Jens Stoltenberg
Interview

Ein Jahr nach den Attentaten in Norwegen "Ein Ort des Lebens und der Freude wurde zur Hölle"

Stand: 20.07.2012 17:41 Uhr

Die Anschläge vom 22. Juli haben den norwegischen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg auch persönlich hart getroffen. Auf Utöya kamen viele Jugendpolitiker ums Leben, mit denen Stoltenberg befreundet war. Der Regierungschef selbst hatte viele Sommercamps auf Utöya erlebt und bezeichnete die Insel gerne als sein Jugendparadies. Sein Büro im Regierungsviertel von Oslo wurde durch den Bombenanschlag verwüstet.

Das ARD-Studio Stockholm hat Stoltenberg zu einem Gespräch auf Utöya getroffen.

ARD: Utöya ist menschenleer. Die Insel kommt einem traurig vor, aber auch friedlich. Wie wirkt Utöya heute auf Sie?

Jens Stoltenberg: Ich glaube, die Insel symbolisiert vieles von dem, was wir erlebt haben am 22. Juli. Weil Utöya für alle immer so ein friedlicher Ort war, mit viel Leben und Freude. Und dann plötzlich wurde es zur Hölle, in der Menschen getötet wurden. Deshalb steht man hier mit solch gemischten Gefühlen. Viele erinnern sich an Utöya als einen schönen Platz. Aber wenn man heute den Namen Utöya erwähnt, denkt die ganze Welt nur an Horror und Mord und  Leid. Wir müssen lernen, damit zu leben, dass Utöya beides bedeutet: Tod und Leben.

Blumen und norwegische Flaggen vor der Insel Utöya

Juli 2011 - Trauer auf der Insel Utöya (Archiv).

ARD: Was würden Sie sich für diese Insel in zehn Jahren wünschen?

Stoltenberg: Ich habe mich entschlossen, keine Ratschläge zu geben. Denn ich glaube, was unsere Jugendorganisation im Moment macht, ist sehr klug. Sie lässt sich Zeit damit und sucht das Gespräch mit den Überlebenden und Angehörigen. Und sie versucht so, einen Weg zu finden, beide Gefühle dieser Insel gegenüber zu versöhnen. Das Bedürfnis, an die Menschen zu erinnern, die hier gestorben sind und auf der anderen Seite der Wunsch weiterzumachen - und Utöya wieder zu dem zu machen, was es war. Ich als Regierungschef werde da keine Ratschläge geben. Das überlasse ich denen, die davon direkt betroffen sind.

Jens Stoltenberg
Zur Person

Der Sozialdemokrat Jens Stoltenberg ist seit 2005 norwegischer Ministerpräsident. Bei dem Bombenanschlag auf das Regierungsviertel in Oslo wurde auch sein Büro verwüstet. Auf der Insel Utöya kamen viele Freunde von Stoltenberg ums Leben. Der Regierungschef, der lange Vorsitzender der Jugendorganisation der Arbeiterpartei war, hat selbst an vielen Sommercamps auf Utöya teilgenommen und bezeichnet die Insel als sein "Jugendparadies". Stoltenberg hat immer wieder betont, dass Norwegen sich von den Taten nicht einschüchtern lasse und eine offene, tolerante Gesellschaft bleiben werde. Stoltenberg ist verheiratet und hat zwei Kinder.

ARD: Am Sonntag gedenkt Norwegen der Opfer der Attentate. Was für eine Botschaft wünschen Sie sich für diesen Tag?

Stoltenberg: Dass wir diejenigen, die ihr Leben verloren haben, nicht vergessen werden. Auch die nicht, die verletzt worden sind und damit den Rest ihres Leben zu kämpfen haben. Und wir vergessen auch die Angehörigen nicht. Dazu möchten wir denen unseren Respekt zeigen, die geholfen haben - den vielen Freiwilligen. Denjenigen, die hier am See mit ihren Booten geholfen haben und den vielen anderen, die geholfen haben, Leben zu retten und den 22. Juli zu verarbeiten.

Die Fragen stellte Clas Oliver Richter, ARD-Studio Stockholm

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KOMMENTARE

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Werner40 21.07.2012 • 00:00 Uhr

Norwegen hat klar erkannt,

Norwegen hat klar erkannt, dass es immer gestörte Spinner geben wird und dies kein Grund sein darf die bürgerlichen Freiheitsrechte einzuschränken. Meine Hochachtung. Ganz anders als die USA z.B. die nach 9/11 mit ihrem neu geschaffenen Heimatschutzministerium, Guantanamo und dem Krieg in Afghanistan nicht nur die Bürgerrechte massiv eingeschränkt haben ( unbeschränkte Inhaftierung ohne Anklage etc.)sondern auch Kriegskosten von 120 Milliarden $ im Jahr finanzieren müssen. Das sind alleine schon 40 Millionen Dollar pro 9/11 Opfer und Jahr, die in die Verbrechensbekämpfung ( extreme Mordrate ) im Inland besser investiert wären.