Proteste in Beirut | AFP

Proteste nach Explosionen Wut und Gewalt in Beirut

Stand: 09.08.2020 05:06 Uhr

Seit Tagen wächst die Wut über die libanesische Regierung. Jetzt die Eskalation: Ein Polizist in Beirut ist tot, etwa 200 Demonstranten sind verletzt. Neuwahlen wurden angekündigt. Heute berät eine internationale Konferenz über Hilfen.

Bei Protesten gegen die libanesische Regierung haben Dutzende wütende Demonstranten Regierungsgebäude in Beirut gestürmt. Einem Polizeisprecher zufolge starb ein Beamter bei den Zusammenstößen. Mehr als 200 Menschen wurden verletzt.

Ministerien gestürmt

Medien berichten, dass Demonstranten zahlreiche Regierungsgebäude gestürmt haben - darunter das Energieministerium, das Handelsministerium, das Wirtschafts- und das Umweltministerium. Auch das World Trade Center soll besetzt worden sein.

Wütende Demonstranten legten außerdem Feuer am Sitz des Bankenverbands, bevor sie von der Armee zurückgedrängt und die Flammen gelöscht wurden.

Auch das Außenministerium wurde nach dreistündiger Besetzung geräumt. Zuvor hatten von ehemaligen Armeeoffizieren angeführte Protestierende das Gebäude gestürmt und es zum "Hauptquartier der Revolution" erklärt.

Demonstranten stehen auf dem Balkon des libanesischen Außenministeriums in Beirut. | REUTERS

Demonstranten stehen auf dem Balkon des libanesischen Außenministeriums in Beirut. Bild: REUTERS

Neuwahlen angekündigt

In einer Fernsehansprache kündigte Ministerpräsident Hassan Diab an, sein Kabinett zur Vorbereitung vorgezogener Neuwahlen aufzurufen.

"Unsere Tragödien sind groß", so der Regierungschef. Für die enormen wirtschaftlichen und politischen Probleme des Landes sei er allerdings nicht verantwortlich. Diab versprach erneut, dass diejenigen, die für das Explosionsunglück am Dienstag verantwortlich seien, ausgemacht und bestraft würden.

"Fahrlässigkeit und Nachlässigkeit, zwielichtige Deals"

Zuvor waren Tausende Menschen durch die Stadt gezogen, um nach der verheerenden Explosion im Hafen von Beirut ihren Unmut über die Regierung kundzutun. Die Aktivisten betrachten die Tragödie als Folge von Korruption und Nachlässigkeit der Regierenden. Geplant war im Rahmen der Demo auch eine symbolische Bestattung der bisher mehr als 150 Todesopfer.

Unter anderem waren Sprechchöre zu hören wie "Revolution, Revolution" oder "Das Volk will den Sturz des Regimes". Auch die im Libanon populäre Sängerin Pascale Sakr rief dazu auf: "Unser Ziel [...] ist, dass wir diese korrupten Herrscher absetzen, die seit 30 Jahren die ganze Güte und die Werte des Landes ausgelöscht, das Land ausgeplündert und dadurch die Verarmung des Volkes verursacht haben. Dazu kommen Fahrlässigkeit und Nachlässigkeit, zwielichtige Deals und eine Explosion wie ein Atomschlag", so die Aktivistin auf der Kundgebung.

Zusammenstöße am Parlament

Am Rande der Kundgebung kam es zu Zusammenstößen mit den Sicherheitskräften. Auf Bildern des libanesischen Senders MTV war zu sehen, dass einige der Protestierenden versuchten, eine Absperrung in Richtung des Parlaments zu durchbrechen, auch Steine wurden geworfen.

Daraufhin setzten Sicherheitskräfte Gummigeschosse und Tränengas ein. Zudem fielen Schüsse. Dies bestätigte die Polizei gegenüber Reuters nachdem entsprechende Geräusche im Zentrum der libanesischen Hauptstadt zu hören gewesen waren.

Ein Protestierender wirft Steine in Richtung der Sicherheitskräfte. | dpa

Ein Protestierender wirft Steine in Richtung der Sicherheitskräfte. Bild: dpa

Internationale Konferenz berät über Hilfe

Die internationale Gemeinschaft berät heute über Soforthilfe für das Krisenland. Geleitet wird das kurzfristig einberufene Treffen von UN-Generalsekretär António Guterres und Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron, wie Kreise von Macrons Präsidialamt berichteten. Es gehe darum, der schwer getroffenen Bevölkerung direkt zu helfen, ohne dass es dabei zu Unterschlagungen komme. Nötig seien medizinische Hilfe, Nahrungsmittel und der rasche Wiederaufbau von Schulen oder Krankenhäusern. Ein Betrag für die internationale Hilfe wurde nicht genannt - die Einschätzung der UN sei noch nicht fertig.

US-Präsident Donald Trump habe bereits mitgeteilt, dass er teilnehme, hieß es in Paris. Auch der jordanische König Abdullah II., Ägyptens Staatschef Abdel Fattah al-Sisi und der britische Premier Boris Johnson haben demnach zugesagt, ebenso wie EU-Ratspräsident Charles Michel. "Wir sind alle bereit, zu helfen", sagte Michel am Samstag bei einem Treffen mit dem libanesischen Staatschef Michel Aoun. Deutschland und Italien sind den Angaben zufolge ebenfalls vertreten, Namen von Vertretern blieben aber zunächst offen.

Mit Informationen von Carsten Kühntopp, ARD-Studio Kairo, zzt. Berlin.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 08. August 2020 um 20:00 Uhr.