Pflegekräfte versorgen einen Patienten, der an Covid-19 erkrankt ist. | dpa

Pflegekräfte in Corona-Krise Der Applaus ist längst verhallt

Stand: 25.12.2020 19:18 Uhr

Applaus ist zu wenig - deshalb hat die Bundesregierung einen Corona-Bonus für Pflegekräfte auf den Weg gebracht. Doch Kritiker sagen: Das reicht nicht. Eine Prämie löse die Probleme nicht.

Von Claudia Plaß, ARD-Hauptstadtstudio

Die Pflege ist von der Corona-Pandemie besonders getroffen. Zu Beginn gab es viel Applaus. Zahlreiche Menschen standen abends auf ihren Balkonen und an Fenstern und bedankten sich mit Beifall für den Einsatz der Pflegekräfte, die in der Pandemie besondere Anerkennung verdienten.

Claudia Plaß ARD-Hauptstadtstudio

Die Politik hat seitdem einiges auf den Weg gebracht, um das Pflegepersonal zu entlasten. Kritiker sagen aber: Das reicht nicht. Zu wenig Geld, zu wenig Personal, zu hohe Arbeitsbelastung: Die Probleme in der Branche wurden schnell deutlich.

Applaus reiche nicht, sagte zum Beispiel Bundesarbeitsminister Hubertus Heil im Frühjahr - ebensowenig wie die da bereits beschlossenen höheren Pflege-Mindestlöhne. Gerade in dieser Zeit sehe man, dass die Leistungsträger nicht immer die im Anzug und mit Krawatte seien, sondern die "im Kittel, die in der Altenpflege und in der Krankenpflege arbeiten". Der SPD-Politiker forderte einen Tarifvertrag und mehr Geld für Pflegekräfte.

Pflegeboni für Alten- und Krankenpflegekräfte

Um den Pflegemangel zu bekämpfen, hatte die Bundesregierung 13.000 Stellen für Fachkräfte geschaffen. Allerdings konnte bislang nur ein Teil davon besetzt werden. Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbandes, war nicht die einzige, die die Mängel in der Branche aufzählte: Die "Arbeitszeiten sind für viele ein Problem, vor allem, wenn sie Familie und Beruf vereinbaren wollen", die Bezahlung sei schlecht, nicht zufriedenstellend sei auch die berufliche Weiterentwicklung.

Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn betonte, die Pflege müsse gestärkt werden. Pflege sei "die soziale Frage der 20er-Jahre", wiederholte der CDU-Politiker in der Corona-Pandemie. Ein Pflegebonus in Höhe von 1000 Euro plus 500 Euro Zuzahlung durch die Länder wurde auf den Weg gebracht. Die Einmalzahlung galt zunächst für Pflegekräfte in Altenheimen. Später wurde ein Bonus von bis zu 1000 Euro auch für Pflegekräfte in Krankenhäusern beschlossen - und zwar für Personal, das durch die Versorgung von Covid-19-Patienten besonders belastet ist. 

Zudem soll es noch einmal 20.000 Stellen für Pflegehilfskräfte geben, außerdem eine bessere Ausbildung. Mit Maßnahmen wie diesen wolle man, so Spahn, "den Pflegeberuf nicht nur durch Wertschätzung und Applaus stärken, sondern auch durch konkrete Veränderungen im Alltag".

Nach Tarifverhandlungen im Öffentlichen Dienst gibt es zudem mehr Geld. Pflegekräfte dürfen mit bis zu 8,7 Prozent mehr Lohn rechnen, Intensivkräfte erhalten bis zu zehn Prozent mehr - zusätzlich zum Corona-Bonus. Fachleute bemängeln allerdings, dass nur ein Teil des Pflegepersonals profitiert. Denn die meisten Krankenhäuser und Pflegeheime sind nicht in kommunaler Hand.

Kleine Schritte in die richtige Richtung

Die pflegepolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Kordula Schulz-Asche, bezeichnet die Maßnahmen für eine bessere Pflege im Gespräch mit dem ARD-Hauptstadtstudio als kleine Schritte in die richtige Richtung. Sie kritisiert allerdings die Corona-Prämien: Anstatt kurzfristiger Geldleistungen brauche es langfristig mehr Personal. 

Zudem reiche lediglich ein Gesetz für mehr Stellen nicht aus: Nur, weil Politik das wolle, kämen die Pflegekräfte nicht unbedingt. Da "muss man nochmal drangehen und muss einfach auch zu neuen modernen Strukturen der Pflegeversorgung kommen", wie sie sagt. Schulz-Asche fordert auch eine bessere Aus- und Weiterbildung für eine patientenorientierte Pflege. Sie hofft, dass die Krise künftig auch als Chance genutzt wird, um längst überfällige Verbesserungen auf den Weg zu bringen.

Prämien verursachen "mehr Ärger und Frustration"

Der Präsident des Deutschen Pflegerats, Franz Wagner, kritisiert die politischen Maßnahmen der vergangenen Monate als nicht ausreichend - Beispiel Corona-Prämien. Auf Anfrage des ARD-Hauptstadtstudios teilte er schriftlich mit: Die Prämien hätten "mehr Ärger und Frustration verursacht, als sie tatsächliche Anerkennung pflegerischer Arbeit darstellen". Die Verteilung erfolge sehr unterschiedlich. Sie werde zum großen Teil ergänzt durch Zuwendungen aus den Ländern. Das Vorgehen sei nicht einheitlich, insofern gebe keinen keinen Überblick. Bei den Krankenhäusern komme zudem nur ein kleiner Teil überhaupt für die Prämie infrage.

Auch Wagner spricht sich unter anderem für eine bessere Bezahlung und mehr Personal aus. Er fordert, dass "die Erfahrungen aus der Pandemie endlich ein politisches Umdenken bewirken". Es müsse langfristig und verlässlich in den Pflegeberuf investiert werden.

Bei einem digitalen Bürgerdialog mit Bundeskanzlerin Angela Merkel beschrieb die Pflegerin Ann-Sophie Bruchner kürzlich noch einmal die Situation in einem Heim vor Ort: Man habe sich einiges einfallen lassen, damit Heimbewohner und Angehörige Kontakt aufnehmen können. Sie wünsche sich "die Wertschätzung der Pflegekräfte. Die Wertschätzung, dass wir wichtig sind." Es sei wichtig, dass das in der Gesellschaft ankomme.

Über dieses Thema berichtete mdr Aktuell am 28. Dezember 2020 um 11:17 Uhr.

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KOMMENTARE

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dongo333 25.12.2020 • 22:12 Uhr

Ich bin Krankenpfleger

Getan wird nichts. Die meisten sind nicht im öffentlichen Dienst, bekommen keinen Cent mehr (75% privatisiert) Und das wird auch so bleiben. Man will Pflege schlicht nicht bezahlen, es zählt nach wie vor nur der Investor. ( der zahlt aber Politik vom ergatterten Geld!)