Tausende Menschen demonstrieren in Minsk gegen Staatschef Lukaschenko - viele von ihnen schwenken weiß-rot-weiße Fahnen. | AP

Massenproteste in Belarus Kein bisschen ermüdet

Stand: 07.09.2020 02:53 Uhr

Am fünften Sonntag in Folge haben Zehntausende in Belarus demonstriert - trotz eines massiven Polizeiaufgebots. Es gab gewalttätige Festnahmen. Trotzdem zeigt sich die Opposition einiger denn je.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

"Einer für alle, alle für Einen", skandierten mehr als 100.000 Menschen an diesem Wochenende in den belarussischen Städten. Die Aktivisten hatten zum Marsch der Einheit aufgerufen. Und gekommen waren Alte und Junge, Ärzte, Arbeiter und Studenten, Familien mit Kindern. Während der Staatsapparat Schützenpanzer und Wasserwerfer auffahren ließ, steckten Demonstranten Blumen und Plakate in den Stacheldraht, hinter dem sich die Sicherheitskräfte verschanzt hatten. 

Christina Nagel ARD-Studio Moskau

"Dass sich so viele Menschen zusammengetan haben, um ihre Stimmen und ihre Rechte zu verteidigen, um ihren Protest gegen die Gewalt zu äußern, ist absolut positiv. Wir möchten zeigen, dass wir viele sind", sagt Sergej. Wenn von jemanden Gewalt ausgehe, ist sich der junge Vater sicher, dann nicht von den Demonstranten, sondern von den Einsatzkräften. Die gingen am Wochenende bei zahllosen Festnahmen nicht gerade zimperlich vor. Es gab Verletzte. Einige mussten ärztlich behandelt werden.

Gewalt und Willkür sind es, die immer mehr Menschen auf die Straßen bringen. So wie Marina: "Wir wollen normale ehrliche Wahlen. Wir wollen in einem normalen Land leben, mit einem normalen Präsidenten, der seine Bürger nicht misshandelt."

 

Druck auf Oppositionsspitze wächst

Der Druck auf Kritiker hatte am Wochenende noch einmal zugenommen. Das bekamen auch die Mitglieder des Koordinierungsrates, der zwischen den Demonstrierenden und der politischen Führung vermitteln will, zu spüren. Eine Vertraute von Lukaschenkos Herausforderin Swetlana Tichanowskaja wurde von den Behörden gezwungen, das Land zu verlassen. Ihr sei gedroht worden, erklärte Olga Kowalkowa in Warschau, dass sie sehr lange in Isolationshaft sitze würde, wenn sie nicht ausreise.

Aber auch im Exil, das machte das Frauen-Team um Tichanowskaja in einer gemeinsamen Videoschalte klar, gelte das Motto des Marsches: "Einer für alle, alle für einen. Wir sind zusammen. So wie wir früher zusammen waren. Wir handeln auch weiter gemeinsam. (…) So wie auch das gesamte belarussische Volk zusammenhält."

Tichanowskaja warnte davor, denjenigen Glauben zu schenken, die von einer Spaltung der Opposition sprechen würden. Es sei nichts als Propaganda. Das gemeinsame Ziel blieben der Rücktritt des Präsidenten, Neuwahlen und der Aufbau eines demokratisches Staates

"Nicht nur Lukaschenko ist veraltet"

Denn es gehe, sagt auch der junge Vater Sergej, letztlich nicht nur um den Präsidenten: "Nicht nur Lukaschenko ist veraltet. Veraltet ist auch das System, das aufgebaut wurde. Sie haben zwar versucht, die Wirtschaft zu modernisieren. Man muss aber auch das politische System modernisieren." Selbst diejenigen, die sich Stabilität wünschten, könnten angesichts der Gewalt nicht mehr schweigen.

Von Ermüdungserscheinungen ist bei der Demokratiebewegung auch am fünften Protestsonntag in Folge nichts zu spüren. Aber auch die politische Führung in Belarus ist weit entfernt davon, klein beizugeben.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 06. September 2020 um 20:00 Uhr.