Ein Mann in der historische Stadt Babylon im Irak | Bildquelle: REUTERS

Weltkulturerbe im Irak Herrscher gehen, Babylon bleibt

Stand: 04.11.2019 04:46 Uhr

Babylon im Irak gilt als eine der wichtigsten Städte des Altertums. Mitte des Jahres erklärte sie die UNESCO zum Weltkulturerbe. Babylon gerät damit wieder mehr in den Fokus - von Einheimischen und Touristen.

Eine Reportage von Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo

Makram Mohammed schließt ein schweres Eisentor auf, steigt eine Treppe aus Stein hinab. Der Touristenführer tritt ganz nah an die große, alte Mauer heran, liest die Keilschrift auf den Ziegelsteinen: "Dinga-nabu-gudurri-oser / The God Nabu protect my dynasty." (Möge Gott meine Nachkommen beschützen.)

Stiere und Fabelwesen heben sich von den Ziegeln ab. Prachtvolle Reliefs, die antike Gottheiten darstellen. Sie gleichen den Wesen, die das Ischtar-Tor im Pergamon-Museum in Berlin schmücken - nur dass sie nicht farbig sind, sondern hellbraun wie die Ziegel - und vielleicht deshalb noch vorhanden in Babylon, einer der wichtigsten Städte des Altertums.

Touristenführer Makram Mohammed | Bildquelle: ARD
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Makram Mohammed führt durch das Weltkulturerbe Babylon.

Es kommen wieder Besucher

Hunderte Forscher hat Babylon in ihren Bann gezogen, später auch Touristen aus aller Welt. Doch dann wurde es still um die berühmten Ruinen: Im Irak herrschte Krieg, und US-Soldaten richteten einen Stützpunkt ein. Mittlerweile kommen wieder Besucher: Ahmed und seine Freundin Zeinab betrachten andächtig die alten Mauern.

"Dieser Ort ist wichtig für den Irak. Er strahlt Kultur aus und zeichnet ein positives Bild von unserem Land. Das motiviert Touristen, den Irak zu besuchen und die vorchristlichen Epochen zu erkunden - und zu erfahren, wie die Menschen damals gelebt haben", sagt Ahmed.
 
Babylon wurde bereits im dritten Jahrtausend vor Christus gegründet. Über diese frühe Siedlungszeit ist kaum etwas bekannt. Doch die Bauwerke, die im sechsten Jahrhundert vor Christus unter dem neubabylonischen König Nebukadnezar II. entstanden, sind in Teilen bis heute erhalten. Sie zeugen von der Pracht und dem Einfluss der babylonischen Hauptstadt.

Unter Saddam Hussein rekonstruiert
 

Makram klatscht in die Hände. Das Echo hallt zwischen den gewaltigen Mauern. Unter Saddam Hussein wurden sie in den 1970er- und 1980er-Jahren rekonstruiert. Die modernen Ziegel sind leicht erkennbar: Der frühere Herrscher im Irak ließ sie mit seinem Namen versehen - und sich auf einem künstlich errichteten Hügel einen Palast bauen.

Makram erinnert sich nicht ungern an diese Zeit: "Wir haben ihn getroffen. Er hat uns sogar begrüßt und uns die Hand gegeben. Als eine Blockade gegen den Irak verhängt wurde, haben wir beim Bau mitgeholfen. Dafür bekamen wir 2000 Dinar, umgerechnet zwei Dollar. Er begutachtete die Arbeiten. Und immer wenn er kam, bekamen wir eine Belohnung." Heute trohnt der riesige Bau über den Stätten von Babylon - ungenutzt.

Pfadfinder aus Nadschaf | Bildquelle: ARD
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Pfadfinder aus Nadschaf sollen "die Bedeutung von Babylon kennenlernen."

Ein Gruppe junger Pfadfinder aus Nadschaf schlendert vorbei, versammelt sich um einen imposanten Löwen aus Granit. Hazem Al-Kaabi begleitet die zehn- bis zwölfjährigen Jungen: "Dieser Besuch bedeutet uns sehr viel. Wir zeigen uns solidarisch mit unserer Geschichte und unseren Altertümern. Wir unterstützen die Aufnahme von Babylon in die Liste des Weltkulturerbes. Unsere Schulen und Kinder sollen die Bedeutung von Babylon kennenlernen."
 
Nur wenige Menschen besuchen Babylon im Spätsommer - kein Wunder bei Temperaturen von weit über vierzig Grad. Im Winter, wenn es kühler wird, lädt das weite Areal zum Spazierengehen ein - über die antike Prachtstraße, durch das Labyrinth der alten Mauern bis zum Ufer des Euphrat.

Noch nicht auf hohe Besucherzahlen vorbereitet

Auf großen Andrang ist Babylon allerdings nicht eingerichtet. Das soll bald ändern, erklärt der Architekt Nour Diaa: "Nach der Aufnahme von Babylon in die Liste des Weltkulturerbes haben wir einen Plan vorbereitet. Uns stehen finanzielle Mittel zur Verfügung, um die besonders gefährdeten Bauten zu restaurieren. Zu den Projekten gehört auch ein Weg, der den Besuchern die Richtung weist und sie auf Distanz von den antiken Bauten hält."

Die haben schon einiges aushalten müssen. Als im Jahr 2003 die Amerikaner im Irak einmarschierten, errichteten sie in Babylon einen Militärstützpunkt. Makram Mohammed erinnert sich: "Als die US-Soldaten hier einmarschierten, wurden viele Altertümer zerstört und gestohlen. Ich habe ihnen gesagt: Das ist unsere Geschichte, nicht eure. Sie haben mich verhaftet und 18 Tage festgehalten. 18 Tage lang habe ich die Sonne nicht gesehen. Aber das war aus Liebe zu meinem Babylon."
 
Makram ist im angrenzenden Dorf aufgewachsen. Er und zwei seiner Brüder arbeiten seit mehr als dreißig Jahren hier. Wenn Makram Mohammed von Babylon erzählt, strahlen seine Augen immer noch: "Babylon ist das Blut in meinen Adern. Babylon ist für mich wichtiger als meine Familie und meine Kinder. Denn ich sehe in Babylon das Menschliche, das Gerechte und die Weisheit. Alle Herrscher sind vergangen - aber Babylon ist geblieben. Wenn man mich um eine Gabe aus Babylon bittet, dann sage ich: Nehmen sie einen Sohn von mir, aber keinen Stein von Babylon."

Weltkulturerbe: Babylon im Irak
Anne Allmeling, ARD Kairo
03.11.2019 18:30 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. November 2019 um 05:25 Uhr.

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