Zwei Soldaten helfen einer Frau, Wahlurnen und Wahlmaterial aus einem Lastwagen herauszunehmen. | Bildquelle: dpa

Präsidentenwahl in Tunesien Viele Kandidaten, wenig Vertrauen

Stand: 15.09.2019 05:10 Uhr

In Tunesien wird heute ein neuer Präsident gewählt. Es gibt 26 Kandidaten. Das sagt viel über die Zersplitterung der politischen Landschaft in Tunesien aus. Die Hoffnung auf Reformen ist gering.

Von Jens Borchers, ARD-Studio Rabat

Das ist eine fast anrührende Szene: Vor dem Bahnhof der kleinen Stadt Jendouba im Westen Tunesiens beginnt Mohammed Abbou seinen Wahlkampfauftritt, indem er die Nationalhymne anstimmt. Die etwa 50 bis 60 Zuhörer beginnen leise mitzusingen.

Wenigstens die gemeinsam gesungene Nationalhymne verbindet den Politiker mit den potentiellen Wählern. Präsidentschaftskandidat Abbou weiß genau: In Tunesien hat sich ein tiefer Graben zwischen Politikern und Bürgern aufgetan. Also warnt er gleich zu Anfang vor falschen Versprechungen seiner Konkurrenten: "Jetzt wird der Präsident gewählt", sagt Abbou, "nicht Regierung oder Parlament."

Der Präsident spielt eine wichtige Rolle - aber nicht im Tagesgeschäft. "Wenn einer kommt und sagt: "Ich setze euch hier in Jendouba ein Projekt hin", dann stimmt das nicht. Das ist Sache von Parlament und Regierung."

Mohammed Abbou kandidiert für die Präsidentschaftswahlen von Tunesien. | Bildquelle: dpa
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Der Graben zwischen Politikern und Bürgern in Tunesien ist tief - das weiß auch der Kandidat Mohammed Abbou.

Misstrauen in die Politik

Der wichtigste Gegner aller Kandidaten dieser Präsidentschaftswahl in Tunesien ist das Misstrauen. In der Bevölkerung ist der Eindruck weit verbreitet, dass die Politiker in der Hauptstadt politische Hahnenkämpfe führen. Aber es gibt keine Lösungen für die hohe Arbeitslosigkeit oder die grassierende Korruption.

Der 29-jährige Marwen steht in dem kleinen Lebensmittelladen seiner Eltern in Jendouba. Er hat Marketing studiert, musste sich dann aber dem Laden widmen, weil der Vater plötzlich verstarb. Marwen kümmert sich seitdem ums Familieneinkommen. Was Jendouba brauche, das seien Arbeitsplätze und Infrastruktur. "Ich habe dann Vertrauen, wenn ich sehe, dass sich hier wirklich was tut. Wenn sie nur so viel reden, wird vielleicht ein Buch draus. Aber nichts Konkretes."

Präsidentschaftswahl in Tunesien
tagesschau 17:15 Uhr, 15.09.2019, Stefan Schaaf, ARD Madrid

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Bevölkerung leidet

In Jendouba gab es mal eine Ziegelei, die wurde geschlossen. Eine Fabrik für Autokabel ist jetzt der einzige Industriebetrieb in der Region. Die Bauern leiden unter Wassermangel, die jungen Leute finden keine Arbeit.

Eine alte Dame schildert ihre Lage so: "Wenn du als Mutter vier Kinder hast, dann bleiben die Mädchen bei dir. Die Jungs rauchen, sie gehen aus, sie suchen Arbeit, aber man braucht Unterstützung. Diese Arbeitslosigkeit macht uns fertig. Dabei habe ich doch alle bis zum Diplom gebracht." So sehen es viele in Jendouba.

Den Menschen nicht zugehört

In der Hauptstadt Tunis soll der Politikexperte Labri Chouikha die Ausgangslage vor dieser Präsidentschaftswahl erklären. Der Politologe und Medienwissenschaftler von der Universität Tunis sagt, jetzt räche es sich, dass die politische Elite, die seit der Revolution vor acht Jahren das Ruder in der Hand habe, der Bevölkerung nicht zugehört habe:

"Was ich am meisten bedauere: Dass es keine wirklichen Reformen gab. Denn das spürt man in diesem Wahlkampf. Das Resultat ist ein schwacher Staat. Das wiederum begünstigt den Einfluss des Geldes. Geschäftsleute machen sich das zunutze und das greift auch auf diese Wahlen über."

Ein zwielichtiger Kandidat

Unter den 26 Kandidaten für das Präsidentenamt ist auch Nabil Karoui. Er gilt einerseits als halbseidener Geschäftsmann, andererseits aber auch als Macher. Drei Wochen vor dem Wahltermin war Karoui verhaftet worden: Verdacht auf Steuerhinterziehung und Geldwäsche.

Seine Anhänger stellen ihn als Opfer einer politischen Intrige dar und machten damit Wahlkampf. Denn Karoui bleibt Kandidat, solange er nicht verurteilt ist. Angeblich hat er Chancen, zumindest in die Stichwahl zu kommen. Politikexperte Larbi Chouikha sagt: "Dann besteht das Risiko, dass er im zweiten Durchgang gewählt wird. Möglich also, dass er aus dem Gefängnis in den Präsidentenpalast zieht."

Anhänger des Geschäftsmanns Nabil Karoui, der verhaftet wurde, zünden vor dem Gefängnis Pyrotechnik. | Bildquelle: dpa
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Anhänger des Geschäftsmanns Karoui zünden vor dem Gefängnis Pyrotechnik.

Chouikha sieht die politische Elite, die großen Parteien, allesamt in der Krise. Das schaffe Raum für Außenseiter wie Karoui. Wie lautet Chouikhas Prognose für den Wahlausgang? Der Experte ist ehrlich ratlos: "Alles kann passieren!"

Offenes Rennen - Tunesiens Wahl zwischen 26 Bewerbern
Jens Borchers, ARD Rabat
14.09.2019 21:18 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 15. September 2019 um 07:00 Uhr.

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