Soldaten stehen am Fliegerhorst Wunstorf vor dem Abflug nach Afghanistan | dpa

Afghanistan Deutsche Rettungsaktion angelaufen

Stand: 16.08.2021 13:14 Uhr

Mehrere Bundeswehrmaschinen sind unterwegs nach Afghanistan, um Deutsche und Ortskräfte nach der Machtübernahme der Taliban in Sicherheit zu bringen. Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Kabul wurden bereits mit einer US-Maschine ausgeflogen.

Die Bundeswehr ist zur Rettung deutscher Staatsbürger und afghanischer Ortskräfte mit mehreren Transportflugzeugen nach Afghanistan aufgebrochen.

Am niedersächsischen Fliegerhorst in Wunstorf war am Morgen eine erste Maschine des Typs A400M mit deutschen Soldaten an Bord gestartet. Sie soll Sicherheitskreisen zufolge zwischen Kabul und der usbekischen Hauptstadt Taschkent hin- und herfliegen, um so viele Menschen wie möglich aus Afghanistan rauszubringen. Inzwischen sind weitere Maschinen der deutschen Luftwaffe auf dem Weg nach Kabul.

Die Fallschirmjäger der Division Schnelle Kräfte sind speziell für solche Einsätze ausgebildet. Zudem sind deutsche Militärpolizisten ("Feldjäger") und Bundeswehrsanitäter beteiligt.

40 Mitarbeiter nach Katar ausgeflogen

In der Nacht landeten nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa 40 Mitarbeiter der deutschen Botschaft mit einem US-Flugzeug in Doha im Golfemirat Katar. An Bord der Maschine waren auch vier Angehörige der Schweizer Vertretung in Afghanistan.

Gestern waren alle Mitarbeiter der deutschen Botschaft und anderer Landesvertretungen zum Flughafen gebracht worden, der von Tausenden US-Soldaten abgesichert wird.

Erstes Ziel Taschkent

Die Rettungsaktion wird mit mehreren Maschinen vom Typ A400M fortgesetzt. Die Flugzeuge, die Platz für 114 Passagiere bieten und über besonderen Schutz gegen Angriffe beispielsweise mit Raketen verfügen, fliegen die Betroffenen zunächst nach Taschkent im Nachbarland Usbekistan aus. Von dort geht es mit zivilen Maschinen weiter nach Deutschland.

Es geht um Tausende Ortskräfte

Die Gesamtzahl deutscher Staatsbürger, die bis Sonntag noch in Kabul waren, wurde auf mehr als 100 geschätzt. Um wie viele Ortskräfte es geht, ist unklar. Allein in der staatlichen Entwicklungshilfe waren zuletzt noch 1100 Afghanen in deutschem Auftrag tätig. Hinzu kommen Tausende ehemalige Ortskräfte der Bundeswehr oder der Bundesministerien.

Es ist der bislang wohl größte Evakuierungseinsatz der Bundeswehr - und ein besonders brisanter. "Fest steht: Es ist ein gefährlicher Einsatz für unsere Soldatinnen und Soldaten", schrieb das Verteidigungsministerium am Montag auf Twitter.

Krisenunterstützungsteams vor Ort

Nach Angaben aus Sicherheitskreisen ist zudem ein sogenanntes Krisenunterstützungsteam aus Experten verschiedener Ministerien auf dem Weg nach Kabul. In der usbekischen Hauptstadt Taschkent soll ein zweites Team eine Drehscheibe für die Rettung von Menschen vor den Islamisten organisieren.

Nach Angaben von Bundesaußenminister Heiko Maas wird ein "operatives Kernteam" der Botschaft in Kabul am militärisch gesicherten Teil des Flughafens bleiben, um die Arbeitsfähigkeit der Botschaft zu erhalten und um die weiteren Evakuierungsmaßnahmen mit begleiten zu können.

Mehrere hundert deutsche Soldaten eingeplant

Für den Evakuierungseinsatz der Bundeswehr plant die Bundesregierung ein Parlamentsmandat für "einige hundert Soldaten". Dies teilte die Regierung am Sonntagabend bei einer Unterrichtung von Bundeskanzlerin Angela Merkel für die Spitzen der Bundestagsfraktionen mit, wie das ARD-Hauptstadtstudio aus Teilnehmerkreisen erfuhr.

Am Mittwoch solle das Kabinett die Vorlage verabschieden, in der kommenden Woche dann der Bundestag in einer Sondersitzung abstimmen. Nach Konsultation mit den USA gehe die Bundesregierung von einem "Operationsfenster bis zum 31. August" aus, hieß es weiter. Die Regierung wollte aber nicht ausschließen, dass sich dieses Fenster für die Evakuierungseinsätze der Bundeswehr früher schließt.

Sondersitzung des Verteidigungsausschusses

Außerdem will sich der Verteidigungsausschuss des Bundestags noch diese Woche am Mittwoch zu einer Sondersitzung treffen. Die Obleute des Gremiums seien sich einig, dass dies vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen und des Evakuierungseinsatzes der Bundeswehr zeitnah notwendig sei, heißt es in einem Schreiben des Vorsitzenden Wolfgang Hellmich (SPD) an Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU), das der Nachrichtenagentur dpa vorlag. Ebenfalls für Mittwoch ist nach dpa-Informationen bereits am Vormittag eine Sitzung des Auswärtigen Ausschusses geplant.

Scharfe Kritik am Ablauf

Am Tempo der Evakuierungsaktion gibt es indes massive Kritik aus der Opposition. Der FDP-Außenexperte Alexander Graf Lambsdorff sagte der "Welt", Maas, Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer und Innenminister Horst Seehofer hätten "auf ganzer Linie versagt".

Auch für Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter ist die Aktion zu spät angelaufen. "Man muss sich fragen, warum die Bundesregierung so überrascht wirkt vom schnellen Vorstoß der Taliban", sagte er der Nachrichtenagentur dpa.

Der außenpolitische Sprecher der Grünen, Omid Nouripour, sagte im ARD-Morgenmagazin: "Die Bundesregierung hat jahrelang Zeit gehabt, einen Plan zu machen für diesen Augenblick. Und dieser Plan ist ausgeblieben. Damit hat die Bundesregierung versagt."

Der Fraktionsgeschäftsführer der Linkspartei im Bundestag, Jan Korte, nannte das Agieren vor allem von Maas "skandalös". Korte warf dem Außenminister vor, damit Menschenleben zu gefährden.

AfD-Fraktionschef Alexander Gauland kritisierte in der "Welt", die Bundesregierung habe den richtigen Zeitpunkt für die Evakuierung "verschlafen".

Mützenich verteidigt Maas

Der Fraktionschef der SPD im Bundestag, Rolf Mützenich, hatte dagegen bereits am Sonntag Vorwürfe gegen Maas zurückgewiesen. "Heiko Maas leitet nicht nur den Einsatzstab zur Rettung der deutschen Staatsangehörigen und Botschaftskräfte, sondern hat sich in den letzten Wochen auch intensiv um die Ausreise der afghanischen Ortskräfte und weiterer Menschen, die über die Unterstützung der Bundeswehr hinaus vor Ort tätig sind, gekümmert." Zudem befinde er sich im ständigen Austausch mit den internationalen Partnern.

Über dieses Thema berichtete am 16. August 2021 das Erste um 07:38 Uhr im ARD-Morgenmagazin und die tagesschau um 09:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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KowaIski 16.08.2021 • 11:23 Uhr

@ Parteibuchgesheuert

Dank den Amerikanern ist etwas angelaufen aber nicht Dank der Merkel Regierung. Dank beider. Jedenfalls dann, wenn man die Absicht hätte, sachlich und fair zu bleiben. Wenn das Bashing nicht im Vordergrund stünde.