Luftaufnahme von Darna

Nach Flutkatastrophe in Libyen Verzweiflung, Trauer und ein kleines Wunder

Stand: 23.09.2023 11:15 Uhr

Mehr als 43.000 Menschen haben durch die schweren Überschwemmungen in Libyen ihr Zuhause verloren. Ramadan und sein Sohn Sulli sind zwei von ihnen. Eine Reportage über ein Wunder, Trauer und tiefe Verzweiflung.

Von Anna Osius, ARD Kairo, zzt. in Libyen

Sulli will seine Geschichte erzählen. Der 13-jährige Junge mit Down Syndrom sitzt im Halbdunkel auf dem Boden in einem fast fensterlosen, kargen Raum, nur ein Fernseher flimmert in der Ecke. Die libyschen Nachrichten bringen die neusten Meldungen aus Darna, dem Katastrophengebiet. Aus Sullis Zuhause.

Auch Sulli, der eigentlich Suleiman heißt, hat die Flut erlebt. Deswegen sei er jetzt mit seinem Papa alleine, sagt er. Und hockt sich auf die Türschwelle. "Auf Mama warten", sagt er leise.

Leben der Familie für immer verändert

Vater Ramadan schlägt die Hände vors Gesicht. Er starrt ins Leere, auf irgendeinen unsichtbaren Punkt im Dunkeln des Raumes. Eigentlich ist er ganz woanders. Fast zwei Wochen ist es jetzt her, dass sich das Leben der Familie für immer veränderte.

"Das Wetter schlug um", erinnert sich Ramadan. "Wir dachten, es wäre ein normaler Sturm, aber es wurde immer schlimmer. Es regnete heftig. Und dann war es, als hätte ein Erdbeben das Haus getroffen, es knallte und alles wackelte. Das war der Dammbruch. Ich ging im Haus nach oben, um vom Dach aus nach dem Rechten schauen. Ich sagte meiner Frau, 'schau mal nach Sullli'. Er spielte im Wohnzimmer. Plötzlich hörte ich Sulli schreien. Das Wasser schoss ins Wohnzimmer. Ich rannte nach unten und fand Sulli schreiend halb unter Wasser. Zwei Körper lagen auf ihm, ein Mann und ein Kind, Nachbarn, sie waren hereingespült worden. Sie waren tot. Suleiman schrie, 'Papa, Papa, da ist Wasser im Haus, da ist Wasser!'"

Ramadan und Sulli

Ramadan (links) und Sulli in ihrem neuen vorübergehenden Zuhause.

Vater kann seinen Sohn retten

Der Vater schafft es, seinen behinderten Sohn zu retten und flüchtet mit ihm zurück aufs Dach. Von seiner Frau fehlt jede Spur. In dieser Nacht verschwindet Ramadans Leben in den Fluten. Vater und Sohn werden gerettet, gerade noch rechtzeitig, das Haus stürzt kurz darauf ein. "Das Haus existiert nicht mehr, da ist kein Haus mehr", sagt Ramadan. Ihm versagt die Stimme.

Dann erzählt er weiter. In den nächsten Tagen finden Rettungskräfte die Leichen: Ramadans Familie ist ausgelöscht. Der 48-Jährige muss seine drei Brüder und seine Schwester samt Familien identifizieren. Alle Nichten, Neffen, Cousins sind tot. Die Großmutter gilt immer noch als vermisst: "Die Leichen meiner Geschwister habe ich gesehen, aber meine Mutter nicht. Manche sagen, sie ist in Benghasi, mache sagen, sie ist in Tobruk, ich weiß es nicht. Ich hoffe nur, dass sie noch lebt."

Ramadan

Ramadan musste viele Familienmitglieder identifizieren.

Kurze Freude

Und Sullis Mutter, Ramadans Frau?  Da geschieht ein Wunder, so nennen es die Nachbarn später: Weil sie obdachlos sind, sucht Ramadan eine Bleibe für sich und seinen behinderten Sohn im nächst größeren Ort, etwa 100 Kilometer von Darna entfernt. Er mietet die dunkle Wohnung, kaum mehr als ein Verschlag. Er gibt eine Vermisstenanzeige auf - und erfährt von Helfern: Seine Frau lebt. Nachbarn hatten sie retten können, sie liegt im Krankenhaus. Sie lebt.

Doch die Freude wärt nur kurz: Ramadans Frau ist seit der Katastrophe geistig verwirrt. Sie erkennt ihren Mann nicht mehr. Jeden Tag geht Ramadan mit Sulli zu ihr, versucht, sie zu erreichen. Der Einzige, der das manchmal noch schaffe, sei Sulli, sagt er: "Wenn ich mit ihr reden will, muss ich Suleiman mitbringen."

"Ich will zurück nach Darna"

Und wie soll es jetzt weitergehen? Ramadan zuckt mit den Schultern: "Ich habe nur einen Wunsch: Ich will meinen Sohn nehmen und meine Frau, wenn es ihr wieder gut geht und zurück nach Darna. Ich muss zurück nach Darna. Darna war der Himmel auf Erden. Wenn du von den Bergen runter ins Stadt kamst, konntest du den Geruch von Jasmin wahrnehmen. Den Tee machen wir nicht mit Minze, sondern mit blühenden Blumen. Darna war unser Stolz. All das ist über Nacht weggewaschen worden."

Ihre alten Sorgen erscheinen auf einmal so klein. Sie hatten sich mit dem Schicksal arrangiert, dass ihr einziges Kind behindert ist. Vier Kinder hatte das Paar zuvor verloren, Totgeburten und Babys, die direkt nach der Geburt starben. "Ich hielt sie in den Armen, gab ihnen einen Namen und dann starben sie", erzählt der Vater.

Alles war anders mit Sulli

Dann kam Sulli. Und obwohl alles anders war mit einem behinderten Sohn, so lebt er doch. Das war doch das, was zählte. Dass er lebte. Für einen Moment wischt sich Ramadan über die Augen. Dann richtet sich der Blick wieder nach innen.

Sulli sitzt auf der Türschwelle und spielt mit einem Luftballon, pustet ihn auf und dreht ihn vor seinen Augen. Er lacht. "Komm, wir gehen ins Haus", sagt Ramadan und nimmt die Hand seines Sohnes. Sulli schüttelt mit dem Kopf. Auf Mama warten, sagt er. Und lächelt.

Sulli

Sulli wartet auf seine Mama.

Anna Osius, ARD Kairo, tagesschau, 23.09.2023 09:01 Uhr

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete Inforadio am 23. September 2023 um 07:31 Uhr.