Abiy Ahmed | Bildquelle: REUTERS

Ahmed ein Jahr im Amt Äthiopiens radikaler Reformer

Stand: 01.04.2019 12:32 Uhr

Seitdem er im Amt ist, entließ Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed Ali politische Gefangene und holte viele Frauen in sein Kabinett. Mit den Veränderungen steigen aber auch die Erwartungen im Land.

Von Caroline Hoffmann, ARD-Studio Nairobi

Die Hoffnung ist überall spürbar auf den Straßen von Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba. Ein Jahr ist der neue Premierminister Abiy Ahmed Ali jetzt im Amt, und viele hier feiern ihn wie einen Popstar. "Er ist ein guter Mann und bringt uns Veränderung", sagt Jember Zeleke. "Deshalb nenne ich ihn einen Propheten." Emberet Sete ergänzt: "Wegen Abiy gibt es jetzt viel Glück in unserem Land". Und auf der Straße könne man nun endlich frei seine Meinung sagen, sogar über die Politik und die Politiker.

Kehrtwende in Äthiopien

Abiy Ahmed - er steht für eine Kehrtwende in der äthiopischen Politik. Das Land wird seit mehr als 25 Jahren von der Revolutionären Demokratischen Front der Äthiopischen Völker (EPRDF) regiert, einer Koalition aus vier Parteien. Menschenrechte wurden von dieser Koalition oft mit Füßen getreten. Auch Abiy Ahmed kommt aus dieser Koalition. Vor einem Jahr kam er an die Macht und überraschte den ganzen afrikanischen Kontinent mit seinem Reformkurs.  

Der äthiopische Präsident Abiy Ahmed | Bildquelle: AFP
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Der äthiopische Präsident Abiy Ahmed Aly steht für eine Kehrtwende, er hat radikale Reformen durchgesetzt.

Radikale Reformen

Der 42-Jährige schloss Frieden mit dem Erzfeind Eritrea und entließ politische Gefangene. Er bekämpfte die Korruption im Land, besetzte die Hälfte seines Kabinetts mit Frauen und machte eine Oppositionelle zur Vorsitzenden der Wahlkommission. "Er war ein Insider. Er war im Militär. Mitglied des Geheimdienstes. Er wurde als sichere Wahl betrachtet. Niemand hat erwartet, dass er in kürzester Zeit so radikale Reformen in einem so starken und unbeugsamen Staat durchführen würde", erklärt Rashid Abdi, Ostafrika-Direktor der International Crisis Group. So viel Veränderung gefalle nicht jedem im Land.

Auf eine seiner Kundgebungen wurde ein Anschlag verübt, im vergangenen Oktober stürmten Soldaten seinen Amtssitz. Der Premier machte Liegestütze mit ihnen, konnte den Putschversuch abwenden.

Immer noch wirtschaftliche und soziale Probleme

Und nicht nur deshalb ist noch längst nicht entschieden, ob Ahmed am Ende erfolgreich bleibt. Gerade die jungen Leute im Land schauen skeptisch zu, ob er wirklich liefern kann.

Maeze Mohamed ist vorsichtig mit ihrem Urteil. Die junge Lehrerin war in der Opposition aktiv, wurde bei Demonstrationen gegen das alte Regime immer wieder festgenommen. "Jetzt muss ich nicht mehr auf die Straße gehen, nicht mehr demonstrieren", sagt sie. Die politische Situation habe sich verändert, aber es gäbe immer noch wirtschaftliche Schwierigkeiten und soziale Probleme. Die jungen Leute hätten nicht genug Arbeit.

Maeze Mohamed | Bildquelle: WDR
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Die Lehrerin Maeze Mohmed ist vorsichtig, es gäbe immer noch viele Probleme.

Zwar wächst die Wirtschaft in Äthiopien in diesem Jahr um fast acht Prozent, doch viele junge Menschen suchen dringend einen Job. Das hohe Reformtempo sei auch riskant, sagt Abdi: "Der Premierminister hat hohe Erwartungen geweckt. Und wenn Du Millionen junge Menschen hast und in ihnen diese Hoffnung weckst, und Du schaffst es nicht zu liefern, dann wird Dir das Probleme schaffen."

Mehr als 80 Volksgruppen

Hinzu kommt, dass Äthiopien ein sehr diverses Land ist. Mehr als 80 verschiedene Volksgruppen leben hier. "Als Abiy Ahmed an die Macht kam, öffnete sich sozusagen der Deckel", sagt Abdi. "All die ethnischen Spannungen brachen offen aus. Sie sind nicht neu, aber jetzt an die Oberfläche gekommen." Fast drei Millionen Menschen seien aufgrund von Konflikten im ganzen Land vertrieben worden.

Amina Yuya Hassen gehört zur Volksgruppe Oromo. Vor etwa zehn Monaten wurde ihre Stadt im Osten des Landes von somalischen Stämmen überfallen. "Kinder wurden in den Fluss geworfen. Sie töteten schwangere Frauen. Viele wurden geschlagen, mit Stöcken, an denen Nägel waren. Das Blut floss in den Straßen wie das Wasser", erzählt sie. Mit ihren Kindern hat sie es in ein Lager geschafft. Die Regierung hat Wellblechhütten für sie aufgestellt. 550 Menschen leben in dem Lager, sie haben nur fünf Toiletten. Die Menschen haben keine Arbeit, das Essen ist knapp.

Amina Yuya Hassen | Bildquelle: WDR
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Amina Yuya Hassen gehört zur Volksgruppe Oromo, ihre Stadt wurde von somalischen Stämmen überfallen.

Ahmed ist die kritische Lage durchaus bewusst. Eine Million der intern Vertriebenen werde bald wieder nach Hause zurückkehren können, sagte er Ende vergangener Woche. Es sei beschämend, dass dies in Zeiten des Wechsels passiere.

Leben in Armut

Hassen hofft, dass dies bald auch für sie und ihre Kinder gilt. "Ich lebe in Armut, meine Kinder bekommen keine gute Bildung hier. Schuhe und Kleidung fehlen. Ich kann noch nicht mal Seife kaufen. Und das ist nicht nur mein Problem, sondern ich teile es mit allen Vertriebenen hier", sagt sie. Ganz langsam geht Hassen die Geduld mit ihrem Premierminister aus. Doch noch hofft sie, dass Ahmed sie unterstützen und ganz Äthiopien in eine stabile Demokratie führen kann.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. Januar 2019 um 07:45 Uhr.

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