Russland - Wechselkurse | Bildquelle: picture alliance/dpa

Corona-Krise "Alles unter Kontrolle" in Russland?

Stand: 24.03.2020 11:44 Uhr

Präsident Putin versichert, dass die russische Wirtschaft die Corona-Krise gut überstehen werde. Dabei sind Rubelkurs und Ölpreis im Keller. Hat die Regierung wirklich alles unter Kontrolle?

Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

Ob die wirtschaftliche Lage Russlands noch unter Kontrolle ist oder nicht, das sei zu diesem Zeitpunkt schwer einzuschätzen, sagt der Wirtschaftsexperte Anton Schabanow. Aber so viel sei klar, meint Schabanow: Die russische Regierung habe noch nie so schnell auf eine Krise reagiert:

Es sei die erste wirtschaftliche und finanzielle Instabilität, bei der die Regierung im Vorfeld und auch währenddessen auf Herausforderungen reagiere. Normalerweise habe sie das immer erst im Nachhinein getan, erklärt Schabanow. Jetzt würden vorzeitig Komitees und Gremien zusammengerufen, die die Lage praktisch täglich analysierten. Und es gebe zumindest eine Reaktion der Regierung - "quasi in Echtzeit".

Putin verbreitet Optimismus

Als vor gut zwei Wochen der Ölpreis in den Keller stürzte, riss er auch den Rubelkurs mit sich. Die russische Zentralbank reagierte sofort, indem sie den Kauf von Fremdwährungen für vorerst 30 Tage aussetzte. Das Finanzministerium erklärte, dass notfalls auf Rücklagen aus dem Nationalen Wohlfahrtsfonds zurückgegriffen werden könnte, um Haushalt und Wirtschaft auch bei einem dauerhaft niedrigen Ölpreis weiter stabil zu halten.

Kurz darauf erklärte Präsident Wladimir Putin: "Wir haben alle Chancen, dass die Schlüsselindustrien in Russland deutlich gestärkt aus dieser Situation hervorgehen - bereit für einen weiteren, ernsthaften Wettbewerb. Dies dürfte die gesamte russische Wirtschaft positiv beeinflussen."

Gazprom-Raffinerie bei Omsk | Bildquelle: REUTERS
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Sicherlich eine Schlüsselindustrie: eine Gazprom-Raffinerie bei Omsk.

Krise trifft auch kleinere Unternehmen

Doch bis heute hat sich die russische Währung kaum erholt und ist so schwach wie seit 2016 nicht mehr. Die Corona-Krise trifft zudem nicht nur die sogenannten Schlüsselindustrien, sondern vor allem kleinere Unternehmer. Laut einer neuen Prognose der russischen Industrie- und Handelskammer könnten etwa drei Millionen Unternehmen an der aktuellen Wirtschaftslage zugrunde gehen. Mehr als achteinhalb Millionen Russen könnten ihren Job verlieren.

Dies sei eine sehr pessimistische Schätzung, meint Wirtschaftsexperte Schabanow. Doch auch er sagt: Ist der Nullpunkt erst einmal erreicht, werde auch das ständige "Alles gut - alles unter Kontrolle" der Regierenden nicht mehr greifen.

Schabanow schätzt die Lage so ein: "Wenn die Zahlen, die wir auf den Monitoren sehen - also etwa die sinkenden Aktienpreise - in der Wirtschaft ankommen, wenn die Unternehmen wirklich Bankrott gehen und nicht nur laut Prophezeiung der Handelskammer oder anderer, sobald es Probleme auf dem Arbeitsmarkt gibt, dann erleben wir diesen Nullpunkt."

Rücklagen zum Ausgleich

Das russische Finanzministerium versichert zwar immer wieder, dass die im Nationalen Wohlfahrtsfonds gebildeten Rücklagen ausreichen würden, um die Defizite der nach wie vor stark vom Öl abhängigen russischen Wirtschaft für die kommenden sechs bis zehn Jahre auszugleichen. Allerdings bewegt sich der aktuelle Ölpreis gefährlich nah an der kalkulierten Untergrenze.

Und zudem waren die Gelder aus dem Fonds eigentlich für andere Ausgaben vorgesehen: "Wofür?" fragte Putin in einem Interview. "Für Investitionen und für die Unterstützung bestimmter Bevölkerungsgruppen. Gerade jetzt beginnen wir mit den Diskussionen darüber", erklärt er in dem Interview, das vor der Corona-, Öl- und Rubel-Krise aufgezeichnet, aber erst jetzt ausgestrahlt wurde.

Kurz darauf wurde entschieden, dass die letzten drei Folgen der insgesamt 20-teiligen Interview-Serie "20 Fragen an Wladimir Putin" vorerst nicht gezeigt würden. Weil die Nachrichtenagenda heute eine andere sei, hieß es dazu in der offiziellen Begründung. Und die Wirtschaftslage ist es offensichtlich auch.

Russische Wirtschaft: Stark in Krisenzeiten?
Martha Wilczynski, ARD Moskau
24.03.2020 10:05 Uhr

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