Karte von Bornholm mit den Pipelines Nord Stream 1 und 2
Interview

Lecks an Nord Stream 1 und 2 Wie könnte ein Angriff abgelaufen sein?

Stand: 28.09.2022 16:21 Uhr

Wohl kaum noch jemand zweifelt an einer Attacke auf die Ostsee-Pipelines. Aber wie liefen sie ab? Bundeswehr-Kommandeur Giss schildert im NDR-Interview mögliche Szenarien - und was sich gegen künftige Attacken machen lässt.

NDR Info: Wie ist es möglich, eine derart massive Konstruktion zu beschädigen, wie könnte eine solche Aktion abgelaufen sein?

Michael Giss: Wenn Sie mir erlauben, würde ich vielleicht noch eine Vorbemerkung dazu machen: Aus unserer Sicht ist natürlich die Aufeinanderfolge der Teilmobilmachung Russlands, der "Referenden" und jetzt die Geschichte mit der Pipeline eine sehr bemerkenswerte Abfolge der Ereignisse.

Also, wir wissen: Es gab Detonationen im Vorfeld dazu und wir haben die entsprechenden Luftbilder der dänischen Luftwaffe zur Verfügung. Es bleibt im Moment noch etwas hochspekulativ, aber ich denke, aufgrund der Tiefenverhältnisse könnte man sicherlich mit Tauchern etwas machen - da sind wir so bei etwa einer Tiefe von 50 Metern begrenzt.

Aber wir wissen auch, dass es bei der russischen Marine Drohnen gibt - oder auch Kleinst-U-Boote -, die man für solche Zwecke nutzen könnte. Ich möchte auch nicht ausschließen, dass man vielleicht schon im Vorfeld beim Bau der Pipeline bestimmte Maßnahmen getroffen hat, um ein solches Ereignis auszulösen.

Michael Giss | picture alliance / Christian Cha
Zur Person

Kapitän zur See Michael Giss leitet seit 2018 das Bundeswehr-Landeskommando Hamburg. Zuvor war er stellvertretender Kommandant des Landeskommandos Mecklenburg-Vorpommern.

NDR Info: Aber wir reden hier von einer Tiefe von bis zu 70 Metern. Ist das dann tatsächlich für Taucher noch zu bewerkstelligen?

Giss: Es gibt Taucher, die auch so etwas können. Die springen da natürlich nicht einfach aus einem Schlauchboot heraus und gehen da mal schnell herunter. Da braucht man entsprechende Schiffe mit einer entsprechenden Ausrüstung.

Theoretisch ist so etwas möglich, ich halte es aber persönlich für sehr, sehr aufwendig und denke, dass man sich da anderer technischer Mittel bedient hat. Ich denke, eine Drohne oder Kleinst-U-Boote sind da die Mittel der Wahl.

NDR Info: Und wäre das dann tatsächlich eine Operation in der Tiefe, die unentdeckt bleiben würde? Die Explosionen wurden registriert und beobachtet, aber ansonsten nichts. Warum hat das niemand mitbekommen?

Giss: Ja, also für mich spricht das nämlich genau dafür, denn das sind kleine Instrumente, die sich auch unter einem zivilen Mantel gut verbergen lassen. Da muss kein großes Kriegsschiff anrücken mit entsprechender Ausrüstung, das sofort Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde.

NDR Info: Lassen Sie uns noch mal auf die Frage zurückkommen, wie groß die Gefahr ist, dabei entdeckt zu werden. Wie weit ist denn die Ostsee militarisiert, wie viele NATO-Schiffe sind im Einsatz und welche Überwachungsszenarien gibt es dort?

Giss: Die Ostsee wird durch die NATO-Seestreitkräfte im Großen und Ganzen sehr gut überwacht. Deutschland hat da auch eine gewisse Führungsrolle.

Und aus diesem Grunde glaube ich eben nicht, dass es hier um den Einsatz größerer russischer Seestreitkräfte geht. Da bin ich mir sehr sicher. Das hätte die Marine der NATO, die dort im Einsatz sind, mit Sicherheit entdeckt.

NDR Info: Anschläge auf Infrastruktur, also zum Beispiel auf Straßen, auf Brücken, sind ja Teil möglicher Bedrohungsszenarien, auch bei bei der Bundeswehr. Inwieweit bereitet sich die Bundeswehr und die NATO auf solche Szenarien vor?

Giss: Die NATO hat bereits seit dem 24. Februar entsprechende Vorbereitungsmaßnahmen getroffen. Unter anderem haben die Truppen der NATO ihre Einsatzbereitschaft erhöht. Auch die Bundeswehr reagiert sehr entschlossen: Gerade wurde das neue territoriale Führungskommandos der Bundeswehr in den Dienst gestellt, das den Einsatz der Bundeswehr im Inneren von der Krise bis in den Krieg hinein dann aus einer Hand regelt.

Ein Schwerpunkt bildet dann auch die Reaktion der Bundeswehr auf sogenannte hybride Bedrohungen. Und das, was wir jetzt bei den Nord-Stream-Pipelines erleben ist eben ein klassischer Fall einer hybriden Bedrohung. Und darauf stellt sich die Bundeswehr dann auch in anderen Dimensionen hier in Deutschland ein.

NDR Info: Das bedeutet, die militärische Überwachung wird erhöht?

Giss: Die militärische Aufmerksamkeit wird erhöht.

NDR Info: Gibt es denn eine Botschaft, die Sie aus einer solchen Tat herauslesen, wie wir sie jetzt ja für die Ostseepipeline vermuten?

Giss: Eine Botschaft könnte sein: "Schaut her, was wir alles können, wie weit unsere Fähigkeiten gehen - und seid Euch nirgendwo sicher!".

Das Interview führte Andreas Sperling, NDR Info