Ein Demonstrant kniet während einer Demonstration von Impfgegnern in Wien (Österreich) auf dem Boden.  | dpa
Europamagazin

Impfgegner in Österreich "Das ist nicht a bissl Shitstorm"

Stand: 31.01.2022 18:53 Uhr

Die meisten Österreicher akzeptieren das neue Gesetz zur Impfpflicht, doch ein kleiner Teil der Gegner und Skeptiker hat sich in den vergangenen Wochen radikalisiert. Immer häufiger werden Grenzen überschritten.

Von Anna Tillack, ARD-Studio Wien

Wer in die Praxis von Dr. Lisa-Maria Kellermayr im oberösterreichischen Seewalchen möchte, muss an einem schwarz gekleideten Herren vorbei, der breitbeinig in der Tür steht. Wenn seine tätowierten Hände das Sakko zur Seite schieben, kommt am Gürtel eine Waffe zum Vorschein - keine Schreckschusswaffe, eine scharfe Waffe.

Anna Tillack ARD-Studio Wien

Dr. Kellermayr ist Hausärztin. In ihrer Praxis behandelt sie Kreuzschmerzen, Bluthochdruck, Infektionen - seit einigen Monaten impft sie auch gegen Covid-19 und wurde damit zur Hassfigur von Impfgegnern. Folgender Drohbrief erreichte sie auf Ihrer Mailadresse:

Betreff: Ich werde dich hinrichten. Hallo, du dummes Stück Scheiße, du kannst mir gerne mit Anwälten drohen, aber kriegen werdet ihr mich sowieso nicht. Stattdessen habe ich nun beschlossen, dich zu kriegen. Wenn ich schon einmal dabei bin werde ich selbstverständlich alle Mitarbeiter deiner Praxis auch abschlachten. Ich bin bewaffnet und habe eine Schrotflinte…

"Sehr konkrete Drohungen"

An dem Tag, als die Nachricht sie erreichte, sagt Kellermayr, habe sie ihre Praxis geschlossen - schließlich habe sie eine Verantwortung für Mitarbeiter und Patienten. Und es gehe um Drohungen, die mehrere Jahre Freiheitsstrafe nach sich ziehen können. Das, so Kellmayr, "ist nicht a bissl Shitstorm, a bissl Schimpfen auf YouTube, 'Fette Sau' oder sonst was, das sind sehr konkrete Drohungen."

Seit in Österreich die Impfpflicht beschlossen wurde, habe sich die Situation nochmal verschärft, sagt sie. Ein kleiner, aber harter Kern an Impfgegnern verweigert sich hartnäckig politischen Maßnahmen. Diese Menschen sind nicht mehr erreichbar, haben sich in ihre eigene Welt zurückgezogen, wo sie sich zunehmend radikalisieren.

Auf den Großdemonstrationen in Wien war das besonders deutlich zu sehen. Unter die Demonstrierenden mischten sich behördlich bekannte Neonazis und Identitäre wie Martin Sellner. Immer wieder kam es zu Eskalationen.

Auch Kinder werden angegrölt

Vor rund einer Woche wurde bei Coronaprotesten erneut eine Grenze überschritten. Ein Demozug in Linz wendete direkt an einem Kinderhort. Als die Kinder neugierig aus dem Fenster schauten und die Demonstrierenden deren Masken sahen, wurde gegrölt, man solle die Kinder von ihren Masken befreien.

Demo-Teilnehmer begannen, die Kinder zu fotografieren und zu filmen. In einer Mail des Trägervereins an die Eltern heißt es, man sei schockiert und die Kinder "traumatisiert" von den Vorfällen. Eine Mutter vor dem Kinderhort wirkt fassungslos, man solle ihre Kinder künftig in Ruhe lassen - was hier geschehe sei "Wahnsinn" und "jenseits von Gut und Böse".

Wird das Gewaltpotential wahrgenommen?

Die Liste der Vorfälle wird immer länger: Eine Demonstration der Impfgegner belagerte vor einigen Wochen ein Krankenhaus in Wels, Ärzte berichten von Vandalismus an der Praxis und aufgestochenen Reifen. Dr. Kellermayr glaubt nicht, dass das Gewaltpotential, das hier schlummert, ausreichend erkannt wird und geeignete Gegenmaßnahmen getroffen werden.

Kürzlich gab der Staatsschutz eine Liste mit Informationen zu möglichen Schutzmaßnahmen für Ärztinnen und Ärzte heraus, in der auf das Installieren einer Alarmanlage hingewiesen wird sowie auf einen vorsichtigen Umgang mit Postsendungen. In Bezug auf Hasskriminalität rät das Schreiben, unverzüglich Anzeige zu erstatten. Genau das, sagt Kellermayr, habe sie mehrfach getan. Doch die Morddrohung kam anscheinend aus dem Darknet. Der tatsächliche Absender lässt sich nicht identifizieren.

Dr. Lisa-Maria Kellermayr

Dr. Lisa-Maria Kellermayr im oberösterreichischen Seewalchen fühlt sich angesichts der Drohbriefe nicht mehr sicher.

Seit November ist der Mann von der Sicherheitsfirma nun in der Hausarztpraxis angestellt - was für die Ärztin zusätzliche Ausgaben von bisher 16.000 Euro bedeutet. Kellermayr zahlt ihn aus eigener Tasche - so wie auch die anderen Sicherheitsmaßnahmen, die notwendig waren.

So installierte die Ärztin inzwischen Notfallknöpfe in der ganzen Praxis, den Serverraum hat sie mit Sicherheitstüren zu einen Panicroom umfunktioniert. Sie bewege sich nicht mehr unbewaffnet, in der Tasche habe sie immer ein Pfefferspray dabei. Auf die Frage ob sie Angst habe, wenn sie morgens zur Arbeit gehe, hält sie kurz inne. "Ich gehe nicht mehr zur Arbeit, ich bleibe hier in der Praxis auf der Couch."

Diese und weitere Reportagen zeigte am 30.01.2022 das "Europamagazin".

Über dieses Thema berichtete das Europamagazin am 30. Januar 2022 um 12:45 Uhr.