Syrien

Kämpfe zwischen Kurden und IS Als Deutscher an der syrischen Front

Stand: 04.09.2016 09:49 Uhr

Der Krieg in Syrien wird mit äußerster Brutalität geführt: Scharfschützen, Minenfelder, Luftangriffe. Warum zieht ein Deutscher als Sanitäter freiwillig mit den Kurden in den Kampf gegen den IS?

Von Torsten Mandalka, RBB

Ein Mann Mitte 30, seine Hände sind ständig in Bewegung. Er trägt die Haare kurz geschoren, die Haut ist braun gebrannt, die Gestalt muskulös. Man sieht Max Leopold - sein richtiger Name kann hier aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden - an, dass er die letzten Monate nicht am Schreibtisch verbracht hat; er war an der Front, in Syrien. "Operationen" nennt er das militärische Vorgehen der kurdischen YPG, spricht im militärischen Jargon vom "Feind", wenn er den "Islamischen Staat" meint.

Ziel des IS: die Moral der Kurden brechen

Leopold war auch in Manbidsch dabei, als die Kurden in einem wochenlangen Häuserkampf die 70.000-Einwohner-Stadt vom IS zurückeroberten. "Daesch" - wie die Kurden die Terrormiliz nennen - hatte die Stadt weitestgehend vermint. Scharfschützen nahmen die Angreifer unter Feuer - manche zielten ausschließlich auf die Frauen. Die Strategie: Weibliche Kämpferinnen der Kurden sollten angeschossen werden, damit die Scharfschützen dann ihre männlichen Kameraden treffen konnten, wenn sie versuchten, die Frauen aus dem Schussfeld zu retten. Ein Vorgehen, das auch die Moral der Kurden brechen sollte.

Von zehn kurdischen Kämpfern, die nach Manbidsch hinein gingen, kamen oft nur drei oder vier zurück, berichtet Leopold. Das hatte auch damit zu tun, dass diesmal kein IS-Kämpfer entkommen sollte. Auf Anraten amerikanischer Militärberater wurde Manbidsch lückenlos belagert. Bei vorherigen Operationen hatten die Kurden immer einen Fluchtkorridor nach Süden für die feindlichen Kämpfer gelassen. Doch in Manbidsch war es diesmal eine Schlacht um Leben und Tod.

Das Leid der Zivilbevölkerung

Auch die Zivilbevölkerung hat unendlich gelitten. Die IS-Kämpfer versuchten mit Minen, die Fluchtwege für Zivilisten zu blockieren. Trotzdem wollten die verzweifelten Menschen um jeden Preis aus der Stadt herauskommen. Leopold berichtet von einem Fall, in dem rund 20 Menschen durch ein Minenfeld zu fliehen versuchten. Männer, Frauen und auch Kinder wurden regelrecht "zerfetzt", anders könne er es nicht nennen. Um die wenigen schwer verletzten Überlebenden hat er sich dann zusammen mit vier anderen Sanitätern gekümmert - alles Männer aus dem westlichen Ausland.

Syrien
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So sieht das Innere eines Rettungswagens nach einem Kampf mit IS-Terroristen aus. (Quelle: Max Leopold)

Die Eroberung Manbidschs als Sieg zu bezeichnen, fällt Leopold schwer. Zu verheerend waren die Verluste, zu groß die Zahl der Toten und Schwerverletzten. Die Welt redet über Aleppo, dort waren zumindest zu Beginn des Krieges wegen der Nähe zur türkischen Grenze noch etliche westliche Journalisten. Aber Aleppo ist nicht die einzige Stadt in Syrien, wo der Krieg unerträglich wütet: "Manbidsch war ein unglaublicher Fleischwolf", sagt Leopold, "ich will gar nicht sagen, dass Aleppo weniger schlimm ist. Sondern es gibt viele Städte, wo es genau so schlimm ist. Von denen die Welt nichts mitkriegt!"

Der Kriegssanitäter Max Leopold im Interview
T. Mandalka, RBB
04.09.2016 08:26 Uhr

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Türkische Militäroffensive unerträglich

Dass ausgerechnet jetzt das türkische Militär nach Syrien einmarschiert, nicht nur um die Grenzstadt Dscharablus vom IS zu befreien, sondern auch um gegen die rund um die Stadt verteilten Kurden vorzugehen, ist für Leopold kaum auszuhalten: "Meine große Sorge ist natürlich, dass der Kampf um Manbidsch und die Idee, dem IS einen wichtigen logistischen Zugang zur Türkei abzudrehen, vergeblich war und dass all die Gefallenen und Verletzten am Ende umsonst waren." Das derzeitige Vorgehen der Türkei sei inakzeptabel.

Leopold kritisiert aber auch die Tatenlosigkeit deutscher Politiker in dem Zusammenhang: "Es zeigt sich darin auch die völlige Unwissenheit darüber, was die aktuelle Offensive für den Kampf gegen den 'Islamischen Staat' bedeutet." Die einzige Hoffnung für die Kurden seien jetzt die Amerikaner - aber die hätten die Kurden in der jüngeren Geschichte des öfteren fallen lassen, wenn ihre Unterstützung den US-Interessen nicht mehr entsprach.

Dieses Foto soll Rauch nach einem Selbstmordattentat des IS zeigen
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Dieses Foto soll Rauch nach einem Selbstmordattentat des IS zeigen (Quelle: Max Leopold)

Soldaten aus NATO-Staaten nicht nur beratend

Warum eigentlich hat Max Leopold den Konflikt in Syrien zu seinem gemacht? Weil er nicht aushalten konnte, dass die Welt nur zusieht, sagt er. Weil es ein falsches Bild von YPG und PKK im Westen gibt. Die Kurdengruppen seien längst keine stalinistisch-kommunistischen Organisationen mehr - wenn das noch so wäre, hätte er für sie niemals sein Leben aufs Spiel gesetzt. Den Kurden gehe es lediglich um Autonomie und um direkte Demokratie.

Jedoch berichtet Leopold auch, dass es direkte Unterstützung durch westliche Truppen gibt: "Es sind Soldaten verschiedenster NATO-Staaten am Boden. Und die sind durchaus nicht nur beratend da." Die Sanitäter dieser NATO-Teams etwa würden nicht selten zu Lebensrettern, erzählt er, sicher für weit über tausend Menschen.

Und sein eigenes Leben? Wie geht das jetzt weiter? Er werde jetzt erst mal Urlaub machen, viel schlafen, sagt Max Leopold. Und sich sehr genau selbst beobachten - damit nach den dramatischen Kriegserfahrungen keine posttraumatische Belastungsstörung bei ihm auftaucht.

Max Leopold - als Kriegssanitäter an der syrischen Front
T. Mandalka, RBB
04.09.2016 08:24 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandradio Kultur am 05. September 2016 um 05:37 Uhr

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