Menschen sitzen in einem Terrassencafé in Bordeaux. | Bildquelle: CAROLINE BLUMBERG/EPA-EFE/Shutte

Corona-Pandemie Frankreich zögert sich in die zweite Krise

Stand: 18.09.2020 05:00 Uhr

Frankreich ist längst wieder ein Corona-Hotspot. Doch die Regierung scheut landesweite Einschränkungen - aus Sorge vor einer Wirtschaftskrise. Viele nehmen das Virus nun auf die leichte Schulter.

Von Martin Bohne, ARD-Studio Paris

Frankreich ist erneut zu einem Hotspot der Corona-Pandemie geworden. Vor wenigen Tagen wurde erstmals die symbolische Grenze von 10.000 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden überschritten. Das Land liegt insgesamt schon deutlich über der Warngrenze für Risikogebiete von 50 Ansteckungen auf 100.000 Einwohner. Und in Paris und anderen Ballungsgebieten ist man längst im dreistelligen Bereich.

Premierminister Jean Castex konstatierte kürzlich die ganz offensichtliche Verschlechterung der Situation. Mediziner sprechen von einem exponentiellen Wachstum - und fordern die Regierung zu schweren Entscheidungen auf: "Je länger man Entscheidungen hinauszögert, um so sicherer werden wir zu einer Situation kommen, wo das Virus außer Kontrolle gerät", sagt der Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats, Jean-Francois Delfraissy.

Im Frühjahr hatten die Regierenden die Empfehlungen des virologischen Expertengremiums nahezu blind übernommen - was zu einem der härtesten Lockdowns in Europa führte. Aber das soll nicht mehr passieren - und so rückte Präsident Emmanuel Macron die Dinge zurecht: "Der Beirat sagt seine Meinung. Aber dann gibt es eine demokratisch gewählte Regierung, die die Entscheidungen trifft", betonte er.

Und die Regierung hat die Entscheidung getroffen, vorerst keine landesweiten Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens anzuordnen. "Unsere Strategie bleibt unverändert. Wir bekämpfen das Virus, aber wir legen unser kulturelles, soziales und wirtschaftliches Leben nicht still", sagte Jean Castex nach der Kabinettssitzung. "Wir bewahren uns die Fähigkeit, normal zu leben. Ja, wir müssen noch einige Monate mit dem Virus leben, aber es kann keinen allgemeinen Lockdown geben."

Lange Warteschlange vor einer Corona-Teststation in Paris. | Bildquelle: REUTERS
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Lange Warteschlange vor einer Corona-Teststation in Paris.

Regionen sollen strengere Regeln durchsetzen

Mit dem Virus leben lernen, heißt die Devise. Beschlossen wurden daher eher kleine Schritte: Die Nachverfolgung der Ansteckungsketten soll verbessert werden, die derzeit viel zu langen Wartezeiten von bis zu einer Woche auf Corona-Tests und Testergebnisse sollen durch die Konzentration auf Risikopersonen verkürzt werden. Positiv getestete und deren Kontaktpersonen werden verpflichtet, sich in eine - auf sieben Tage reduzierte - Quarantäne begeben. Und das soll nun auch kontrolliert werden.

Die Verantwortung für schärfere Maßnahmen wird an die regionale Ebene delegiert. Zwei besonders betroffenen Ballungsgebiete, Marseille und Bordeaux, untersagten daraufhin unter anderem Treffen von mehr als zehn Personen im öffentlichen Raum.

Vor landesweiten Kontaktbeschränkungen schreckt die Regierung vorerst noch zurück, obwohl gerade Familienfeiern und Jugendpartys als Hauptgrund für die Zunahme an Ansteckungsfällen gelten. Die Regierung appeliert vielmehr an das Verantwortungsgefühl der Menschen. Unterstützt durch recht drastische Werbespots: Bilder von einer Geburtstagsfeier für die Großmutter, alle umarmen und drücken sich, geben sich Küsschen. Schnitt - die Großmutter liegt auf der Intensivstation. Pflegekräfte kommen herbeigeeilt - und eine Stimme sagt: "Wir können alle betroffen sein, also schützen wir uns alle. Durch das Einhalten der Abstandsregeln."

Gut zureden zeigt bei der Jugend wenig Wirkung

Das Gut-Zureden zeigt noch keine große Wirkung. Zwar wird die in Paris und etlichen weiteren Städten geltende Maskenpflicht auch im Freien weitgehend respektiert - es drohen ja auch 135 Euro Strafe -, aber auf den Terrassen der Cafés und Bars sitzt man dichtgedrängt. Vor allem junge Leute setzen sich über die Hygieneregeln hinweg. Aufsehen erregten Bilder von Hunderten Fans des Fußball-Erstligisten Olympique Marseille, die frenetisch die Spieler nach ihrem Sieg über PSG Paris feierten - ohne Sicherheitsabstände, ohne Schutzmasken und unbehelligt von der Polizei.

Möglicherweise liegt es daran, dass die Seuche im Vergleich zum Frühjahr wesentlich harmloser wirkt. Zumeist sind jüngere Leute betroffen, die kaum Symptome zeigen. Es sterben derzeit nur relativ wenige Menschen an Covid-19, während zu den Hochzeiten der Pandemie täglich mehrere Hundert Opfer zu beklagen waren. Und es fehlen die angsteinflößenden Bilder von überbelegten Intensivstationen.

BIP schrumpft - obwohl die Konjunkturhilfe wirkt

Macron und seine Regierung wollen vor allem aus ökonomischen Gründen weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens vermeiden. Der Lockdown im Frühjahr hat zu einem beispiellosen Einbruch der wirtschaftlichen Aktivität geführt, deutlich stärker als in Deutschland. Die französische Wirtschaft leidet auch deshalb stärker als andere, weil schwer getroffene Branchen wie Luftfahrt und Tourismus relativ viel Gewicht haben. Der Staat intervenierte von Anfang an massiv, um die Folgen abzufedern. Ganz im Sinne des Versprechens von Präsident Macron: "Wir werden alles tun, um unsere Arbeitnehmer und unsere Unternehmen zu schützen. Koste es, was es wolle", versprach er damals.

Ein gigantischer Rettungsschirm wurde aufgespannt: staatliche Kreditbürgschaften für existenzbedrohte Unternehmen in dreistelliger Milliardenhöhe und eine beispiellos großzügige Kurzarbeitsregelung. Und in der Tat konnten dadurch bislang eine große Welle von Firmenpleiten und Massenentlassungen vermieden werden. Anfang des Monats stellte Premier Castex noch ein zusätzliches 100-Milliarden-Euro-Paket zur Wiederankurbelung der Wirtschaft vor: "Dieser Wiederaufbauplan mit 100 Milliarden Euro, das ist das massivste Konjunkturpaket unter allen großen europäischen Staaten. Damit werden wir 2022 wieder das Vorkrisenniveau erreichen", gab er als Ziel aus.

Knapp ein Drittel des Konjunkturpakets soll den ökologischen Wandel vorantreiben - durch die Entwicklung des Bahnverkehrs und der Fahrradnutzung, durch die energetische Gebäudesanierung sowie durch die Förderung von sauberen Energien und Technologien. 35 Milliarden Euro sollen verwendet werden, um die Unternehmen wettbewerbsfähiger zu machen, vor allem durch die Senkung von Steuern. Der dritte Schwerpunkt ist die Beschäftigungsförderung, vor allem über berufliche Qualifizierungsmaßnahmen.

Nach der neuesten Prognose der Banque de France wird das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um knapp neun Prozent schrumpfen. Schlimm genug, aber immerhin eine günstigere Prognose als noch vor wenigen Wochen.

Notfallmediziner beklagen widersprüchliche Ansagen

Bei der Begrenzung der wirtschaftlichen Auswirkungen der Gesundheitskrise kann die Regierung also durchaus einige Erfolge vorweisen. Aber die Botschaft dringt nicht durch. Anfang des Monats trauten nur rund ein Drittel der Befragten in einer Meinungsumfrage Präsident und Regierungschef zu, die Probleme des Landes in den Griff zu bekommen.

Das komme nicht von ungefähr, meint Philippe Juvin, Chef der Notaufnahme im größten Pariser Krankenhaus. Er stellt der Regierung im Fernsehsender BFM ein miserables Zeugnis aus: "Die Krise wurde schlecht gemanagt, weil es besonders zu Anfang an allem fehlte, weil die Organisation sehr schlecht war und weiter ist", sagt er.

Erst wurde das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes als unsinnig, ja kontraproduktiv dargestellt, inzwischen gilt die Maske als Allheilmittel. Zumindest gibt es davon mittlerweile mehr als genug. Auch getestet wird mittlerweile sehr viel, mehr als eine Million Tests in der Woche. Aber dennoch bilden sich lange Schlangen vor den Testlabors. Die Nachverfolgung der Ansteckungsketten funktioniert nur schlecht, die in Frankreich entwickelte StopCovid App ist ein kompletter Fehlschlag.

Und das fehlende Vertrauen in die Regierung werde selbst zum Problem, meint der Notfallmediziner Juvin. Die Apelle der Behörden, die Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten, würden so von vielen nicht respektiert: "Die Leute bringen der Regierung kein Vertrauen entgegen, wie denn auch bei den sich häufig widersprechenden Ansagen?"

10.000 Corona-Fälle in Frankreich – Und nun?
Martin Bohne, ARD Paris
16.09.2020 13:58 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 18. September 2020 um 10:23 Uhr, 10:44 Uhr und 12:31 Uhr.

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