Carlos Ghosn | Bildquelle: AP

Ex-Renault-Chef türmt aus Japan Wer profitierte von Ghosns Flucht?

Stand: 04.01.2020 11:24 Uhr

Wie konnte Ex-Renault-Chef Ghosn trotz strengster Sicherheitsauflagen aus Japan fliehen? Hatte der Staat ein Interesse an der Flucht? Der Fall Ghosn wirft kein gutes Licht auf das japanische Justizsystem.

Von Bernd Musch-Borowska, zzt. ARD-Studio Tokio

Nach der Flucht des früheren Nissan-Chefs Carlos Ghosn nach Beirut wird in Japan darüber diskutiert, ob die Justiz in diesem Fall versagt hat. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie ein so prominenter und rund um die Uhr bewachter Verdächtiger trotz strenger Kautionsauflagen das Land verlassen konnte. Dies werde möglicherweise Auswirkungen haben auf das Justizsystem, sagte Hiroki Sasakura von der Keio University in Tokio der Tageszeitung "Japan Times". Die japanischen Gerichte hätten in letzter Zeit häufiger als früher Verdächtige auf Kaution auf freien Fuß gesetzt.

Dabei gilt das japanische Justizsystem als besonders streng. Verdächtige können lange in Untersuchungshaft gehalten werden, bevor überhaupt Anklage erhoben wird. Die Staatsanwaltschaften des Landes würden nur solche Fälle zur Anklage bringen, die sie sicher gewinnen können, heißt es. Japanische Menschenrechtsorganisationen kritisieren seit Langem die umfassende Macht der Anklagebehörden. Verdächtige würden so lange durch Verhöre mürbe gemacht, bis sie zu einem Geständnis bereit seien.

Ex-Nissan-Chef Ghosn hatte alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe stets zurückgewiesen. Er soll unter anderem Firmenkapital zweckentfremdet und private Verluste auf Nissan übertragen haben.

Fluchthelfer in der Regierung?

Es sei denkbar, dass seine Flucht im Interesse des Staates gewesen sei, sagte der in Japan tätige Wirtschaftsanwalt Stephen Givens der Nachrichtenagentur AP: "Das ist zu diesem Zeitpunkt reine Spekulation, aber man kann schon darüber nachdenken, wer in Japan an dieser Flucht beteiligt war, aktiv oder passiv". Es sei durchaus möglich, dass Teile der japanischen Regierung vorsätzlich ein Auge zugedrückt hätten, um die Flucht zu ermöglichen. "Denn das wäre ein sehr langes, sehr schmutziges Verfahren geworden, bei dem die japanischen Strafverfolgungsbehörden nicht gut ausgesehen hätten", so Givens.

Ghosn hatte seine Flucht aus Japan mit dem seiner Meinung nach unfairen japanischen Justizsystem begründet. Der frühere Konzernchef von Renault war am 19. November 2018 in Tokio wegen Verstoßes gegen Börsenauflagen festgenommen und angeklagt worden. Im April 2019 wurde er unter strengen Auflagen auf Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen. Er gilt als Architekt des internationalen Autobündnisses zwischen Renault, Nissan und Mitsubishi.

Von Osaka aus war Ghosn am vergangenen Wochenende offenbar mit zwei unterschiedlichen Privatjets über Istanbul nach Beirut geflogen. Wie der japanische Fernsehsender NHK berichtete, hat die Auswertung von Überwachungskameras ergeben, dass Ghosn sein Haus in Tokio allein verlassen habe. Japanische Medien hatten zuvor berichtet, der 65-Jährige sei in einem Kontrabass-Koffer versteckt aus dem Haus geschmuggelt worden.

Kein Auslieferungsabkommen mit Japan

Eine Auslieferung Ghosns, der neben der französischen und der brasilianischen auch die libanesische Staatsbürgerschaft besitzt, sei trotz Interpol-Haftbefehls ausgeschlossen, sagte Wirtschaftsanwalt Givens: "Der Verstoß gegen die Kautionsauflagen bringt ihn in Japan auf jeden Fall ins Gefängnis. Er hat also alle Brücken nach Japan abgebrochen". Da es aber kein Auslieferungsabkommen gebe, werde er nicht gegen seinen Willen nach Japan zurückgeschickt. "Er wird wohl bis zum Ende seines Lebens im Libanon bleiben. Und falls es in Japan zu einem Verfahren gegen ihn kommt, wird man sehen, welche Beweise dann vorgelegt werden", sagte Givens.

Die japanische Justiz werde nun Maßnahmen ergreifen müssen, um eine Flucht wie die des Ex-Nissan-Chefs künftig zu verhindern, sagte Yasuyuki Takai, ein prominenter Staatsanwalt, dem Fernsehsender NHK. Aus dem rechten politischen Lager werde bereits der Unmut darüber laut, dass man dem Druck westlicher Staaten nachgegeben habe, das Justizsystem zu liberalisieren.

Diskussionen über Versagen der Justiz nach Ghosn-Flucht
Bernd Musch-Borowka, ARD Japan
04.01.2020 14:55 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 04. Januar 2020 um 14:50 Uhr.

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