Ein Graffiti im nordirischen Derry wurde geändert: Statt IRA, "ungeschlagene" Armee heißt es dort nun "geschlagene Armee". | Bildquelle: AFP

25 Jahre Waffenruhe in Nordirland Ein brüchiger Frieden

Stand: 31.08.2019 02:08 Uhr

Am 31. August 1994 kündigte die katholische Untergrundorganisation IRA ihre erste Waffenruhe an. Es war der Anfang vom Ende des Bürgerkriegs in Nordirland. Doch der Frieden ist brüchig - auch wegen des Brexits.

Von Sabina Matthay, ARD-Studio London

Als die katholisch-republikanische Untergrundorganisation IRA nach 25-jährigem Bürgerkrieg erstmals eine Waffenruhe ausrief, da unterbrach die BBC ihr reguläres Programm. Am 31. August 1994 stellte die IRA ihre bewaffnete Kampagne ein, sechs Wochen später zogen die protestantisch-unionistischen Paramilitärs nach.

Es war der Anfang vom Ende des Bürgerkriegs in Nordirland, bei dem seit den 1960er-Jahren etwa 3500 Menschen starben, zigtausende verletzt wurden und die Bevölkerung einer ganzen Provinz traumatisiert wurde.

Eine Meisterleistung der Demokratie

Nordirland begab sich auf den Weg zur Normalität. Zwar versuchten Einzelkämpfer und Splittergruppen auf beiden Seiten, den Rückfall in den Bürgerkrieg zu erzwingen. Doch 1998 kam der Friedensvertrag für die britische Provinz zustande. Der Konflikt wurde nicht aufgelöst, aber doch beruhigt - eine Meisterleistung der Diplomatie. 

"Bei uns Katholiken will ganz sicher keiner die Rückkehr zum bewaffneten Kampf", sagte bereits zehn Jahre später der ehemalige IRA-Mann Paul O’Neill. "Wir wollen unsere Anliegen jetzt politisch durchsetzen."

Ähnlich drückte es der Protestant Eric Caulderwood aus. Er saß wegen Mordes an einem Katholiken im Gefängnis, dann wurde er Sozialarbeiter.

Tiefe Wunden - noch immer

Spuren des Bürgerkriegs sind jedoch geblieben.

In Belfast künden Wandgemälde mit Parolen von IRA und unionistischen Milizen weiterhin von der alten Feindschaft,  katholische und protestantische Viertel trennen immer noch hohe Mauern.

Ein BBC-Reporter traf an einer solchen Mauer auf einen Fünfjährigen mit einem Dachziegel in der Hand. Warum er den mit sich führe, fragte der Reporter den Jungen. Dessen Antwort: "Na, weil das Fenier sind." So nennen Protestanten abfällig Katholiken.

Der einstige protestantische Erzbischof von Nordirland, Lord Eames, vermittelte beim Zustandekommen der Waffenruhen von 1994. Er wünscht sich den Geist jener Zeit zurück:

"Neue Ideen tun not. Man muss ja nicht gleich seine Prinzipien aufgeben, um sich mit neuen Ideen zu befassen", sagt Eames. Doch auch ihm ist es nicht gelungen, einen Prozess zur Aufarbeitung des Bürgerkriegs und zur Aussöhnung in die Wege zu leiten.

Brexit vertieft die Spannungen nur noch

Auch politisch sind die Ressentiments nicht überwunden. Die Regionalautonomie wurde mehrfach ausgesetzt. Seit das Bündnis von katholisch-republikanischer Sinn Fein und protestantischer DUP vor zwei Jahren platzte, ist keine neue Regierung zustande gekommen.

Der Brexit vertieft die Spannungen nun noch. Denn bei einem ungeregelten Ausstieg des Vereinigten Königreichs aus der EU droht wieder eine harte Grenze auf der irischen Insel, sie würde die friedensstiftende Kraft des europäischen Binnenmarktes gefährden.

Grenzkontrollen wie zu Zeiten des Bürgerkriegs kämen einem Rekrutierungsprogramm für militante Gruppen gleich, warnt Nordirlands Polizeichef Simon Byrne. Eine Nachfolgegruppe der IRA ermordete im Frühjahr eine Journalistin, gerade erst entgingen Polizisten knapp einem Sprengstoffanschlag

Einer harter Brexit mit einer formellen Grenze zieht hohe Risiken nach sich, so Polizeichef Byrne. 25 Jahre nach der Waffenruhe in Nordirland ist der Frieden in der Provinz brüchiger denn je.

Vor 25 Jahren: IRA ruft Waffenruhe aus
Sabina Matthay, ARD London
31.08.2019 00:49 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 31. August 2019 um 09:05 Uhr.

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