Männer in Schutzkleidung tragen einen in weißes Tuch gehüllten Leichnam eines Corona-Toten zu einem Friedhof in Teheran. | Bildquelle: dpa

Corona im Iran Mit Beruhigungspillen gegen das Virus

Stand: 01.04.2020 20:31 Uhr

Das Coronavirus breitet sich auch im Iran weiter aus: Es gab Tausende neue Fälle binnen 24 Stunden. Doch die Regierung zeichnet ein wesentlich positiveres Bild der Krise.

Von Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul

Eine makabere Szene auf dem Basar der südiranischen Stadt Khoramshar: Vier als Sensenmänner verkleidete Mitarbeiter der Stadtverwaltung schreiten durch die Gassen. Sie wollen damit vor der Gefahr durch Corona warnen.

Viele Iraner nehmen das bedrohliche Virus immer noch nicht ernst genug. Müssen sie wohl auch nicht mehr, wenn es nach den Worten von Präsident Hassan Rouhani geht: 

"Wir können heute sehen, dass es in den meisten Provinzen einen rückläufigen Trend bei der Verbreitung dieses gefährlichen Virus gibt. Heute Nacht, als ich die Zahlen bekommen habe, gab es sogar in allen Provinzen einen Abwärtstrend. Es ist sehr erfreulich zu sehen, dass Ärzte, Experten und wir alle den richtigen Weg eingeschlagen haben."

Der iranische Präsident Hassan Rouhani spricht am 1. April 2020 im Parlament zur Corona-Krise. | Bildquelle: VIA REUTERS
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Laut Präsident Hassan Rouhani geht die Ausbreitung des Coronavirus im Iran zurück.

Bereits mehr als 3000 Todesfälle

Rouhanis Äußerung war nicht als Aprilscherz gedacht. Dennoch mögen die  beruhigenden Worte des Präsidenten nicht so recht zu den aktuellen Daten passen. Zum Zeitpunkt seiner Rede hatte die Zahl der Corona-Toten im Iran bereits 3000 überschritten.

Insgesamt liegt die Zahl der Infektionen im Iran bei 47.593. Circa 15.500 Fälle gelten als inzwischen geheilt. Der Notfalldirektor der Weltgesundheitsorganisation, Rick Brennan, schätzte nach einem Besuch im Iran in der vergangenen Woche die tatsächliche Zahl der Toten mindestens fünfmal höher als offiziell angegeben.

Probleme wegen US-Sanktionen

Dass es im Kampf gegen das Virus durchaus Fortschritte gibt, sagen aber auch Menschen, die unmittelbar mit den Patienten zu tun haben. Etwa der Teheraner Rettungssanitäter Mohammed Javad Nami gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters:

"Zu Beginn der Krise war es sehr schwierig. Die ganze Koordination steckte noch in der Anfangsphase. Es gab Probleme aufgrund der US-Sanktionen - etwa, dass wir zu wenig Atemmasken, Schutzanzüge oder Desinfektionsmittel hatten. Das hat sich geändert, weil vieles von dem, was wir benötigen, jetzt hier im Land hergestellt wird."

Mit der ersten Lieferung über die neue europäisch-iranische Tauschplattform Instex hat es jedenfalls nichts zu tun. Zwar wurden Medikamente im Wert von knapp einer halben Million Euro in den Iran geliefert, doch die stehen laut Instex-Chef Bock mit Corona nicht in Verbindung.

Folgen auf neue Reisewelle neue Infektionen?

Dass die Neuinfektionen langsamer ansteigen, könnte auch nur eine Momentaufnahme sein. In diesen Tagen enden die iranischen Neujahrsferien. Da es zu Beginn der Ferien keine  Reisebeschränkungen gab, waren einige Millionen Iraner zu den traditionellen Familien- und Verwandtenbesuchen aufgebrochen. Sie kehren nun zurück - möglicherweise mit dem Virus im Gepäck.

Szenen aus der Stadt Isfahan zeigen eine Beisetzung auf einem neu angelegten Teil des Friedhofs. Sechs Männer in weißen Schutzanzügen betten den Plastiksack mit dem Leichnam ins Gab, während die Trauergemeinde einen Sicherheitsabstand von etwa 15 Metern einhalten muss.

Die Friedhofsverwaltung der Hauptstadt Teheran geht noch einen Schritt weiter, wie ihr Chef Saeid Khal deutlich macht: "Ich habe eine große Bitte: Nämlich, dass diese Woche keine Leute auf den Friedhof kommen. Wenn nötig, werden wir die Tore der Friedhöfe absperren."

Kommen Sie nicht auf den Friedhof - dieser gut gemeinte Ratschlag könnte ebenso makaber verstanden werden, wie die Sensenmänner auf dem Basar von Khoramshar.

Über 3.000 Corona-Tote im Iran? Regierung beruhigt.
Christian Buttkereit, ARD Istanbul
01.04.2020 19:52 Uhr

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