Straße in einem ultra-orthodoxen Viertel in Jerusalem | Bildquelle: ABIR SULTAN/EPA-EFE/Shutterstock

Coronavirus in Israel Viele Infektionen unter Ultraorthodoxen

Stand: 30.09.2020 16:52 Uhr

Unter strengreligiösen Juden in Israel verbreitet sich das Coronavirus besonders schnell. Viele halten sich nicht an die staatlichen Corona-Regeln. Derweil genehmigte das Parlament ein umstrittenes Gesetz gegen Proteste.

In Israel gibt es besonders viele Corona-Infektionen in der Gemeinschaft der ultraorthodoxen Juden. Sie machen 34 Prozent aller Fälle im Land aus, während der Anteil der Orthodoxen an der Gesamtbevölkerung bei rund 12 Prozent liegt. Das berichtet die Zeitung "Haaretz" und beruft sich dabei auf das israelische Gesundheitsministerium. Bei 25 bis 33 Prozent der Tests innerhalb der Gemeinschaft werde eine Infektion festgestellt, sagte ein Sprecher des Ministeriums.

In ultraorthodoxen jüdischen und arabischen Wohnvierteln hatte es zuletzt hohe Infektionszahlen gegeben. Dort leben häufig größere Familien auf engem Raum. Viele Mitglieder der arabischen Minderheit und viele strengreligiöse Juden fühlten sich schon vor Beginn der Corona-Krise nicht vom Staat Israel vertreten. Sie leben teilweise in einer Art Parallelwelt und folgen eher den Vorgaben ihrer eigenen Führung als denen des Staates.

Weiterer Anstieg der Infektionszahlen befürchtet

Am Feiertag Jom Kippur beteten Hunderte Strengreligiöse entgegen der Corona-Regeln zusammen in Synagogen. Befürchtet wird nun ein weiterer Anstieg der Infektionszahlen. Das Gesundheitssystem gerät derweil zunehmend unter Druck: Nach Angaben des Gesundheitsministeriums gelten derzeit 810 Menschen als schwer erkrankt. Experten hatten zuletzt 800 solcher Fälle als kritische Marke für eine Überlastung des Gesundheitssystems genannt.

Israel hat gemessen an der Einwohnerzahl eine der höchsten Infektionsraten weltweit. Landesweit wurden bislang mehr als 237.000 Infektions- und mehr als 1500 Todesfälle verzeichnet. Für die etwa neun Millionen Einwohner gelten derzeit strenge Ausgangsbeschränkungen: Vorerst bis zum elften Oktober haben die meisten Firmen, Märkte, Schulen, Kultureinrichtungen und religiösen Stätten geschlossen. Die Menschen dürfen sich maximal einen Kilometer von ihrem Zuhause entfernen, außer um Lebensmittel oder Medikamente zu besorgen oder zum Arzt zu gehen.

Gesetz schränkt Demonstrationsrecht ein

Das kann nun auch für Demonstrationen gelten, diese zählten bislang zu den Ausnahmen: Das Parlament hat ein entsprechendes Gesetz verabschiedet. Damit dürfen Bürgerinnen und Bürger während des kompletten Lockdowns nur noch an Demonstrationen teilnehmen, wenn diese weniger als 1000 Meter von ihrem Zuhause entfernt stattfinden.

Die Opposition kritisiert das Gesetz scharf. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu hatte Demonstrationen wegen der Ansteckungsgefahr als Brutstätten des Virus bezeichnet. Kritiker halten ihm vor, er wolle mit den Maßnahmen Proteste gegen sich verhindern. Seit Juni fanden wöchentlich samstags Demonstrationen gegen den Regierungschef statt. Zu den Teilnehmern gehören viele, die hart von den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie getroffen wurden. Der Regierungschef steht wegen seiner Corona-Politik und wegen Korruptionsvorwürfen massiv in der Kritik.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. September 2020 um 05:45 Uhr.

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