Der türkische Präsident Erdogan gestikuliert | Bildquelle: AFP

Erdogan droht Kurden Ist nach Afrin der Nordirak dran?

Stand: 14.03.2018 15:31 Uhr

In Nordsyrien ist die Offensive der türkischen Armee nach eigener Darstellung erfolgreich - jetzt hat Präsident Erdogan auch militanten Kurden im Nordirak gedroht. In Afrin leiden Hunderttausende Menschen.

Die Türkei will ihren Kampf laut Präsident Recep Tayyip Erdogan unmittelbar nach einem Sieg im nordsyrischen Afrin auf den Irak ausweiten. "Wir werden den Terroristen dort in Kürze sehr kräftig auf die Füße treten", kündigte Erdogan an. Schon jetzt gehe man bei jeder Gelegenheit gegen dortige "Terrornester" vor.

Die komplette Einnahme Afrins stehe unmittelbar bevor. "Ich hoffe, Afrin wird bis heute Abend vollständig fallen", sagte Erdogan zwei Monate nach Beginn der Militäroffensive zur Errichtung einer Pufferzone gegen die Kurden in dem Nachbarland. Später relativierten Mitarbeiter diese Aussage: Erdogan habe damit nur die Umzingelung der Stadt gemeint.

Die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu hatte schon gestern gemeldet, die Armee habe mit der Belagerung der Stadt Afrin. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte und der YPG war zunächst allerdings noch ein schmaler Korridor nach Afrin offen, der aber im Schussfeld der türkischen Truppen lag.

Jungen bei der Flucht auf Afrin | Bildquelle: AFP
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Tausende Menschen sind auf der Flucht aus Afrin.

Bündnis mit Bagdad?

Das Vorgehen gegen Kurden im Irak käme nicht überraschend. Außenminister Mevlüt Cavusoglu hatte bereits vergangene Woche gesagt, die Türkei und die irakische Zentralregierung könnten nach der irakischen Wahl im Mai eine gemeinsame Militäroperation gegen militante Kurden starten.

Die Türkei befürchtet, dass in den beiden Nachbarstaaten Syrien und Irak ein geschlossenen Kurdengebiet entlang ihrer Grenze entsteht. Dies könnte nach Befürchtungen der islamisch-konservativen Regierung kurdische Unabhängigkeitsbestrebungen auch in der Türkei befördern. Auch auf türkischer Seite wird der Südosten des Landes von der kurdischen Bevölkerungsgruppe dominiert.

Wasserversorgung unterbrochen

In der Stadt Afrin verschlechtert sich die Versorgungslage für die Zivilbevölkerung täglich. Nach Angaben der Vereinten Nationen unterbricht die Türkei bereits seit einer Woche die Wasserversorgung für die Stadt. Tausende Menschen seien in die Flucht getrieben worden. Nach Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte sind in der Stadt und ihrem Umland 300.000 Menschen eingeschlossen. Dies lässt sich nicht überprüfen.

Auch Kämpfer der kurdischen YPG-Miliz bestätigten die desolate Lage für die Zivilbevölkerung und den Verlust eines Staudamms an die türkischen Truppen. Seitdem gebe es kein Wasser. Die Türkei sieht die YPG als Terrororganisation und verlängerten Arm der PKK, gegen die sie ebenfalls mit Härte vorgeht. Die PKK unterhält auch in den Bergregionen im Nordirak eigene Stützpunkte nahe der türkischen Grenze.

Syrer gehen an einem zerstörten Gebäude in der Rebellen-Region Ost-Ghouta vorbei. | Bildquelle: AFP
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Bei den Kämpfen um die Rebellenregion Ost-Ghouta wurden im vergangenen Monat mehr als 1000 Menschen getötet.

Russen bombardieren Ost-Ghouta

Auch am zweiten Brennpunkt des Krieges in Syrien - der Region Ost-Ghouta nahe Damaskus - halten die heftigen Kämpfe an. Bei Bombardierungen durch russische Kampfflugzeuge seien zwölf Mitglieder der mit Katar verbündeten Kämpfer der islamistischen Failak al-Rahman getötet worden, berichtete die Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Unter ihnen seien drei Feldkommandeure.

Die von Russland unterstützten Truppen des syrischen Machthabers Baschar al-Assad stehen offenbar kurz vor der Eroberung der letzten größeren Rebellenhochburg nahe Damaskus. Seit gestern werden Verletzte aus dem Gebiet gebracht. Der syrische Rote Halbmond kündigte an, ein weiterer Hilfskonvoi solle morgen in die besonders stark betroffene Stadt Duma geschickt werden. Bei der Offensive der syrischen Regierungstruppen auf Ost-Ghouta wurden laut UN-Angaben in fast einem Monat mehr als 1100 Zivilisten getötet.

Assad kündigte an, den militärischen Konflikt so lange weiterzuführen, "solange noch ein Terrorist übrig ist". Er beschuldigte den Westen, das Land spalten zu wollen.

Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte

Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (Syrian Observatory for Human Rights, SOHR) sitzt in Großbritannien und will Menschenrechtsverletzungen in Syrien dokumentieren. Sie bezeichnet sich als unabhängig. Die Informationen der Beobachtungsstelle lassen sich nicht unabhängig überprüfen.  

Erdogan will Afrin heute fallen sehen
Christian Buttkereit, ARD Istanbul
14.03.2018 17:50 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 14. März 2018 um 15:11 Uhr.

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