Menschen stehen vor einer Konzertbühne in Cúcuta | Bildquelle: AFP

Konzerte für Venezuela Intermezzo eines Machtkampfs

Stand: 23.02.2019 00:19 Uhr

Zwei Konzerte als musikalische Demonstration im venezolanischen Machtkampf: Das klangvolle Kräftemessen war das Vorspiel für ein Wochenende, an dem das Ringen um humanitäre Hilfe zu eskalieren droht.

Jetzt sprechen die Gitarren: An der Grenzbrücke Tienditas zwischen Kolumbien und Venezuela haben sich die Gegner und Anhänger des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro einen musikalischen Schlagabtausch geliefert. Während auf der kolumbianischen Seite zahlreiche Musiker bei dem Benefizkonzert "Venezuela Aid Live" um Spenden für humanitäre Hilfe warben, forderten nur 300 Meter entfernt regierungstreue Sänger auf der anderen Seite der Grenze: "Hände weg von Venezuela".

Tausende jubelten in der kolumbianischen Grenzstadt Cúcuta international renommierten lateinamerikanischen Musikern wie Luis Fonsi, Juanes und Maluma zu. Sie waren auf Einladung des britischen Milliardärs und Philantropen Richard Branson aufgetreten. Mit dem Konzert wollten Branson und die venezolanische Opposition um den selbst ernannten Interimspräsidenten Juan Guaidó zehn Millionen US-Dollar sammeln, um humanitäre Hilfe für das zerrüttete Land zu finanzieren. Mit weiteren internationalen Hilfszusagen sollen so innerhalb von 60 Tagen bis zu 100 Millionen US-Dollar zusammenkommen, um die hungernde Bevölkerung mit Nahrungsmitteln und Medikamenten zu versorgen.

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Mega-Konzert "Venezuela Aid Live" an der Grenze zwischen Kolumbien und Venezuela

Menschen stehen vor einer Konzertbühne in Cúcuta

Tausende Menschen haben bei dem Benefizkonzert "Venezuela Aid Live" in der kolumbianischen Grenzstadt Cúcuta Musikern wie Luis Fonsi, Juanes und Maluma zugejubelt. | Bildquelle: AFP

"Menschen sterben jeden Tag in Venezuela, weil Medikamente fehlen - das ist inakzeptabel", sagte Branson vor Beginn des Konzerts. "Heute ist ein Tag der Hoffnung. lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass sich etwas ändert." Auch Guaidó selbst tauchte bei dem Konzert auf und setzte sich damit über ein ihm auferlegtes Ausreiseverbot hinweg. Das Publikum begrüßte ihn mit Jubelrufen.

Auf der venezolanischen Seite hielten Maduros Anhänger dagegen. "Alle Künstler auf der Bühne werden der Welt sagen, dass Venezuela frei und unabhängig ist", sagte der Regierungsfunktionär Freddy Bernal. In der Ortschaft Pedro María Ureña sollten venezolanische Rock-, Pop-, Reggaeton- und Salsa-Künstler auftreten. Berichten zufolge war die Gegenveranstaltung allerdings deutlich schlechter besucht als das "Venezuela Aid Live" Konzert.

Konflikt droht zu eskalieren

Die Brücke von Tienditas, an deren jeweiligen Enden die Konzerte stattfanden, ist zu einem Symbol des Machtkampfes in Venezuela geworden. Die Regierung von Maduro blockiert sie seit Wochen, um internationale Hilfsgüter nicht ins Land zu lassen. Diese seien lediglich ein Vorwand für eine US-amerikanische Invasion, behauptet Maduro seit Wochen.

Der Konflikt droht an diesem Wochenende zu eskalieren. Am Samstag wollen Tausende freiwillige Helfer die in Cúcuta bereitstehenden Hilfsgüter nach Venezuela schaffen. Maduro hat die venezolanischen Streitkräfte jedoch angewiesen, die Lieferungen nicht passieren zu lassen. Guaidó und mehrere Abgeordnete sind in das Grenzgebiet zu Kolumbien gereist, um die ersten Konvois zu erwarten.

UN-Schätzungen: Bis Ende des Jahres 5,3 Millionen Flüchtlinge

Guaidó rief die Soldaten dazu auf, Maduros Befehl zu ignorieren und die Lieferungen durchzulassen. "Diese Hilfe kann Leben retten", schrieb er auf Twitter. Venezuela leidet unter einer schweren Wirtschafts- und Versorgungskrise. Aus Mangel an Devisen kann das einst reiche Land trotz immenser Öl-Reserven kaum noch Lebensmittel, Medikamente und Dinge des täglichen Bedarfs einführen. Viele Menschen hungern. Seit 2015 haben laut Schätzungen der Vereinten Nationen 2,7 Millionen Menschen Venezuela verlassen. Bis Ende des Jahres könne diese Zahl laut UN auf 5,3 Millionen Flüchtlinge steigen.

Weil es an Medikamenten und finanziellen Mitteln für Präventionsprogramme fehlt, breiten sich zudem Infektionskrankheiten wieder aus. Laut einer in der medizinischen Fachzeitschrift "The Lancet Infectious Diseases" veröffentlichten Studie stieg die Zahl der Malariainfektionen von knapp 30.000 im Jahr 2010 auf über 411.000 im Jahr 2017. "Die Zunahme der Malariafälle könnte bald unkontrollierbar werden", warnte einer der federführenden Autoren der Studie, Martin Llewellyn von der Universität in Glasgow.

Hilfslieferungen könnten Machtkampf entscheiden

An den Hilfslieferungen könnte sich der seit Wochen tobende Machtkampf zwischen Maduro und seinem Gegenspieler Guaidó entscheiden. Gelingt es dem selbst ernannten Interimspräsidenten tatsächlich, Lebensmittel, Medikamente und Hygieneartikel nach Venezuela zu schaffen und an die notleidende Bevölkerung zu verteilen, wäre das ein Coup. Gehen die Soldaten allerdings mit Gewalt gegen die Freiwilligen vor, könnte es zu einem Blutvergießen kommen.

Musikalischer Machtkampf in Venezuela
tagesthemen 22:40 Uhr, 22.02.2019, Xenia Böttcher, ARD Mexiko-Stadt

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"An alle Soldaten: Heute und morgen entscheidet ihr, wie ihr in Erinnerung behalten werdet", schrieb Guaidó auf Twitter. "Wir wissen bereits, dass ihr auf der Seite des Volkes steht, das habt ihr bereits klar gemacht. Morgen könnt ihr es beweisen."

Eskalation an der Grenze zu Brasilien

Auch auf der niederländischen Karibikinsel Curaçao und in Brasilien stehen zahlreiche Hilfsgüter bereit. Allerdings hatte Maduro auch die Grenzen zu diesen Nachbarländern schließen lassen. Medienberichten zufolge verlegten die Streitkräfte Truppen und Panzer an die Grenze zu Brasilien.

Wie explosiv die Situation an den Grenzübergängen ist, zeigte sich am Freitag. Nach Angaben der Opposition kam es an einem brasilianischen Grenzstreifen zu Zusammenstößen zwischen Soldaten und Angehörigen des indigenen Volkes der Pemón. Zwei Indigene seien dabei getötet und rund ein Dutzend weitere verletzt worden, schrieb der oppositionelle Abgeordnete Americo de Grazia auf Twitter.

Indigene Anführer erklärten, sie hätten versucht, einen Militärkonvoi zu stoppen, der auf dem Weg zur Grenze mit Brasilien gewesen sei. Die Soldaten hätten in der venezolanischen Stadt Kumarakapay das Feuer eröffnet.

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro hatte mehrere Minister und Staatssekretäre zu einer Krisensitzung einberufen.

China und Russland warnen vor Hilfslieferungen

Russland und China warnten unterdessen vor Hilfslieferungen nach Venezuela gegen den erklärten Willen der sozialistischen Regierung in Caracas. Anders als die USA, Deutschland und viele andere europäische Länder haben sie die Übergangsregierung Guaidós nicht anerkannt. Solche Hilfslieferungen könnten zu Ausschreitungen führen, warnten die außenpolitischen Sprecher beider Länder.

Showdown an der Grenze? Streit um Hilfsgüter droht zu eskalieren
Anne-Katrin Mellmann, ARD Mexiko City
22.02.2019 08:08 Uhr

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 22. Februar 2019 um 22:43 Uhr.

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