Ein Sicherheitsventil für die Gaspipeline Nordstrem2 in Lubmin | dpa

Pipelines und Kabel Wie sicher ist die Unterwasser-Infrastruktur?

Stand: 29.09.2022 05:52 Uhr

Gas- und Stromleitungen und gigantische Internetkabel liegen auf den Meeresböden - sie seien zu neuen Zielen für Cyberkriminelle und feindliche Staaten geworden, warnen Sicherheitsexperten der EU und der NATO.

Von Helga Schmidt, ARD-Studio Brüssel

Die Explosionen haben es ans Licht gebracht: Pipelines liegen relativ ungeschützt auf dem Meeresboden. Offensichtlich können solche Leitungen beschädigt werden, von innen oder von außen, ohne dass dabei großes Aufsehen erregt wird.

Helga Schmidt ARD-Studio Brüssel

Wie sicher sind die Leitungen unter Wasser eigentlich, die uns mit Gas und Strom versorgen, wie zum Beispiel die mehr als 1000 Kilometer langen Starkstromkabel in der Ostsee, die Strom von Finnland nach Deutschland bringen? Das wird schon seit Jahren von Sicherheitsexperten in Brüssel diskutiert, in der EU und bei der NATO - und die Bestandsaufnahme fällt seit Jahren kritisch aus.

Neue Ziele für Cyberkriminelle

"Die kritische Infrastruktur sichert unser Leben, unsere Arbeit und unser Funktionieren als Gesellschaft", sagt David van Weel, er ist bei der NATO für neue Bedrohungen zuständig. Die Leitungen, Pipelines und Kabel der Infrastruktur seien zu einem Ziel für Cyberkriminelle und feindliche Staaten geworden - das nehme zu, und nach seiner Einschätzung verwischen dabei immer mehr die Grenzen zwischen Frieden, Krisen und Konflikt.

Kaum geschützt auf dem Meeresboden liegen nicht nur Gas- und Stromleitungen, sondern auch gigantische Internetkabel, die fast die gesamte Kommunikation rund um den Globus sichern. Fast 400 Seekabel mit einer Länge von rund 1,3 Millionen Kilometern liegen auf dem Meeresboden. Sie transportieren Daten, verbinden Kontinente, Firmen und Kunden, die was bestellen. Auch die Daten der Cloud  liegen nicht in den Wolken, sondern unter dem Wasser der Ozeane.

Seit Jahren weisen Geheimdienste und Militärs darauf hin, dass Russland und China gezielt die Unterwasserstruktur der NATO-Länder ausspionieren. "Die NATO hat wichtige Maßnahmen ergriffen, um auf die neuen Bedrohungen zu reagieren", berichtet Sicherheitsexperte van Weel. Angriffe auf die Infrastrukturen seien besondere Angriffe, die unter bestimmten Umständen als so gravierend bewertet werden könnten "wie ein bewaffneter Angriff".

NATO: Moskaus Unterseestreitkräfte immer aktiver

Das Anzapfen von Unterseekabeln kann Russland und China wertvolle Informationen liefern. Und wenn die Kabel beschädigt würden, wäre die Kommunikation zwischen den USA und den NATO-Verbündeten durchtrennt. Mit dramatischen Folgen auch für die Wirtschaft. Der Datenverkehr über den Atlantik verdoppelt sich im Moment alle zwei Jahre.

Bei der NATO heißt es, dass Moskaus Unterseestreitkräfte immer aktiver werden - hochmoderne U-Boote mit einer Tauchtiefe bis zu 6000 Metern könnten bis zu den Transatlantikkabeln auf dem Meeresgrund tauchen. Dagegen fehlen auf westlicher Seite U-Boote, die in den enormen Tiefen Wartungen und Kontrollen vornehmen.

Die Europäische Union habe das Problem der Verletzbarkeit ihrer Infrastruktur immerhin erkannt, erklärte Justizkommissar Didier Reynders gestern: "Zum Glück haben wir Maßnahmen zum Schutz der kritischen Infrastruktur ergriffen, im Sommer wurde das eingeleitet."

Allerdings muss der Brüsseler Justizkommissar zugeben: Das alles steht erst am Anfang, die Mitgliedsländer müssen die Maßnahmen zum Schutz der Energieversorgung, des Trinkwassers und der digitalen Infrastruktur erst noch umsetzen. Nach den Ereignissen an den Gas-Pipelines müsse das aber beschleunigt werden.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 29. September 2022 um 05:46 Uhr.