Arbeiterin auf einer Tomatenplantage in Mexiko | Bildquelle: REUTERS

Migranten in Mexiko Arbeit statt Abschiebung

Stand: 14.11.2018 05:08 Uhr

Mexiko ändert seine Politik gegenüber mittelamerikanischen Flüchtlingen, die ohne Erlaubnis durch das Land ziehen. Bislang wurden "indocumentados" abgeschoben, künftig sollen sie arbeiten dürfen.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko

Großer Jubel, weil ein LKW angehalten hat: Migranten klettern auf die Käfige, die für Viehtransporte bestimmt sind und klammern sich fest. Nicht alle LKW-Fahrer geben die Mitfahrgelegenheit freiwillig: "Manchmal hält die Bundespolizei unsere LKW an und wir können nicht verhindern, dass die Migranten aufsteigen", sagt ein LKW-Fahrer. "Als ich einem Polizisten sagte: Das könne gefährlich sein, meinte er, es fahre doch ein Krankenwagen hinterher und wir seien nicht verantwortlich."

Wenn LKW oder Busse anhalten, sparen sich die Flüchtlinge wenigstens einige Kilometer Fußmarsch. Etwa 2500 Kilometer fehlen noch bis zur Grenzstadt Tijuana, wo die größte der Karawanen um Asyl in den USA bitten will. Allen Drohungen von US-Präsident Donald Trump zum Trotz wollen es die meisten Mittelamerikaner wenigstens versuchen. Asyl in Mexiko hat bislang nur ein Bruchteil beantragt.

Obrador
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Mexikos künftiger PräsidentLópez Obrador will den Migranten einer Perspektive in seinem Land geben - und stößt damit auf Widerstand.

Abkehr von der früheren Politik

Der künftige Präsident Manuel López Obrador hat ihnen Arbeitsvisa in Aussicht gestellt. Das ist eine Abkehr von der bisherigen Einwanderungspolitik, die sich auf Abschiebungen konzentrierte. Fast 440.000 Mittelamerikaner hat Mexiko zwischen 2015 und 2018 abgeschoben.

Die neue Regierung sei hohem Druck von außen und innen ausgesetzt, meint der Politologe Carlos Bravo: "Im Moment sagt Mexiko: Ich lasse die Migranten ins Land, tue aber alles, damit sie hierbleiben. Sie sollen nicht abgeschoben, sondern integriert werden", erklärt Bravo. Das sei aber leicht gesagt. Die öffentliche Meinung spiele eine wichtige Rolle: "Bislang war es für Mexiko bequem zu behaupten, es erledige ja nur die Arbeit für die USA, indem es seine Südgrenze sichert und Migranten abschiebt."

Zum Teil sei das richtig, sagt Bravo. Doch jetzt werde klar, "dass auch Teile unserer Gesellschaft den Mittelamerikanern feindlich gegenüber stehen und Abschiebungen befürworten". "Wenn wir den Migranten Asyl und Arbeit anbieten, sind die USA zufrieden, aber nicht die Migranten. Und diese Politik hilft auch nicht gegen die fremdenfeindliche Stimmung, die stärker geworden ist."

Noch befürworten mehr als die Hälfte der Mexikaner, die Flüchtlinge aus Mittelamerika zu unterstützen. Wie Meinungsforscher des Instituts Mitofsky außerdem herausfanden, sind ihre Beweggründe Humanismus und Solidarität. Die Mexikaner wollten Donald Trump demonstrieren, wie man mit Migranten umzugehen habe.

Carlos Bravo (Foto: Anne-Katrin Mellmann)
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Der Politologe Bravo sieht die mexikanisch Regierung in einer Zwickmühle.

Zustimmung für Hilfe nimmt ab

Aber ein Drittel der Befragten folgt Trumps Argumentation, kriminalisiert die Mittelamerikaner und fürchtet um Arbeitsplätze in Mexiko. In sozialen Netzwerken verbreitet sich Anti-Migranten-Stimmung, eine überregionale Zeitung zeigte auf ihrer Titelseite Müll, den die Karawane im Sportstadion der Hauptstadt hinterlassen hat.

Der neue Präsident muss die Quadratur des Kreises versuchen: Mexikos Interessen verteidigen und zugleich die Forderungen Trumps und der Migranten berücksichtigen. Was auch immer seine Regierung unternimmt – am Ziel der meisten Mittelamerikaner wird sich nichts ändern: Sie wollen in die USA.

Arbeitsangebot statt Abschiebung - Mexiko und die Flüchtlinge aus Mittelamerika
Anne-Katrin Mellmann, ARD Mexiko City
13.11.2018 23:50 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. November 2018 um 05:30 Uhr.

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