Menschen auf den Straßen von Havanna, Kuba. | Bildquelle: YANDER ZAMORA/EPA-EFE/Shuttersto

Corona-Krise Vorsichtige Öffnung auf Kuba

Stand: 27.06.2020 14:02 Uhr

Trotz Corona-Krise öffnet sich Kuba vorsichtig für Touristen. Doch bis die das Land wieder mit Geld versorgen, wird es dauern. Ökonomen werben deshalb für tiefgreifende Veränderungen.

 Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Der Malecón, die Flaniermeile direkt am Wasser in Havanna, war in den letzten drei Monaten menschenleer, verweilen durfte man dort nicht wegen der Corona-Pandemie. Zuletzt hat Yedi Anfang März Touristen aus Italien durch die Straßen der kubanischen Hauptstadt geschleust. Seitdem sitzt der Fremdenführer frustriert zuhause. Auch wenn eine langsame Normalisierung des Lebens absehbar ist, sieht der 47-Jährige trotzdem keinen Grund zum Optimismus.

"Wer wie ich im Tourismus arbeitet, ist hart getroffen. Seitdem Kuba seine Grenzen geschlossen hat, habe ich nicht mehr gearbeitet. Ich verfüge über kein weiteres Gehalt. Gerade lebe ich von Ersparnissen. Außerdem haben mir Freunde, die im Ausland leben, Geld geschickt."

Blick über die Skyline von Havanna, Kuba. | Bildquelle: AFP
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Der Malecón in Havanna.

"Stundenlang Schlange stehen"

Die Läden sind leer. Für Lebensmittel muss Yedi sich stundenlang in die Schlange stellen. Aber man könne die Schuld für die Misere nicht nur auf die Corona-Pandemie schieben, sagt er. "In Kuba gab es schon vorher nicht mehr ausreichend Lebensmittel."

Gerade jetzt helfe ihm die "Libreta", meint Yedi - die Lebensmittelkarte, die jeder Kubaner bekommt, egal ob er staatlich angestellt ist, auf eigene Rechnung arbeitet oder ein einfacher Arbeiter ist. Es werden keine sozialen Unterschiede gemacht. Mit der Lebensmittelkarte kann der er für sich und seine Familie in der "Bodega" einkaufen. Das sind Läden, die auf subventionierte Lebensmittel spezialisiert sind.

"Es ist eine Erleichterung zu wissen, dass man mit der Lebensmittelkarte zu einem niedrigen Preis Reis bekommen kann, aber auch Zucker, Salz, Kaffee, Speiseöl und vor allen Dingen Eier. Diese subventionierten Grundnahrungsmittel sind wichtig für uns." Wenn es aber um Fleisch geht, "müssen wir auf die Märkte gehen oder diese Produkte in den Devisenläden einkaufen​."

Auch in Devisenläden sind Waren rationiert

Das was man mit der Lebensmittelkarte bekommt, reicht außerdem nur für die Hälfte des Monats, meint Yedi. Aber selbst in den Devisenläden sind Produkte durch die Krise rationiert. Es gibt deshalb Forderungen, die Lebensmittelkarte auszuweiten. Allerdings ist für Ricardo Torres, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Havanna, das Modell der "Libreta" längst nicht mehr zeitgemäß.

"Die Leute bekommen Grundnahrungsmittel, die weit unter dem Marktpreis liegen - unabhängig von ihrem Einkommen. Dieser Mechanismus funktionierte Ende der 1980er-Jahre, zu einer Zeit, als es kaum soziale Unterschiede gab und der Staat alles kontrollierte. Aber heute ist das obsolet und ineffizient", sagt Torres.

Ökonomen votieren für Reformen

Er halte es deshalb für richtig, dass die Regierung die Lebensmittelkarte offensichtlich nicht ausweiten wolle. Aber in welche Richtung wird Kuba angesichts des enormen wirtschaftlichen Drucks steuern? Torres sieht innerhalb der Regierung unterschiedliche Positionen.

"Fast alle Ökonomen, die sich aktiv an der Debatte beteiligen, sprechen sich für Reformen aus. Es ist nur eine kleine Gruppe, die konservativ denkt." Die Mehrheit der Ökonomen befürworte die Zulassung von kleinen und mittelständischen Betrieben. Staatliche Unternehmen wiederum müssen nach Ansicht des Wissenschaftlers reformiert werden. "Dabei geht auch um eine größere Beteiligung von Auslandskapital in staatlichen Betrieben."

Kuba steckte auch schon vor dem Ausbruch des Coronavirus in einer Wirtschafts- und Versorgungskrise. Das Problem: Die sozialistische Karibikinsel produziert selbst kaum und muss den Großteil seiner Lebensmittel importieren. Ohne die Einnahmen durch den Tourismus fehlen wichtige Devisen im Land, um Nahrungsmittel einzuführen.

Die US-Blockade erschwert Investitionen

Zudem ist der Verbündete Venezuela nicht mehr in der Lage, Kuba zuverlässig mit Öl zu versorgen. Und ein Ende des seit über 60 Jahren bestehenden US-Wirtschaftsembargo ist nicht abzusehen. Ganz im Gegenteil, US-Präsident Donald Trump verschärft die Sanktionen und hat Kuba nach fünf Jahren wieder auf die Liste von Terrorstaaten gesetzt.

Die US-Blockade verstoße gegen geltendes Recht, sagt Ulrike Dorfmüller vom Deutschen Akademischen Austauschdienst DAAD. Sie fordert zusammen mit weiteren Akteuren, die im Kultur- und Wissenschaftsbereich in Kuba tätig sind, dass die US-Blockade beendet wird:

"Wir haben seit Jahren innerhalb unserer täglichen Arbeit festgestellt, wie sehr dadurch die internationale Kooperation der Insel kompliziert gemacht oder unmöglich wird." Das betreffe zum Beispiel Geldüberweisungen. Hinzu komme, dass manche Institutionen gar keine neuen Projekte mit Kuba beginnen wollten, aus Angst vor einem Konflikt mit der US-Justiz.

Zwei Arbeiter ziehen und schieben einen Karren. | Bildquelle: YANDER ZAMORA/EPA-EFE/Shuttersto
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Die US-Sanktionen treffen Kuba hart.

Die Lage für die Kubaner würde sich immer weiter zuspitzen, so Dorfmüller. Mehr als 50 namhafte Akteure aus Wissenschaft und Kultur in Deutschland hätten sich deshalb mit einer Petition an die Bundesregierung gewandt. Sie übernimmt an Juli die EU-Ratspräsidentschaft und könne entsprechend Einfluss ausüben.

Der Tourismus hinkt weiter

Auch Yedi hat die US-Blockade als Touristenführer zu spüren bekommen. Die amerikanischen Touristen, die zunächst mit der Öffnung unter US-Präsident Barack Obama und Raúl Castro zahlreich ins Land gekommen sind, bleiben nun mit den von US-Präsident Trump verschärften Sanktionen aus. Und nun kommt die Corona-Krise dazu.

Yedi wird sich einen neuen Job suchen müssen, meint er, weil er mit Tourismus in absehbarer Zeit nichts verdienen werde: "Zuerst wird der nationale Tourismus angekurbelt und in einem zweiten Schritt öffnet sich das Land dem internationalen Tourismus, allerdings nur für Pauschalreisen. Aber um ganz ehrlich zu sein, was den nationalen Tourismus betrifft, da habe ich meine Zweifel. Welche Kubaner werden sich in diesen Zeiten den Luxus leisten?"

Auch Touristen aus Europa oder Kanada werden die sozialistische Karibikinsel in absehbarer Zeit nicht überschwemmen.

Kubas Wirtschaft in Corona-Zeiten
Anne Demmer, rbb
27.06.2020 01:05 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. Juni 2020 um 05:17 Uhr.

Korrespondentin

Anne Demmer  | Bildquelle: Klaus Dieter Freiberg Logo rbb

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