IS). Selbst in Syrien gekämpft hat keiner von ihnen. Dafür seien sie zu jung, so schreibt es ein Ermittler, es sei vielmehr "die nächste Generation".

Vier Islamisten besonders im Blick

Um diese neuen Netzwerke im Blick zu behalten, hat das BKA bereits vor einiger Zeit einen Gefahrenabwehrvorgang mit dem Namen "Metapher" gestartet. Dabei gerieten in der vergangenen Woche vier Islamisten ganz besonders in den Fokus der Ermittler. Die Männer aus Osnabrück, Kassel und dem Landkreis Pinneberg sollen Kontakt zu dem Attentäter von Wien gehabt haben, der am Abend des 2. November in einem beliebten Ausgehviertel der österreichischen Hauptstadt vier Menschen ermordet hatte, bevor er von der Polizei erschossen wurde.

Täter Teil einer länderübergreifenden Terrorzelle?

Die Terrororganisation IS hat den Anschlag von Wien für sich reklamiert und ein Bekennervideo des 20-jährigen Attentäters Kujtim F. veröffentlicht. Nun sind die Sicherheitsbehörden dabei zu untersuchen, ob der Täter möglicherweise Unterstützer hatte oder sogar Teil einer länderübergreifenden Terrorzelle war. Mittlerweile steht fest: Kujtim F. verfügte offenbar über zahlreiche Kontakte in die dschihadistische Szene europaweit - auch nach Deutschland.

Derzeit acht Personen in U-Haft

In Österreich befinden sich aktuell noch acht Personen in Untersuchungshaft, darunter ehemalige Weggefährten und Freunde des Attentäters. Sie werden verdächtigt, einen Tatbeitrag zum Anschlag geleistet oder sich selbst an einer terroristischen Vereinigung beteiligt zu haben. Kurz nach dem Attentat gab es auch Festnahmen in der Schweiz. Zwei junge Islamisten aus Winterthur, die Kujtim F. ebenfalls gekannt und auch getroffen haben sollen, kamen in Haft.

Schon am Tag nach dem Anschlag nahm das BKA mehrere mutmaßliche Bekannte des Attentäters in Deutschland "unter Wind", wie es im Jargon der Fahnder heißt. Sie wurden rund um die Uhr überwacht, ihre Telefone abgehört. Am vergangenen Freitag dann wurden ihre Wohnungen durchsucht, Mobiltelefone und Computer beschlagnahmt. Gegen die vier Personen bestehe "nach bisherigem Stand der Ermittlungen kein Anfangsverdacht für eine Beteiligung an dem Anschlagsgeschehen“, teilte das BKA mit. Sie sind bislang keine Tatverdächtigen, sondern lediglich Zeugen. Die Islamisten sollen vom unangekündigten Besuch der Polizei indes wenig überrascht gewesen sein, heißt es aus Ermittlerkreisen.

Männer offenbar in Verbindung über Chatgruppe

Die vier Männer sollen mit Kujtim F. in Verbindung gestanden haben - teilweise über eine gemeinsame Chatgruppe im Messengerdienst Telegram. Darunter ist ein 19-jähriger Islamist aus Osnabrück, den die Ermittler für einen besonders umtriebigen Netzwerker halten. Und ein 25-Jähriger aus Kassel, gegen den bereits wegen Terrorverdachts ermittelt wurde. Er soll geplant haben, sich dem IS in Syrien anzuschließen. Außerdem, so notierten hessische Staatsschützer, soll er versucht haben, "heiratswillige, strenggläubige Frauen" an Dschihadisten zu vermitteln. Und er besuchte wohl Seminare des islamistischen Predigers "Abu Walaa" aus Hildesheim, der sich derzeit wegen Terror-Rekrutierung vor Gericht verantworten muss.

Kontaktperson gilt als islamistischer Gefährder

Eine weitere mutmaßliche Kontaktperson des Wiener Attentäters stammt aus Norddeutschland und gilt als islamistischer Gefährder. Der 22-jährige gebürtige Hamburger hatte zeitweise in der österreichischen Hauptstadt gelebt und war erst im Oktober wieder in die Bundesrepublik zurückgekehrt - nachdem er von österreichischen Behörden des Landes verwiesen worden war. Anfang 2018 war der Islamist zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und zwei Monaten verurteilt worden, weil er versucht hatte mit Gleichgesinnten nach Syrien auszureisen.

Süchtig nach IS-Propagandavideos

Schon als Jugendlicher soll sich der junge Mann stark radikalisiert haben. Er sei süchtig nach IS-Propagandavideos gewesen, heißt es im Urteil gegen ihn. Auch er soll mindestens ein Seminar von "Abu Walaa" in Hildesheim besucht und anschließend einen "Vorbereitungsplan" für die Ausreise in ein Kriegsgebiet angelegt haben. Bei einer Polizeikontrolle war ein Zettel gefunden worden, mit handschriftlichen Notizen wie "jeden Tag morgens Joggen wenn's geht", oder "Abschiedsbilder machen".

Kontaktpersonen sollen Attentäter besucht haben

Aufgrund seiner verdächtigen Kontakte zu den deutschen Islamisten war der Attentäter von Wien bereits Monate vor seinem Anschlag ins Visier der österreichischen Terrorfahnder geraten. Mitte Juli waren die beiden Männer aus Osnabrück und Kassel nach Wien gereist und sollen den späteren Attentäter besucht und auch bei ihm übernachtet haben. Auch die Islamisten aus der Schweiz waren wohl dabei. Die Männer saßen in Parks zusammen, gingen gemeinsam essen, machten Sport. Und wurden dabei offenbar beobachtet.

Die deutschen Ermittler hatten das österreichische Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) im Vorfeld über die bevorstehende Reise der beiden deutschen Extremisten nach Wien informiert und darum gebeten, das Duo zu observieren. Das BKA ging davon aus, dass die Islamisten einen alten Bekannten besuchen würden - den jungen Mann aus Norddeutschland, der damals noch in Wien lebte. Stattdessen aber sollen die deutschen Besucher bei Kujtim F. aufgetaucht sein, wie die österreichischen Überwacher nach Deutschland zurückmeldeten.

Observation kurz nach Islamisten-Treffen beendet

Bis heute ist unklar, welchen Zweck das Islamisten-Treffen in Wien im Sommer hatte - und was dabei möglicherweise besprochen oder gar geplant wurde. Die österreichischen Verfassungsschützer beendeten jedoch kurz darauf die Observation von Kujtim F. aus bislang unbekannten Gründen. Wenige Tage später, am 21. Juli, reiste der Attentäter mit einem bis heute nicht identifizierten Begleiter in die Slowakei. In Waffengeschäften in Bratislava sollen die beiden Männer versucht haben, Munition für ein Sturmgewehr zu kaufen. Die Einkaufstour soll erfolglos verlaufen sein, weil die Islamisten die notwendigen Genehmigungen nicht vorlegen konnten. Ein slowakischer Waffenhändler schöpfte Verdacht und alarmierte die Behörden.

Slowakischer Geheimdienst meldetet Waffenkaufversuch

Nur zwei Tage später meldete der slowakische Geheimdienst den dubiosen Kaufversuch an das österreichische BVT. Anfangs waren die Hinweise wohl nicht sehr präzise, spätestens aber ab dem 10. September, so steht es in slowakischen Behördenpapieren, soll Kujtim F. als einer der Kaufinteressenten identifiziert worden sein. "Der Genannte ist der österreichischen Polizei in Zusammenhang mit Terrorismus bekannt", heißt es in einem österreichischen Schreiben an die Slowaken.

Infos nicht rechtzeitig weitergeleitet?

Erst die Zusammenkunft einschlägig bekannter Islamisten in Wien, dann der Versuch Munition in der Slowakei zu erwerben - diese Hinweise hätten "bei der Einschätzung der Gefährlichkeit des Täters zu einem anderen Ergebnis führen können", sagte der Wiener Polizeipräsident Gerhard Pürstl in der vergangenen Woche. Die Informationen sollen allerdings von den österreichischen Sicherheitsbehörden nicht rechtzeitig weitergeleitet worden sein.

Untersuchungskommission soll Anschlag klären

Als erste Konsequenz wurde der Leiter des Wiener Landesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (LVT) suspendiert, dessen Behörde für die Beobachtung des Extremisten zuständig war. Eine unabhängige Untersuchungskommission nun soll klären, wie es zu dem Anschlag in Wien kommen konnte und welche Versäumnisse es gab. Bald schon wollen sich zudem Ermittler aus der Schweiz, Deutschland und Österreich treffen und weitere Erkenntnisse zum Attentäter und seinen Kontaktleuten austauschen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 11. November 2020 um 14:15 Uhr.

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