Ein von der Finanzpolizei entdecktes Segelboot, das Migranten nach Italien brachte

Segeljachten in Italien Die verschwiegene Flüchtlingsroute

Stand: 07.08.2019 22:09 Uhr

Immer mehr Migranten erreichen Italien über die östliche Mittelmeerroute, viele von ihnen auf Segeljachten. Von der Öffentlichkeit werden sie kaum bemerkt - und die Regierung in Rom schweigt darüber.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Den mutmaßlichen Schlepper holt die Finanzpolizei im Hafen von Santa Maria di Leuca als Letzten von Bord. Braungebrannt, mit verspiegelter Sonnenbrille, weißem Polohemd und einer dicken goldenfarbenen Uhr am Handgelenk steigt der Mann, der nach eigenen Angaben Ukrainer ist, den Steg hinunter. Die Polizei hält ihn für den Chef der dreiköpfigen mutmaßlichen Schlepperbande, die gerade mit einer Segeljacht 15 Kurden aus dem Irak nach Apulien, an den Hacken des italienischen Stiefels, gebracht hat.

Francesco Elia vom Marine-Gesundheitsamt in Brindisi kennt diese Art der Ankünfte. "Im Durchschnitt erleben wir hier so etwas ein- bis zweimal die Woche. Und sie kommen genauso, mit Jachten. An Bord sind dann 15 Personen, wie jetzt, aber manchmal auch 50 oder mehr."

Zwei Tage unterwegs

Das Segelboot wurde vor der Küste entdeckt, weil es verdächtig tief im Wasser lag. Elia ist einer der Ärzte, die gerufen werden, wenn die Finanzpolizei ein Boot mit Migranten in einen der apulischen Häfen bringt. Der Mediziner geht immer als erster an Bord und prüft den Gesundheitszustand der Angekommenen, auch in diesem Fall. "Es geht ihnen gut", sagt er. "Sie sind wohl aus Griechenland abgefahren und nur zwei Tage unterwegs gewesen. Sie sind daher in relativ guter Verfassung. So kommen sie hier meistens an."

Er meint diejenigen, die über das östliche Mittelmeer nach Italien kommen. Nach Apulien, Kalabrien, aber auch in die Basilikata. Eine Route, über die Italiens Innenminister Matteo Salvini nicht so gerne redet - weil seine Theorie der geschlossenen Häfen hier mehrmals in der Woche durchlöchert wird. Das Innenministerium hat der Finanzpolizei untersagt, dem ARD-Studio Rom ein Interview zum Thema Ankünfte in Apulien zu geben.

Ein von der Finanzpolizei entdecktes Segelboot, das Migranten nach Italien brachte | Bildquelle: Jörg Seisselberg
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Der Finanzpolizei fiel das Segelboot vor der Küste auf, weil es verdächtig tief im Wasser lag.

Seit März nehmen die Ankünfte in Apulien zu

Die aktuellen Zahlen des UNHCR der Vereinten Nationen aber zeigen, dass mittlerweile jeder dritte Migrant und Flüchtling nicht über Lampedusa oder Sizilien nach Italien kommt, sondern über die östliche Route. Auch Mimma Antonacci, die in Deutschland aufgewachsen ist und beim Roten Kreuz in Lecce arbeitet, hat beobachtet: Seit März nehmen die Ankünfte in Apulien zu, immer häufiger spielen dabei Segeljachten eine Rolle. "Das ist in den letzten Jahren mehr und mehr geworden. Auch letztes Jahr waren es meist Segelschiffe, die hier rüberkommen."

Antonacci hat einen guten Überblick über die Situation, weil auch ihr Rotes Kreuz immer alarmiert, wenn neue Migranten oder Flüchtlinge in Apulien ankommen. Wie auch vergangene Woche, als Pakistaner in der Nähe von Gallipoli nachts an Land gingen. "Wir sind losgefahren mit unseren Mannschaften und haben diese 57 Pakistaner versorgt. Die wurden an Land gefunden, weil das Segelschiff schon weg war."

Migration per Segeljacht, startend von der Türkei oder Griechenland aus - das ist auf der östlichen Mittelmeerroute keine Ausnahme, sondern immer mehr die Regel. Weil gerade in dieser Jahreszeit auch Tausende Touristen mit Segelbooten auf dem Mittelmeer unterwegs sind, werden Menschenschlepper so seltener gestoppt.

Viele Segeljachten sind gestohlen

"In vielen Fällen werden die Migranten erst an Land entdeckt, weil die Schlepper Jachten oder ähnliche Boote verwenden", sagt Carlotta Santarosa, Projektmanagerin bei der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Rom. Bei ihnen merke die Küstenwache nicht sofort, dass es sich um Boote handle, bei denen man eingreifen solle. "Daher schaffen sie es oft direkt an die Küste, wo die Migranten dann von Bord können."

Die Migranten über die östliche Route sind laut IOM vor allem Pakistaner und Kurden aus dem Irak. Für ihren Weg nach Europa müssen sie nach Informationen der Organisation den Schleppern zwischen 5000 und 7000 Euro zahlen. Organisiert werden die Überfahrten häufig von ukrainischen oder russischen Kriminellen, die Segeljachten sind meist gestohlen. Pakistan und der Irak zählen - mit Tunesien und Algerien - mittlerweile zu den vier Hauptherkunftsländern von Migranten, die in Italien ankommen. 

Die 15 irakischen Kurden, die im Schatten der Roten-Kreuz-Autos im Hafen von Santa Maria di Leuca darauf warten, in ein Erstaufnahmezentrum zu kommen, wirken müde. Sie dürfen nicht mit Journalisten sprechen. Einige geben aber zu verstehen, dass sie gerne weiter nach England möchten. Auch dies ist auf der östlichen Mittelmeerroute anders: Während von den Afrikanern, die über Libyen kommen, viele in Italien bleiben, wollen die über Apulien ankommenden Migranten in der Regel weiter - häufig nach Mittel- oder Nordeuropa.

 

Reportage: Geschlossene Häfen? Migranten-Ankünfte per Segeljacht in Apulien
Jörg Seisselberg, ARD Rom
07.08.2019 21:17 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. August 2019 um 05:21 Uhr.

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