Eine Rakete des Typs "Kheibar-Shekan". | EPA

Atomverhandlungen Iranische Raketen - Gefahr für Israel?

Stand: 12.03.2022 03:37 Uhr

Seit Jahrzehnten entwickelt der Iran Mittelstreckenraketen. Nun sind sie einer der Gründe, warum Israel sich durch ein näherrückendes Atomabkommen bedroht sieht. Wie weit ist das Programm fortgeschritten?

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

"Eine Pause aufgrund externer Faktoren" sei in den Atomverhandlungen zwischen dem Iran, den Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats und Deutschland nötig, twitterte jüngst der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell. Er wolle sich als Koordinator aber dafür einsetzen, dass das aktuelle Patt überwunden werde - denn die Schlussversion eines Abkommen-Textes liege so gut wie fertig vor.

Oliver Mayer-Rüth ARD-Studio Istanbul

Vor einer Woche war Rafael Mariano Grossi, Chef der internationalen Atomenergiebehörde IAEA, in Teheran. Im Anschluss hieß es, die Behörde habe mit dem Regime einen Fahrplan vereinbart, um ausstehende Antworten zu Irans Atomprogramm zu bekommen und damit den Weg für eine Erneuerung von JCPOA zu ebnen. Dies hätte laut Beobachtern zur schnellen Unterzeichnung eines erneuten Abkommens führen können.

Inzwischen steht allerdings Russland aufgrund der westlichen Sanktionen nach dem Angriff russischer Truppen auf die Ukraine auf der Bremse und verlangt, seine wirtschaftlichen Beziehungen zum Iran müssten von den Sanktionen ausgenommen werden. Außerdem gibt es offenbar neuen Zwist zu Details des Abkommens zwischen Washington und Teheran. Ein Grund könnte Teherans Raketenprogramm sein.

Iran entwickelt seit 1984 Raketen

Mehdi Bakhtiari, Chefredakteur der Nachrichtenagentur Tasnim, gilt als Sprachrohr der iranischen Revolutionsgarden, die von den USA als Terrororganisation eingestuft wurden. Er erzählt lange von der Geschichte des iranischen Raketenbaus, deren Beginn er mit 1984 datiert: Damals habe der Irak den Iran angegriffen. Das Regime habe sich nicht angemessen wehren können, weil es nicht über die entsprechende Waffentechnologie verfügte. Deshalb kaufte der Iran dem libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi acht Scud-Raketen russischer Bauart ab. Sechs der Raketen feuerte die iranische Armee auf den Irak ab, die zwei übrigen seien auseinandergebaut worden, um die Technologie zu studieren und selbst Raketen nachbauen zu können.

Heute sind iranische Mittelstreckenraketen einer der Gründe, warum Israel ein näher rückendes Atomabkommen mit großer Skepsis sieht. Ein ranghoher Mitarbeiter des israelischen Außenministeriums, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will, sagt im Gespräch mit der ARD, der Iran verfüge bereits über Hunderte, wenn nicht Tausende Kurz- und Mittelstreckenraketen.

Die Zahlen sind nicht verifizierbar, und die israelische Regierung ist für bisweilen alarmistische Prophezeiungen bekannt. Mit Mittelstreckenraketen einer Reichweite von 1100 Kilometer, von denen er unter anderem spricht, könnte der Iran allerdings Israel treffen. Besonders bedenklich ist aus Sicht der israelischen Regierung, dass das iranische Raketenprogramm schon nicht Teil des bisherigen von Ex-US-Präsident Donald Trump 2018 gekündigten Atomabkommens JCPOA war, dessen Nachfolgedokument jetzt verhandelt wird.

Ein Name mit Symbolcharakter

Bakhtiari von der Nachrichtenagentur Tasnim erklärt, der Iran habe bereits 2003 im Land gefertige Shahab-Raketen an seine Streitkräfte übergeben, die eine Reichweite von 1100 Kilometern hätten. Danach hätten sich die Revolutionsgarden das Ziel gesetzt, eine Rakete zu bauen, die 2000 Kilometer weit fliegt und somit jedes Ziel auf dem Boden "des Feindes" - also Israels - treffen könnte, so Bakhtiari. Neben der Reichweite sei die Zielgenauigkeit ein wichtiger Faktor.

Zuletzt sei der Raketentyp "Kheibar-Shekan" mit einer Reichweite von 1450 Kilometern der iranischen Öffentlichkeit präsentiert worden, deren Zielgenauigkeit und Ladekapazität unbekannt sind - Bakhtiari geht anhand der Größe von maximal 500 Kilogramm Ladekapazität aus. Die Rakete "Kheibar-Shekan" sei nach einer jüdischen Provinz zur Zeit des Propheten Mohammeds im heutigen Saudi-Arabien benannt - ein Name mit großer Symbolik: Im historischen Gebiet Chaibar gab es mehrere jüdische Festungen, Shekan stehe für "brechen".

Abschluss noch vor Nouruz?

Der Mitarbeiter des israelischen Außenministeriums äußert sich alarmiert: Weil der Iran inzwischen mehr als 30 Kilogramm 60-prozentig angereicherten Urans produziert habe, sei das Regime in Teheran in der Lage, innerhalb kürzester Zeit genug 90-prozentig angereichertes Uran herzustellen, meint er - 27 Kilogramm davon reichten für einen Atomsprengkopf, der Israel existentiell bedrohe. Der Iran sei seinem Ziel folglich schon sehr nahe, folgert der Mitarbeiter des israelischen Außenministeriums daraus.

Am 21. März feiert der Iran das persische Neujahrsfest Nouruz. Danach steht das Land mindestens eine Woche still. Wenn bis dahin kein Abkommen unterzeichnet wird, könnten sich die Verhandlungen deutlich verzögern und möglicherweise sogar komplett scheitern. Das Raketenprogramm und die Produktion von hochangereichertem Uran dürften ungebremst weitergehen.

Über dieses Thema berichteten Deutschlandfunk am 15. Februar 2022 um 06:45 Uhr und die tagesthemen am 11. März 2022 um 21:45 Uhr.