Der kanadische Premier Justin Trudeau diskutiert mit seinem konservativen Herausforderer Andrew Scheer im TV-Duell. | Bildquelle: REUTERS

TV-Duell in Kanada "Herr Trudeau, Sie sind ein Betrüger"

Stand: 08.10.2019 08:11 Uhr

Zwei Wochen vor der Wahl in Kanada haben die Bürger ein TV-Duell mit klaren Worten gesehen. Während sich Premier Trudeau staatsmännisch gab, präsentierte sich der Konservative Scheer im harschen Kampfmodus.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York, zzt. in Ottawa

Es ist kein eindeutiger Gesang, mit dem die wartenden Wähler den kanadischen Premier empfangen. Irgendwas zwischen "Vier weitere Jahre für Justin Trudeau" und dem Gegenteil: "Vier weitere Jahre für Andrew Scheer" - seinem stärksten Rivalen.

Als der Premier vor dem historischen Museum in Gatineau aus seinem Kampagnenbus steigt, beginnt für ihn kein Spaziergang. Denn sein konservativer Herausforderer gibt sich kampfeslustig. Seine Strategie: Direkt auf den skandalumwitterten einstigen Polit-Darling losgehen: "Herr Trudeau, Sie sind ein Schwindler, Sie sind ein Betrüger und Sie haben es nicht verdient, dieses Land zu regieren", sagt Scheer.

Der kanadische Premier Justin Trudeau bei seiner Ankunft zum TV-Duell im Wahlkampf. | Bildquelle: dpa
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Ankunft in Gatineau: Kanadas Premier Trudeau wird dort sehr unterschiedlich von den Menschen empfangen.

Anspielung auf dunkel geschminktes Gesicht

Trudeau stehe nicht wirklich für Kanada, er täusche seine Wähler, so der Konservative. Trage stets eine Maske. Damit spielte Scheer auf die jüngste Aufregung um den Premier an: Aufgetaucht waren 20 Jahre alte Bilder von ihm. Darauf hatte sich der damalige Lehrer Trudeau auf einem Maskenfest sein Gesicht dunkel geschminkt. Das sogenannte Brownfacing hatte Trudeau selbst als rassistisch bezeichnet und sich dafür entschuldigt.

Auch darüber hinaus war der Premier in den vergangenen Monaten kaum aus dem Entschuldigen herausgekommen: Erst stolperte Trudeau über den Korruptionsskandal einer Baufirma aus seinem Wahlkreis. Zwei Ministerinnen traten zurück. Dann soll er einer Journalistin gegenüber eine sexistische Bemerkung gemacht haben.

Vergleich mit Rechtspopulist

Ausgerechnet Trudeau, der vor vier Jahren für die Integration, die Gleichberechtigung, alles politisch Saubere und Bessere angetreten war. Mit all solchen Vorwürfen konfrontiert, gibt sich Trudeau nun staatsmännisch gelassen. Zugleich stellt er seinen Rivalen Scheer in die Ecke von Rechtspopulist Maxime Bernier: Der sage nur offen, was Scheer insgeheim denke - eine Anspielung auf den Spruch "Canada First".

Ansonsten vermeidet Trudeau es, Scheer persönlich anzugreifen. Er hebt lieber auf seine Erfolge ab: Er habe 900.000 Menschen aus der Armut geholt und mehr als eine Million Jobs geschaffen. Und eine weitere Errungenschaft hat ihm Scheer dann selbst als Steilvorlage gegeben: Trudeau hat trotz der bevorstehenden Wahl eine CO2-Abgabe durchgesetzt - gegen den Willen einiger Provinzen.

Kleinere Parteien das Zünglein an der Waage

Anders als Scheer kritisieren Grünen-Chefin Elizabeth May und der Sozialdemokrat Jagmeet Singh die Klimapolitik der Regierung. Sie gehe nicht weit genug. So nehme seine CO2-Steuer die größten Verschmutzer aus und er baue eine weitere Öl-Pipeline.

Beide Parteien haben bei der Wahl in zwei Wochen zwar so gut wie keine Chance, den künftigen Regierungschef in Kanada zu stellen. Für den Sieger der beiden großen Parteien jedoch könnten sie das Zünglein an der Waage sein.

Nach derzeitigen Umfragen liegen Trudeaus Liberale und die Konservativen etwa gleichauf. Scheer, der gerade mal 40 Jahre alt und damit noch einmal sieben Jahre jünger als der einstige Senkrechtstarter Trudeau ist, gilt zwar als farblos. Doch bislang auch als skandallos.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 08. Oktober 2019 um 10:00 Uhr.

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