Arzt in eine provisorischem Krankenhaus in Warschau | Bildquelle: LESZEK SZYMANSKI/EPA-EFE/Shutter

Polen und Deutschland "Schickt uns unsere Ärzte zurück"

Stand: 19.11.2020 10:23 Uhr

Deutschland hat Polen Hilfe zur Bewältigung der Corona-Krise angeboten, aber vorerst winkt die polnische Regierung ab - und beschwert sich über die Abwanderung von Ärzten. Viele Kliniken aber würden Hilfe gerne annehmen.

Von Olaf Bock, ARD-Studio Warschau

Für die Marschallin der Woiwoidschaft Lebuser Land, Elzbieta Polak, ist es eine klare Sache: Die Corona-Lage ist ernst, Krankenhausbetten sind knapp und in dieser Situation, sagt sie, sei es richtig, dass "wir um Unterstützung bei unseren deutschen Partnern" bitten.

Schon im März halfen Sachsen und Brandenburg mit benötigter Schutzkleidung aus. Auch jetzt versprach der brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke Hilfe. Gerne helfe man dem Nachbarn in der Not.

Im Krankenhaus von Zielona Gora wird ein neues Zentrum gebaut. Eigentlich gedacht für Mütter mit Kindern, sollen dort jetzt zunächst Betten für 170 Covid-Patienten entstehen. Der Chefarzt Emil Korczak schätzt jetzt die Hilfe, die aus Deutschland angeboten wird. Besonders nötig sei derzeit „ein Arzneimittel, das auf dem polnischen Markt so nicht erhältlich ist - Remdesivir“, erzählt er. Auch fehlen "uns Tests, obwohl wir die Ausrüstung dafür haben. Uns fehlen auch Sauerstoffflaschen."  

Aufbau eines provisorischen Krankenhauses für Covid-19-Patienten in Poznan | Bildquelle: Jakub Kaczmarczyk/EPA-EFE/Shutte
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Im grenznahen Poznan wir in einer Messehalle eine provisorische Klinik errichtet ....

Krankenhaus mit Baustelle | Bildquelle: WDR
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... und in Zielona Gora soll eine neue Station für Covid-19-Patienten umgewidmet werden.

Infektionszahlen steigen dramatisch an

Die Infektionszahlen sind immer noch dramatisch hoch in Polen - heute meldeten die Behörden 23.975 neue Fälle. Die polnischen Zahlen sind zwar den Zahlen in Deutschland ähnlich, dabei hat Polen aber weniger als die Hälfte der Einwohner. Und es wird noch nicht flächendeckend getestet. Und wenn, dann sind auch die Ergebnisse erschreckend: Mehr als vierzig Prozent der Testergebnisse fallen positiv aus. Also könnte die Dunkelziffer bei Corona-Infektionen noch deutlich höher liegen.

Im Oktober schrieb Bundespräsident Frank Walter Steinmeier einen allgemein formulierten Brief an seinen polnischen Amtskollegen Andzrej Duda und bot Hilfe an, falls Polen mit der Corona-Pandemie nicht klar kommt. Wörtlich hieß es in dem Schreiben, das schon von Ende Oktober stammt: "Bitte lass mich wissen, wenn es Dinge gibt, die wir für Polen in der aktuellen Lage tun können." Präsident Duda dankte für die Solidarität, das Hilfeangebot und versprach, dass auch Deutschland auf Polen zählen könne. Doch bisher folgten keine konkreten Bitten nach Unterstützung.

Der polnische Regierungssprecher Piotr Müller erklärte im Fernsehen: Bisher nicht nötig! Mit dieser Haltung gerät die polnische Regierung angesichts steigender Infektionszahlen durch die Covid-Pandemie immer stärker unter Druck. "Die Regierungspartei sitzt hier wohl in der Falle ihrer eigenen antideutschen Propaganda. Über Jahre ist die PiS mit dieser Propaganda auf Stimmenfang gegangen", meint Pawel Zaleski von der Bürgerplattform in einem Radiointerview. Nun trage die Regierung aber auch die Verantwortung dafür, wenn ein Patient deshalb sterbe.

Ärzte in provisorischen Klinik in Warschau besprechen sich | Bildquelle: LESZEK SZYMANSKI/EPA-EFE/Shutter
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Besprechung in einer provisorischen Klinik in Warschau: Über den Ärztemangel im Land ist eine Debatte ausgebrochen.

Gebt uns unsere Ärzte zurück!

Neueste Wendung in dieser politischen Debatte sind Äußerungen der PiS-Abgeordneten Joanna Lichozka. Im polnischen Boulevard-Blatt "Fakt" fordert sie die Deutschen auf, "wenn sie helfen wollen - dann schicken sie uns unsere Ärzte zurück". Gemeint sind damit die Ärzte und Fachärzte, die aufgrund der chronisch schlechten Arbeitsbedingungen und Bezahlung ihre Heimat in Richtung Deutschland verließen. Ganz, als ob dies nicht in der freien Entscheidung dieser Fachkräfte läge.

Damit liegt sie wohl auch voll auf Linie der PiS-Partei. Der Vize-Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski hatte zuvor schon über "Landsleute der schlechten Sorte" gewettert, die zum Arbeiten Polen in Richtung Ausland verlassen. 

Patient mit Pflegekraft in Schutzkleidung in Krankenhaus | Bildquelle: WDR
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Auch auf der Station in Miedzylesie fehlt es an wichtigem Material - Hilfe wäre deshalb willkommen.

Angebot und Nachfrage

Auch der Krankenhausdirektor Jaroslaw Roslon aus Miedzylesie könnte Unterstützung gebrauchen. Dort fehlt es ihm an Sauerstoffreduktoren und Sauerstoffspendern, die sie "nirgendwo kaufen können", erzählt er. Doch er freut sich insgesamt über zahlreiche positive Rückmeldungen aus der polnischen Gesellschaft.

Auch der Marschall der Region Masowien hat Deutschland um Unterstützung in der Corona-Krise erbeten. Einige wollen helfende Hände aus Deutschland gerne annehmen. So wie es Ärzte und Krankenhäuser aus dem benachbarten Tschechien bereits praktizieren.

Über dieses Thema berichtete das Mittagsmagazin heute ab 13.00 Uhr im Ersten.

Korrespondent

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