Eine Wäscheleine hängt in einem zerstörten Haus in Homs

Zerstörungen nach Bürgerkrieg Warum nur wenige Syrer zurückkehren

Stand: 15.07.2019 03:48 Uhr

In vielen Teilen Syriens scheint der Krieg vorbei zu sein. Die Rückkehr in die Heimat ist für Flüchtlinge trotzdem riskant. Was sagen Syrer, die zurückgegangen sind und jene, die Angst davor haben?

Von Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo

Iman ist wieder zuhause, in den eigenen vier Wänden. Nach Jahren bei Freunden und Verwandten freut sich die junge Frau, zurück zu sein im eigenen Heim - oder besser: in dem, was davon übrig geblieben ist. Iman wohnt wieder in Khaldiye, einem Viertel der Stadt Homs, das fast vollständig in Trümmern liegt. In einer Wand von Imans kleinem Haus klafft ein riesiges Loch.

"Mir geht es gut. Trotz der Zerstörung geht es mir gut. Ich wünsche mir nur, dass die Leute alle wieder in ihre Häuser zurückkehren. Das ist alles, was ich mir wünsche: Jeder soll in sein Haus zurückkehren."

Zerstörte Häuser in Homs | Bildquelle: ARD-Studio Kairo/Allmeling
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Einige Viertel von Homs gleichen einer Geisterstadt (Foto: Anne Allmeling/ARD Kairo)

Zwei Familien in Khaldiye - sonst niemand

Es sieht nicht danach aus, als ob das bald geschehen würde. Zwischen den haushohen Schuttbergen spielt Imans Tochter Mouna, sonst wirkt Khaldiye wie eine Geisterstadt. Von Wiederaufbau keine Spur. Die Bewohner haben das Viertel verlassen, als hier der Krieg einzog.

Seit fast drei Jahren haben die Regierungstruppen die Stadt wieder unter ihrer Kontrolle. Doch nach Khalidiye zurückgekehrt sind bislang gerade einmal zwei Familien, eine davon ist die von Iman. Ihr Mann arbeitet für den syrischen Staat; mit seinem Gehalt kann sich die Familie über Wasser halten. Sie fühle sich sicher hier, sagt Iman.

"Wir sind in unser Haus zurückgekehrt, weil es einfach unser Haus ist. Gibt es etwas Schöneres als das eigene Haus? Früher hatten wir hier Wasser und Strom. Seit der Staat die Wasser- und Stromversorgung wieder hergestellt hat, sind wir wieder zurück."

Während Iman spricht, hört ein Mitarbeiter des Informationsministeriums zu. Seine Begleitung ist Pflicht, wenn ausländische Journalisten nach Syrien kommen - egal, wo sie arbeiten.

Zerstörte Häuser in Homs | Bildquelle: ARD-Studio Kairo/Allmeling
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Auch wenn nicht mehr gekämpft wird: Der Wiederaufbau der zerstörten Viertel kommt nur sehr langsam voran. (Foto: Anne Allmeling/ARD Kairo)

"Das zweitschwierigste ist ein würdiges Leben"

Auch viele andere Orte in Syrien sind völlig zerstört. In Jobar, einem Vorort von Damaskus, hat Spiros Familie ihr Haus verloren - und ihren gesamten Besitz. Spiro sah für sich keine Zukunft mehr in Syrien. 2015 floh er nach Österreich. Da der junge Fotograf seine Mutter nicht nachholen konnte, kehrte er ein halbes Jahr später wieder nach Syrien zurück. Spiro hatte Glück: Sein ehemaliger Chef stellte ihn wieder ein. Trotzdem habe er Mühe, über die Runden zu kommen, sagt er.

"Die schwierigste Sache für einen Jugendlichen in Syrien ist, ein Haus zu finden. Die zweitschwierigste ist, ein würdiges Leben zu führen. Ich spreche hier nicht von Luxus, von Miami Beach oder so, sondern davon, ein einfaches und würdiges Leben zu führen, dass man Kleidung und Essen hat. Und ein bisschen Vorrat für die nächsten fünf oder sechs Monate."

Weil Spiros Vater bereits gestorben und er der einzige Mann in der Familie ist, müsse er keinen Wehrdienst leisten, sagt der 28-Jährige. Viele syrische Flüchtlinge in Europa dagegen fürchten, dass sie ins Militär eingezogen werden, wenn sie in ihr Heimatland zurückkehren - oder dass ihnen andere Gefahren drohen.

"Dem Regime können wir nicht vertrauen"

In der Provinz Idlib im Nordwesten des Landes wird weiter gekämpft. Die Hilfsorganisation Medico International berichtet von zwei Fällen, in denen Syrer nach ihrer freiwilligen Rückkehr aus Deutschland verhört wurden und verschwanden. Mehrmals hat die syrische Regierung deutlich gemacht, dass sie Rückkehrern als möglichen Vaterlandsverrätern misstraue.

Insgesamt sind in den vergangenen Jahren nach Angaben der Vereinten Nationen mehr als fünfeinhalb Millionen Menschen aus Syrien geflohen, die meisten in die Nachbarländer Türkei und Libanon. Einer von ihnen ist Abu Daham. Seit sechs Jahren lebt der Familienvater aus Aleppo in einem improvisierten Flüchtlingslager in der libanesischen Bekaa-Ebene: zusammen mit seiner Frau, seinen Kindern und Enkelkindern, in einem Zelt am Straßenrand.

"Was uns daran hindert, wieder nach Hause zurückzugehen, sind die Milizen, der IS, die Iraner, die Afghanen und all diese Gruppen, die aus allen Richtungen kommen, um uns in unserem Land zu töten. Und das Regime steht an der Spitze von allen. Wir wollen zurück, aber dem Regime können wir nicht vertrauen. Es heißt immer, wir seien jederzeit willkommen. Aber falls man das glaubt und nach Hause geht, findet man sich am nächsten Tag in Gefangenschaft wieder. Und am übernächsten Tag ist man tot."

Haft, Folter, Mord - Was syrische Flüchtlinge von einer Rückkehr abhält
Anne Allmeling, ARD Kairo
15.07.2019 00:14 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. Juli 2019 um 05:40 Uhr.

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